100 Jahre Erster Weltkrieg: Über den Wolken

100 Jahre Erster Weltkrieg: Über den Wolken

Österreich vor genau 100 Jahren: Bis zum Jahrestag des kriegsausbruchs am 28. Juli stellt profil in der Serie „Der Countdown zum Krieg“ anhand von Zeitdokumenten dar, wie ahnungslos und unvorbereitet eine gesellschaft in die katastrophe schlitterte.

Die Welt ist süchtig nach Meldungen über die neuen Aeroplane. Die Fliegerei ist allerdings in praktisch allen Ländern eine Sache des Militärs – auch in Österreich-Ungarn.
Zentrum der Aeronautik in Wien ist das Flugfeld in Aspern, dort, wo heute der neue Wiener Stadtteil „Seestadt“ gebaut wird. Am 12. März steigen Oberleutnant Elsner und Zugführer Scherer mit einem zweisitzigen Fluggerät der Type „C“ in Aspern auf eine Höhe von rund 300 Metern. Immer wieder steuert Elsner das Flugzeug über die Grenzen des Geländes hinaus, als die linke Tragfläche wegbricht. „Plötzlich schoss der Apparat zum Entsetzen der zahlreichen anwesenden Offiziere pfeilschnell zu Boden“, berichtet tags darauf eine Zeitung über das Unglück. Die beiden Soldaten sind auf der Stelle tot. Tragischerweise hat die Braut des Piloten und Tochter des Bürgermeisters des angrenzenden Ortes Essling den Absturz mit eigenen Augen gesehen und eilt auf das Flugfeld. „Das Mädchen gebärdete sich wie verzweifelt und musste von den Offizieren mit sanfter Gewalt von der Leiche ferngehalten werden.“

Am selben Tag stürzt der türkische Militär-Aviatiker Nuri (er hatte als Erster die Strecke Konstantinopel–Ägypten geschafft) auf dem Flug von Jaffa nach Jerusalem ab, als er nach dem Start eine Schleife über dem Meer fliegt. Sein Passagier, ein Hauptmann der türkischen Armee, kann sich schwimmend retten.
Ebenfalls am selben Tag stellt der britische Pionierleutnant Brix nahe London einen neuen Höhenrekord auf: 4983 Meter, dann muss er landen, weil der Treibstoff einfriert. „Der Flieger hatte Frostbeulen im Gesicht und an anderen Körperteilen“, schreibt die „Neue Zeitung“.

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Das Elend in Österreich beschäftigt die bürgerliche Öffentlichkeit nur dann, wenn es zu einer nicht mehr übersehbaren Katastrophe führt. Im niederösterreichischen Sollenau etwa kündigt die Chemiefabrik Fritz & Sachse dem Arbeiter Josef Stipanowski, die Hausbesitzerin wirft ihn umgehend aus der Wohnung. Dort leben allerdings auch seine schwerstkranke Frau und fünf Kinder, von denen eines blind ist. Als der Gerichtsdiener zum Vollzug der Delogierung erscheint, rammt sich der verzweifelte Arbeiter ein Messer ins Herz. Er ist sofort tot. 500 Menschen sammeln sich spontan zu einer Demonstration gegen die Hausbesitzerin. Sie werden von der Polizei auseinandergetrieben.
Beim Heustadlwasser im Wiener Prater bringt eine etwa 25-jährige Frau ihre vierjährige Tochter mit Zyankali um und schluckt danach selbst eine Giftkapsel.

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Die USA veröffentlichen ihre Einwanderungsstatistik für das Jahr 1913. Insgesamt wanderten 1,973.893 Menschen zu, davon 291.000 aus Russland, 265.000 aus Italien und 255.000 aus Österreich-Ungarn. Überraschenderweise gingen die Zuwandererzahlen aus Deutschland stark zurück. Handelsminister William Wilson, ein zugewanderter Schotte, erklärt, man überlege einen Gesetzesvorschlag zur Eindämmung der Immigration.

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Aus Petersburg kommen beruhigende Meldungen: Der neue Botschafter Österreich-Ungarns, Graf Szapary, sei „in freundlichster Weise empfangen“ worden. Die kriegerischen Äußerungen der vergangenen Wochen seien offenbar eine Erfindung der Presse.
Dennoch stellt das k. u. k. Heer noch in dieser Woche zwei neue Festungsartillerie-Bataillone und eine reitende Artilleriedivision auf. Stationiert werden sie nahe der russischen Grenze.

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Am 13. März füllt der aus Bosnien kommende Schüler Gavrilo Princip den Meldezettel in einer billigen Pension in Belgrad aus. Er will hier die Prüfungen für die sechste Klasse Gymnasium ablegen. Gavrilo verbringt viel Zeit in den Cafés und Trinkstuben der serbischen Hauptstadt. Einer seiner Freunde aus dem „Goldenen Stör“ ist Nedeljko Cabrinovic, ein verbummelter Student und Angestellter einer Druckerei. Cabrinovic zeigt Princip einen soeben aus Sarajevo eingetroffenen Briefumschlag. Er enthält nichts anderes als einen Zeitungsausschnitt mit der Nachricht, der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand wolle im Juni die Manöver in Bosnien besuchen.

Noch 20 Wochen bis zum Krieg.

Lesen Sie außerdem:

„Der weiße Tod“: Der Countdown zum Krieg, Teil IX: 2. - 8. März

„Der Tanz auf dem Vulkan“: Der Countdown zum Krieg, Teil VIII: 23. Februar - 1. März

„Ein Ball bei Hofe”: Der Countdown zum Krieg, Teil VII: 16.-22. Februar 1914

„Über den Dächern von Wien”: Der Countdown zum Krieg, Teil VI: 9.-15. Februar 1914

„Wiener Bürger gegen den Tango”: Der Countdown zum Krieg, Teil V: 2.-8. Februar 1914

„Plötzlich verstorben”: Der Countdown zum Krieg, Teil IV: 1. Februar 1914

In Paris wird getafelt: Der Countdown zum Krieg, Teil III: 19. bis 25. Jänner 1914

Der Kaiser fährt aus: Der Countdown zum Krieg, Teil II: 12. bis 18. Jänner 1914

„1914 wird ein schönes Jahr sein”: Der Countdown zum Krieg, Teil I: 1. bis 12. Jänner 1914

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