100 Jahre Erster Weltkrieg: Society-Skandal in Wien

100 Jahre Erster Weltkrieg: Society-Skandal in Wien

Österreich vor genau 100 Jahren: Bis zum Jahrestag des Kriegsausbruchs am 28. Juli stellt profil in der Serie „Der Countdown zum Krieg“ anhand von Zeitdokumenten dar, wie ahnungslos und unvorbereitet eine Gesellschaft in die Katastrophe schlitterte.

Eine amtliche Notiz in der "Wiener Zeitung“ entpuppt sich als heiße Neuigkeit. Eine gewisse Marcellina Wiener habe am Landesgericht für Zivilsachen die Scheidung von ihrem Gatten Friedrich Wiener beantragt, hieß es dort. Reporter haben nun herausgefunden, dass es sich bei Marcellina Wiener, geborene Jedliczka, um die weltberühmte Opernsängerin Maria Jeritza handelt. Wohl war bekannt, dass die Jeritza einmal verheiratet war. Mit einem Mann hatte man die gebürtige Brünnerin aber nie gesehen, woraus geschlossen wurde, dass sie längst geschieden sei. Tatsächlich war ihr Gatte, Mitbesitzer an einem Industrieunternehmen, schon 1908 aus der gemeinsamen Wohnung in Wien-Alsergrund ausgezogen. Die Ehe wird am 14. April wegen "böswilligen Verlassens“ geschieden.

Maria Jeritza übersiedelt 1921 an die New Yorker Met, spendet nach 1945 großzügig für den Wiederaufbau der Wiener Staatsoper und stirbt 1982 im Alter von 94 Jahren in New Jersey.

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Das Burgtheater hat einen neuen Direktor. Der 60-jährige Schauspieler Hugo Thimig , seit Jahrzehnten einer der Stars des Hauses, war schon 1912 nach dem Tod von Direktor Alfred Berger zum provisorischen Leiter bestellt worden, jetzt wird das Provisorium beendet. Hugo Thimig kündigt an, auch als Direktor "dann und wann, die eine oder andere alte Rolle zu spielen“. Der Stammvater einer Schauspielerdynastie wird 1944 im Alter von 90 Jahren zwei Tage nach dem Tod seiner Frau Fanny mit einer Überdosis Veronal Selbstmord begehen.

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Erzherzog Franz Ferdinand darf seinen kaiserlichen Onkel in München bei einem Besuch bei Bayern-König Ludwig vertreten. Ludwig richtet dem Gast eine Galatafel mit 136 Gedecken aus, an der zahlreiche Prinzen und Prinzessinnen und andere höchste Würdenträger Platz nehmen.

Österreich-Ungarn hat aber noch einen zweiten Thronfolger: Da Franz Ferdinand wegen seiner morganatischen Ehe mit der Gräfin Chotek auf die Thronfolge für seine Kinder verzichten musste, steht fest, dass nach ihm sein Neffe Erzherzog Karl Franz Josef und dessen Frau Zita zum Zug kommen. Am selben Abend, an dem Franz Ferdinand in München tafelt, speist Karl Franz Joseph (ab 1916 Kaiser Karl) anlässlich des Besuchs von zwei sächsischen Prinzen im Palais Augarten. Beim Diner sind 50 weitere Mitglieder des Hochadels anwesend.

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Ebenfalls am selben Abend läuft die Frau des Steinbrucharbeiters Josef Mayer aus Höflein an der Donau barfuß in das etwa fünf Kilometer entfernte Kritzendorf, um einen Arzt zu holen: Ihr neunjähriger Sohn hatte den ganzen Tag erbrochen und liegt nun völlig teilnahmslos in seinem Bett. Der Arzt erklärt, er sei zu müde, um nach Höflein zu gehen, und fordert die Mutter auf, ein Fuhrwerk zu besorgen. Diese läuft zurück nach Höflein, aber erst der dritte Fuhrwerksbesitzer erklärt sich bereit, jetzt noch nach Kritzendorf zu fahren. Um zwei Uhr nachts steht der Arzt am Bett des inzwischen verstorbenen Kindes.

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Die "Austro-Americana - Vereinigte österreichische Schiffahrts AG“ ist ein profitables Unternehmen. In dieser Woche läuft ihr Passagierdampfer "Kaiser Franz Joseph“ von New York Richtung Algier aus, die "Francesco“ bringt Passagiere von Las Palmas nach Almeria, die "Sofia Hohenberg“ fährt von Neapel nach Patras und die "Campania“ von New Orleans nach Norfolk. Der Frachtdampfer "Erodiade“ legt am Mittwoch in Philadelphia an, die "Himalaja“ im texanischen Galveston.

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Die Außenminister von Österreich-Ungarn und Italien haben drei Tage lang im malerischen Abbazia getagt und die Einigkeit des "Dreibunds“ zwischen ihren Staaten und Deutschland bekräftigt. Der anonyme Leitartikler der "Neuen Freien Presse“ preist tags darauf das Bündnis und unterstellt Frankreich "politische Instinkte des Angriffs“, um Elsass-Lothringen zurückzugewinnen. Aber würde Paris deshalb einen Krieg beginnen? Nein, meint der Autor: "Diese Politik wäre so widersinnig und auch so gewissenlos, dass sie zu den größten Unwahrscheinlichkeiten gezählt werden muss.“

Noch 15 Wochen bis zum Krieg.

Lesen Sie außerdem:

„Drama in der Stadtbahn“: Der Countdown zum Krieg, Teil XIV: 6.-12. April 1914

„April! April!“: Der Countdown zum Krieg, Teil XIII: 30. März - 5. April 1914

„Der letzte Frühling“: Der Countdown zum Krieg, Teil XII: 23. - 30. März 1914

„Tod in Venedig“: Der Countdown zum Krieg, Teil XI: 16. - 22. März 1914

„Über den Wolken“: Der Countdown zum Krieg, Teil X: 9. – 15. März 1914

„Der weiße Tod“: Der Countdown zum Krieg, Teil IX: 2. - 8. März

„Der Tanz auf dem Vulkan“: Der Countdown zum Krieg, Teil VIII: 23. Februar - 1. März

„Ein Ball bei Hofe”: Der Countdown zum Krieg, Teil VII: 16.-22. Februar 1914

„Über den Dächern von Wien”: Der Countdown zum Krieg, Teil VI: 9.-15. Februar 1914

„Wiener Bürger gegen den Tango”: Der Countdown zum Krieg, Teil V: 2.-8. Februar 1914

„Plötzlich verstorben”: Der Countdown zum Krieg, Teil IV: 1. Februar 1914

In Paris wird getafelt: Der Countdown zum Krieg, Teil III: 19. bis 25. Jänner 1914

Der Kaiser fährt aus: Der Countdown zum Krieg, Teil II: 12. bis 18. Jänner 1914

„1914 wird ein schönes Jahr sein”: Der Countdown zum Krieg, Teil I: 1. bis 12. Jänner 1914

Sarajevo revisited: 100 Jahre Erster Weltkrieg