100 Jahre Erster Weltkrieg: Ein Mann
will den Krieg

100 Jahre Erster Weltkrieg: Ein Mann
will den Krieg

Österreich vor genau 100 Jahren: Bis zum Jahrestag des Kriegsausbruchs am 28. Juli stellt profil in der Serie „Der Countdown zum Krieg“ anhand von Zeitdokumenten dar, wie ahnungslos und unvorbereitet eine Gesellschaft in die Katastrophe schlitterte.

Franz Conrad von Hötzendorf (Foto), Generalstabschef der Armee Österreich-Ungarns, hat sich nach Karlsbad begeben. Dem 62-Jährigen fehlt nichts, im Gegenteil: Er ist bei bester Gesundheit. Kurgast ist hingegen der Mann, den er besucht. Helmuth von Moltke, Generalstabschef des deutschen Kaiserreichs und damit Conrads direktes Gegenüber, hat es im Magen und an den Nieren. Conrad zählt in Wien zu jenen, die einen Präventivschlag gegen Serbien führen wollen, er kracht deshalb immer wieder mit dem diesbezüglich eher zögerlichen Thronfolger Franz Ferdinand zusammen. In Karlsbad will er von Moltke vor allem eines wissen: Wie schnell könnte Deutschland Österreich beistehen, falls Russland nach einem Angriff der k. u. k. Armee auf Serbien seinen slawischen Verbündeten zu Hilfe kommt. Moltkes für Conrad enttäuschende Antwort: Deutschland müsse sich auf Frankreich konzentrieren, das in diesem Fall ja ebenfalls in den Krieg eintreten würde. Er denke aber, dass sein Heer in sechs Wochen mit Frankreich fertig sein werde.

Am nächsten Tag reisen die beiden Generalstabschefs in ihre jeweiligen Hauptstädte zurück. Obwohl Verbündete, werden sie einander nie wieder treffen.

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Conrad von Hötzendorf hat ein Verhältnis mit Virginia („Gina“) Reininghaus, der Frau des steirischen Brau-Magnaten. Ihr schreibt er in diesem Frühjahr 1914 heiße Briefe, die von Ungeduld nach einem Krieg getragen sind. Ein „erbarmungsloses, elendes Schicksal“ enthalte ihm diesen vor. Wenn er aus dem ersehnten Krieg „von Erfolg gekrönt“ zurückkehren werde, „dann, Gina, breche ich alle Fesseln, um das höchste Glück meines Lebens, um Dich zu erringen, Dich als meine teure Frau“.

Tatsächlich heiratet Conrad Virginia Reininghaus bereits 1915, der Krieg wird noch mehr als drei Jahre toben. Als Generalstabschef wird er im März 1917 von Kaiser Karl seines Dienstes enthoben. Er stirbt 1925 an einem Gallenleiden und wird mit militärischen Ehren am Hietzinger Friedhof in Wien beigesetzt. Seine Frau überlebt ihn um 36 Jahre.

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Die Dienstmagd Josefa Beck aus Eisenerz steht am selben Dienstag, an dem Generalstabschef Conrad in Karlsbad weilt, in Leoben vor Gericht. Sie hatte am 31. Jänner ein Mädchen geboren, bereits das zweite Kind, für das kein Vater aufkommen will. Ihre wochenlange Suche nach einer Pflegemutter für das Kind, das sie selbst nicht ernähren kann, schlägt fehl. Ende März steckt sie das Baby und dessen Taufkerze in ein Bündel Wäsche und wirft es in den Leopoldsteiner See. Vier Wochen später wird die Leiche samt Taufkerze, auf welcher der Name vermerkt ist, am Ufer des Sees aufgefunden. Josefa Beck wird wegen Mordes zum Tod durch den Strang verurteilt.

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Der Franzose Emile Bachelet hat eine bemerkenswerte Erfindung gemacht, und der Erste Lord der britischen Admiralität, Winston Churchill, lässt sich diese „schwebende Eisenbahn“ auf einem Feld nahe London vorführen. Die nach dem Prinzip des Magnetismus funktionierende Maschine werde schon bald Geschwindigkeiten von 500 Stundenkilometern erreichen, preist Bachelet sein Gerät an. Die Entfernung Wien–Berlin sei dann in zwei Stunden zu bewältigen, die Strecke Paris–Petersburg in nur noch einer Tagesreise. Churchill gratuliert dem Erfinder laut Aussagen des Pressebüros „sehr herzlich“.

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Die junge Erzherzogin Zita, Liebling der kaisertreuen Klatschpresse, feiert im Schloss Hetzendorf ihren 22. Geburtstag. Niemand ahnt, dass sie in zwei Jahren Kaiserin von Österreich sein wird.

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Am Wiener Ostbahnhof findet eine militärische Übung statt, bei der getestet wird, ob durchreisende Truppen entsprechend verpflegt werden können. Zu diesem Zweck werden vier Infanterieregimenter zu je 1000 Mann innerhalb von dreieinhalb Stunden durch den Bahnhof geschleust und dabei ausgespeist. Zwischen Eintreffen eines Regiments und dessen Weiterfahrt stehen nur 40 Minuten zur Verfügung. Es sei eine „äußerst lehrreiche Übung“ gewesen, gibt das Büro für das Etappenwesen nach deren Beendigung bekannt.

Noch 11 Wochen bis zum Krieg.

Lesen Sie außerdem:

„Glückssuche in Übersee“: Der Countdown zum Krieg, Teil XVII: 4. - 11. Mai 1914

„Der Thronfolger ist bereit“: Der Countdown zum Krieg, Teil XVII: 27. April - 4. Mai 1914

„Sorge um den Kaiser“: Der Countdown zum Krieg, Teil XVI: 20.-26. April 1914

„Society-Skandal in Wien“: Der Countdown zum Krieg, Teil XV: 13.-19. April 1914

„Drama in der Stadtbahn“: Der Countdown zum Krieg, Teil XIV: 6.-12. April 1914

„April! April!“: Der Countdown zum Krieg, Teil XIII: 30. März - 5. April 1914

„Der letzte Frühling“: Der Countdown zum Krieg, Teil XII: 23. - 30. März 1914

„Tod in Venedig“: Der Countdown zum Krieg, Teil XI: 16. - 22. März 1914

„Über den Wolken“: Der Countdown zum Krieg, Teil X: 9. – 15. März 1914

„Der weiße Tod“: Der Countdown zum Krieg, Teil IX: 2. - 8. März

„Der Tanz auf dem Vulkan“: Der Countdown zum Krieg, Teil VIII: 23. Februar - 1. März

„Ein Ball bei Hofe”: Der Countdown zum Krieg, Teil VII: 16.-22. Februar 1914

„Über den Dächern von Wien”: Der Countdown zum Krieg, Teil VI: 9.-15. Februar 1914

„Wiener Bürger gegen den Tango”: Der Countdown zum Krieg, Teil V: 2.-8. Februar 1914

„Plötzlich verstorben”: Der Countdown zum Krieg, Teil IV: 1. Februar 1914

In Paris wird getafelt: Der Countdown zum Krieg, Teil III: 19. bis 25. Jänner 1914

Der Kaiser fährt aus: Der Countdown zum Krieg, Teil II: 12. bis 18. Jänner 1914

„1914 wird ein schönes Jahr sein”: Der Countdown zum Krieg, Teil I: 1. bis 12. Jänner 1914

Sarajevo revisited: 100 Jahre Erster Weltkrieg