Sorge um den Kaiser

100 Jahre Erster Weltkrieg: Sorge um den Kaiser

100 Jahre Erster Weltkrieg. Der Countdown zum Krieg: 20.-26. April 1914

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Die Woche beginnt mit einem Schock: Alle Montagsblätter veröffentlichen ein „Communique“ des Hofes mit dem Titel: „Der Gesundheitszustand des Kaisers“. Wohl war bekannt, dass sich der 83-Jährige zwei Wochen zuvor beim Empfang des deutschen Kaisers Wilhelm II. am Bahnhof von Penzing verkühlt hatte, weil er den Weg von und nach Schönbrunn trotz Regenwetters im offenen Wagen zurückgelegt hatte. Aber jetzt ist im ärztlichen Bulletin von Fieber und einem „dichten Katarrh“ der Bronchien die Rede – vor der Endeckung der Antibiotika keine Kleinigkeit bei einem Mann dieses Alters. Besorgt wird in Wien vermerkt, dass Franz Josephs Tochter Marie Valerie und ihr Mann Erzherzog Franz Salvator von ihrem Schloss Wallsee nach Schönbrunn geeilt sind.

Die kaisertreue Presse spielt die Erkrankung des Monarchen herab. Täglich wird basierend auf Informationen „aus Hofkreisen“ berichtet, dem Kaiser gehe es bedeutend besser als noch am Vortag. Die „Neue Freie Presse“ rühmt die Kraft und Selbstdisziplin des Erkrankten: „Fieber im vierundachtzigsten Lebensjahre und der Kaiser sitzt an seinem Schreibtische und ein Würdenträger nach dem anderen kommt ins Zimmer und hält seinen Vortrag. Wer von uns könnte das aushalten, nicht durch einzelne Minuten, sondern durch Stunden?“ Um die gute Konstitution Franz Josephs zu illustrieren, wird das Menü abgedruckt, das der Kranke angeblich zu sich genommen hat: „Suppe. Fisch- und Hühnergelee. Farcierter Braten mit Gemüse oder Kompott. Eiscreme mit Biskuit. Dazu Rotwein und Mineralwasser.“

Gegen Ende der Woche reicht es den Ärzten. In einer allerdings nur von der „Arbeiter Zeitung“ abgedruckten Erklärung halten sie fest, es sei „gewiss verfrüht“ von einer Genesung des Kaiser zu sprechen. Ein rasches Abklingen der Krankheit sei nicht zu erwarten, der Zustand Franz Josephs bedürfe „der sorgfältigsten ärztlichen Aufsicht und Behandlung“. Im offiziellen „Communique“ heißt es nun: „Kein weiteres Fortschreiten der Besserung – Eine unruhige Nacht“. Zwischen Mitternacht und vier Uhr früh habe Franz Joseph schwer gehustet. Am Nachmittag habe er „eine Tasse Kraftbrühe“ zu sich genommen.

Am Freitag wird bekannt, dass sich Thronfolger Franz Ferdinand von seinem südlich von Prag gelegenen Schloss Konopischt nach Wien begeben habe. Diese Reise stehe in keinem ­Zusammenhang mit der Erkrankung des betagten Monarchen, fügt die kaisertreue Presse eilig hinzu.

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Auf der Straße von St.Veit/Glan nach Klagenfurt prallt ein Automobil in voller Fahrt gegen einen Baum. Einer der beiden schwer verletzten Insassen ist der 40-jährige Privatier Theodor Dreher, Spross der Schwechater Brau-Dynastie. Sein Großvater Anton Dreher, Erfinder des Lagerbiers, hatte es zu großem Reichtum gebracht. Enkel Theodor zeigt ausschließlich im Verschleudern des Erbes einigen Eifer, weshalb ihn die Familie bereits unter Kuratel stellen ließ. In den Taschen des Verunglückten findet man 5000 Kronen, eine bemerkenswerte Summe. Theodor Dreher erliegt am Tag nach dem Unfall seinen schweren Kopfverletzungen.

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Amerikanische Wissenschafter haben festgestellt, dass etwa ein Achtel der Erde noch völlig unerforscht ist. Afrika, so der Befund, sei weitgehend erschlossen, die weißen Flecken auf der Landkarte befänden sich auf dem amerikanischen Kontinent, in Asien und Ozeanien. Noch gar nicht bereist sei Neuguinea, vor allem „wegen der kriegerischen Völkerschaften, denen die Menschenfresserei eine alte geheiligte Einrichtung ist“.

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Außenminister Graf Berchtold und seine Gattin veranstalten trotz der Erkrankung des Kaisers ihre jährliche Soiree in den Räumlichkeiten am Ballhausplatz. Beobachter vermerken, Berchtold habe sich längere Zeit mit Kriegs­minister Krobatin und Verteidigungsminister Georgi zurückgezogen. Aber auch die Botschafter Frankreichs und Englands hätten mit Berchtold „berufliche und gesellschaftliche Worte gewechselt“. Näheres darf die Öffentlichkeit nicht erfahren. Dafür werden die Roben der Damen ausführlich gewürdigt.

Noch 14 Wochen bis zum Krieg.

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