100 Jahre Erster Weltkrieg: Der weiße Tod

100 Jahre Erster Weltkrieg: Der weiße Tod

Österreich vor genau 100 Jahren: Bis zum Jahrestag des Kriegsausbruchs am 28. Juli stellt profil in der Serie „Der Countdown zum Krieg“ anhand von Zeitdokumenten dar, wie ahnungslos und unvorbereitet eine Gesellschaft in die Katastrophe schlitterte.

Obwohl Österreich-Ungarn, Deutschland und Italien noch im „Dreibund“ vereint sind, traut die österreichische Armeeführung den Italienern nicht. Immer öfter werden nun Skikurse und Übungen im Hochgebirge angesetzt. In der ersten Märzwoche des Jahres 1914 steigt eine 16-köpfige Einheit des Dritten Landschützen-Regiments mit Skiern die Flanke des Ortler in Südtirol hoch, mit 3899 Metern der höchste Berg der Monarchie. Am 4. März um 16 Uhr löst sich knapp unter der Tabaretta-Scharte ein Schneebrett. Der junge Leutnant Gaidoli erkennt rechtzeitig die Gefahr und fährt im Schuss den Berg hinab. Eine zweite Lawine erreicht auch ihn, er kann sich aber selbst befreien. Alle anderen Soldaten kommen ums Leben. Als Italien 1915 an der Seite der Entente in den Krieg eintritt, sind die Karnischen Alpen und die Dolomiten Schauplatz gnadenloser Kämpfe. Innerhalb eines Jahres sterben allein 10.000 österreichische Soldaten unter Lawinen. Im Frühjahr 1916 unterminieren die Italiener den Col di Lana, 200 Soldaten werden verschüttet, nur ein einziger kann sich ins Tal retten. Im Gegenzug sprengen die Österreicher einen Nebengipfel, 1100 Italiener sterben unter den Gesteinsmassen.

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Die Selbstmordrate bleibt auch im beginnenden Frühling überaus hoch. Am Wiener Nordbahnhof muss die Rettung den 34-jährigen Regimentsarzt Dr. Roman Elscher aus dem aus Krakau kommenden Schlafwagen bergen. Er hatte versucht, sich mit einer Überdosis Morphium das Leben zu nehmen. Das einfache Volk bedient sich billigerer Gifte. Die 21-jährige Hilfsarbeiterin Therese B. aus der Schanzstraße in Wien Penzing trinkt aus Verzweiflung über den Verlust ihres Arbeitsplatzes Laugenessenz und wird mit schwersten Verätzungen ins Spital gebracht. Die 18-jährige Anna W. aus der Kaiserstraße versucht es mit dem Desinfektionsmittel Lysol. Auch sie wird in letzter Sekunde gerettet.

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„Was gehört zum Wissensgebiet der gebildeten Frau?“, heißt eine Veranstaltungsserie der Katholischen Frauenbewegung. Die Antworten fallen eindeutig aus. „Rationelle Ernährung und Haushaltskunde“ (Vortragende: „Fräulein Marie Kaserer“), „Krankenpflege im Haus“ und „Säuglings- und Kinderpflege“, die bemerkenswerterweise von „Herrn Dr. Ritter von Reuߓ unterrichtet wird.

Die bürgerliche, aber auch die liberale Presse agitiert inzwischen gegen das Frauenwahlrecht, für das in Großbritannien und den USA immer mehr sogenannte Suffragetten auf die Straße gehen. Amüsiert berichtet etwa die „Neue Freie Presse“ von einer „grimmigen Enttäuschung“ der Frauenrechtlerinnen: Bei den Gemeinderatswahlen in Chicago, bei denen erstmals Frauen stimmberechtigt waren, nahmen nur 47.000 der 158.000 Einwohnerinnen ihr Stimmrecht wahr. Viele Frauenrechtlerinnen hätten sich durch dieses „Fiasko“ überzeugen lassen, dass das Stimmrecht ein Irrweg sei, glaubt die „Neue Freie Presse“ zu wissen.

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An der Grenze zwischen dem von Österreich annektierten Bosnien und Montenegro kommt es zu einem ernsten Zwischenfall: Eine österreichische Grenzpatrouille und eine montenegrinische Einheit liefern sich auf einem Saumpfad ein Feuergefecht, bei dem vier Montenegriner getötet werden. Die Österreicher verzeichnen keine Verluste. Im August 1914 wird Montenegro an der Seite Serbiens in den Krieg eintreten und innerhalb von zwei Jahren völlig aufgerieben werden. 1916 schließt Montenegro einen Waffenstillstand mit Österreich-Ungarn.

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Das Gerücht von einer Probemobilisierung in Russland beunruhigt Wien. „Wenn die Nachricht sich bestätigen sollte, würde Russland eine Maßregel durchführen, die dem Ernstfall so nahe käme, wie nur möglich“, schreibt die „Reichspost“: „Der schlimmste Niederschlag solcher Gerüchte ist das wachsende Misstrauen. Was liegt zwischen uns und Russland seit der Teilung des Balkans?“

Dennoch wird der österreichisch-ungarische Generalstab bis zuletzt glauben, Russland werde sich bei einer Kriegserklärung an Serbien neutral verhalten – eine grausame Fehleinschätzung.

Noch 21 Wochen bis zum Krieg.

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„Der Tanz auf dem Vulkan“: Der Countdown zum Krieg

„Ein Ball bei Hofe”: Der Countdown zum Krieg, Teil VII: 16.-22. Februar 1914

„Über den Dächern von Wien”: Der Countdown zum Krieg, Teil VI: 9.-15. Februar 1914

„Wiener Bürger gegen den Tango”: Der Countdown zum Krieg, Teil V: 2.-8. Februar 1914

„Plötzlich verstorben”: Der Countdown zum Krieg, Teil IV: 1. Februar 1914

In Paris wird getafelt: Der Countdown zum Krieg, Teil III: 19. bis 25. Jänner 1914

Der Kaiser fährt aus: Der Countdown zum Krieg, Teil II: 12. bis 18. Jänner 1914

„1914 wird ein schönes Jahr sein”: Der Countdown zum Krieg, Teil I: 1. bis 12. Jänner 1914

Sarajevo revisited: 100 Jahre Erster Weltkrieg