100 Jahre Erster Weltkrieg: Glückssuche in Übersee

100 Jahre Erster Weltkrieg: Glückssuche in Übersee

Österreich vor genau 100 Jahren: Bis zum Jahrestag des Kriegsausbruchs am 28. Juli stellt profil in der Serie „Der Countdown zum Krieg“ anhand von Zeitdokumenten dar, wie ahnungslos und unvorbereitet eine Gesellschaft in die Katastrophe schlitterte.

Immer mehr Bewohner der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie suchen ihr Glück in Übersee, meist in den USA. Nach einer in der ersten Maiwoche veröffentlichten Statistik wanderten zwischen 1870 und 1910 rund 2,4 Millionen der insgesamt rund 50 Millionen Bürger Österreich-Ungarns aus. Allein 1913 hofften rund 259.000 auf eine bessere Zukunft jenseits des Ozeans. Nur Italien und England (damals noch inklusive Irland) stellten mehr Auswanderer. Die österreichische Regierung hat in ihrer ersten Verordnung nach der Aufhebung des Reichsrats der Auswanderung Ende März 1914 ­einen Riegel vorgeschoben: Nur Männer, die bereits den Wehrdienst samt allen Übungen abgeleistet haben, dürfen gehen – also niemand, der jünger als 33 ist. Skeptiker sehen das als eine Maßnahme der Kriegsvorbereitung.

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Ein Mathematiker von der französischen Akademie der Wissenschaften hat eine Theorie über die Zukunft der Erde veröffentlicht. Diese werde in rund zwei Millionen Jahren zu einem unbewohnten Eisplaneten, „weil sich die Sonne zusammenzieht und erkaltet“. Vor zwei Millionen Jahren habe die Erdtemperatur noch 90 Grad betragen, damals sei das erste Leben entstanden, so der Wissenschafter. Seine Theorie wird vom Astronomen Camille Flammarion bezweifelt: Er glaubt, dass das Leben auf der Erde weit älter und auch der Mars bewohnt ist.

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Die Jugendorganisation der Sozialdemokraten hält in der ersten Maiwoche im Wiener Eisenbahnerheim ihre Maifeier ab. Die Festrede vor den Jungsozialisten hält Friedrich Adler, Sohn des Parteivorsitzenden Victor ­Adler und Vertreter einer radikalen Linie. Dann gibt es ein bemerkenswertes Musikprogramm. Ein Sänger gibt das Lied „Frühlingsglaube“ von Franz Schubert zum Besten. Es folgt die „Frühlingsfahrt“ von Robert Schumann. Die Violinistin Mizzi Rodosi und die Pianistin Lilly von Pacher spielen die C-moll- Sonate von Edvard Grieg, geschlossen wird die Veranstaltung mit dem „Ständchen“ von Joseph Haydn, vorgetragen vom Arbeitersängerbund.

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Die Sozialdemokratische Partei hat inzwischen eine äußerst unangenehme Affäre zu bewältigen. Die Partei hatte fünf Jahre zuvor eine eigene Brotfabrik gegründet, um den Lebensmittelwucher der kommerziellen Bäcker zu unterwandern, die sogenannten „Hammerbrotwerke“. In Schwechat wurde eine Brotfabrik errichtet, die täglich 75.000 Kilogramm Teig verarbeitet. Das Brot wird an 1000 Verkaufsstellen in Wien zu einem günstigen Preis vertrieben. Direktor des Werks wurde der frühere Arbeiter Josef Besel. Besel soll nun abgelöst werden, weil „Hammerbrot“ tief in den roten Zahlen ist. Drei Tage nach dem 1. Mai begeht der abgesetzte Direktor Selbstmord. Ein gefundenes Fressen für die christlichsoziale „Reichspost“: „Die Sozialdemokratie als Brotgeberin – Angestelltenschicksale in den Hammerbrotwerken“ titelt das Blatt. Ausgerechnet „Hammerbrot“ wird vom Ersten Weltkrieg profitieren und mit der Produktion von Militär-Zwieback erstmals schwarze Zahlen schreiben. Die Brotmarke mit dem markanten Symbol – ein roter Hammer im Ährenkranz – wird es noch bis weit in die Zweite Republik hinein geben. Der Partei gehört sie schon seit den 1920er-Jahren nicht mehr. 1959 verkauft der nunmehrige Besitzer, die Bankgruppe Schoeller, „Hammerbrot“ an die Ankerbrot-Werke.

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Die täglichen Bulletins der Ärzte über den Gesundheitszustand des Kaisers fallen knapp aus und klingen besorgniserregend: „Die Symptome des trockenen Katarrhs der rechten Seite lassen eine Änderung nicht erkennen. Hustenreiz heute etwas stärker.“

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Im an Russland grenzenden Galizien führt die k. u. k. Armee große Kavallerie-Manöver durch. Ein Militärexperte hält in einem Artikel in der „Neuen Freien Presse“ das Pferd weiterhin für kriegsentscheidend. Es habe sich gezeigt, dass der neue Aeroplan die Aufklärungsarbeit, die ein Kavallerist leiste, nicht erbringen könne: „Die operative und taktische Bedeutung der Reiterei ist in der letzten Zeit sogar gewachsen.“

Noch 12 Wochen bis zum Krieg.

Lesen Sie außerdem:

„Der Thronfolger ist bereit“: Der Countdown zum Krieg, Teil XVII: 27. April - 4. Mai 1914

„Sorge um den Kaiser“: Der Countdown zum Krieg, Teil XVI: 20.-26. April 1914

„Society-Skandal in Wien“: Der Countdown zum Krieg, Teil XV: 13.-19. April 1914

„Drama in der Stadtbahn“: Der Countdown zum Krieg, Teil XIV: 6.-12. April 1914

„April! April!“: Der Countdown zum Krieg, Teil XIII: 30. März - 5. April 1914

„Der letzte Frühling“: Der Countdown zum Krieg, Teil XII: 23. - 30. März 1914

„Tod in Venedig“: Der Countdown zum Krieg, Teil XI: 16. - 22. März 1914

„Über den Wolken“: Der Countdown zum Krieg, Teil X: 9. – 15. März 1914

„Der weiße Tod“: Der Countdown zum Krieg, Teil IX: 2. - 8. März

„Der Tanz auf dem Vulkan“: Der Countdown zum Krieg, Teil VIII: 23. Februar - 1. März

„Ein Ball bei Hofe”: Der Countdown zum Krieg, Teil VII: 16.-22. Februar 1914

„Über den Dächern von Wien”: Der Countdown zum Krieg, Teil VI: 9.-15. Februar 1914

„Wiener Bürger gegen den Tango”: Der Countdown zum Krieg, Teil V: 2.-8. Februar 1914

„Plötzlich verstorben”: Der Countdown zum Krieg, Teil IV: 1. Februar 1914

In Paris wird getafelt: Der Countdown zum Krieg, Teil III: 19. bis 25. Jänner 1914

Der Kaiser fährt aus: Der Countdown zum Krieg, Teil II: 12. bis 18. Jänner 1914

„1914 wird ein schönes Jahr sein”: Der Countdown zum Krieg, Teil I: 1. bis 12. Jänner 1914

Sarajevo revisited: 100 Jahre Erster Weltkrieg