Altes Schlitzohr: Karl Renners skurriler Briefwechsel mit Stalin

RENNER ERÖFFNET DAS "RUSSENDENKMAL" IN WIEN (AUGUST 1945) - "Der Westen hat keine Vorstellung, was hier möglich ist."

RENNER ERÖFFNET DAS "RUSSENDENKMAL" IN WIEN (AUGUST 1945) - "Der Westen hat keine Vorstellung, was hier möglich ist."

Erstmals wird jetzt der bisweilen skurrile Briefwechsel zwischen Karl Renner und Kreml-Chef Josef Stalin öffentlich präsentiert.

Seine Sorge galt Willi Forst. Die Kanonen des Zweiten Weltkrieges waren erst seit einem Tag stumm, als der 75-jährige Karl Renner am 9. Mai 1945 ein gutes Wort für den charmanten Wiener Filmemacher einlegte - und zwar bei Josef Stalin persönlich. Die Besatzungsmacht möge der in Wien-Sievering angesiedelten Filmfirma des Herrn Forst doch bitte "Gerätschaft und Einrichtungen" belassen, schrieb er via Kurierpost an den roten Diktator: "Das geistige Österreich wird Ihnen für immer dankbar bleiben." Im Postscriptum gratulierte Renner en passant "zur siegreichen Beendigung des Krieges" tags zuvor.

Die streckenweise skurrile Korrespondenz zwischen Renner - er hatte sich den Russen am 3. April noch in Frontnähe angedient - und dem Sowjetherrscher wird nun erstmals in den Originaldokumenten ausgestellt. Nach Österreich wurden sie vom Institut für Kriegsfolgenforschung unter Professor Stefan Karner gebracht.*


Dass die Zukunft des Landes dem Sozialismus gehört, ist unfraglich und bedarf keiner Betonung.

Der Intervention für Willi Forst war nur ein einziger Brief Renners an Stalin vorangegangen: jene am 15. April nach der Befreiung Wiens verfasste Depesche, in der er sich als Mitbegründer der Ersten Republik in Erinnerung ruft und darum bittet, "das Werk der Wiederaufrichtung Österreichs aufgreifen zu dürfen." Der am rechten Flügel der Sozialdemokratie angesiedelte Renner, der freudig "Ja" zum "Anschluss" gesagt hatte, gab sich im Brief an den "sehr geehrten Genossen" Stalin als Super-Sowjet: "Das Vertrauen der oest. Arbeiterklasse in die Sowjetrepublik ist grenzenlos. Dass die Zukunft des Landes dem Sozialismus gehört, ist unfraglich und bedarf keiner Betonung." Renner schlau: "Der Westen kennt unsere Verhältnisse zu wenig und bringt uns nicht genug Interesse entgegen."

Stalin antwortete zwei Tage später in einem kühlen Sechszeiler: Die Sowjetunion werde "nach Kraft und Möglichkeit helfen." Gezeichnet: Josef Stalin.

Renner griff unverdrossen weiter in den Schmalztopf. Seinen zweiten Brief, jenen für Willi Forst, schloss er mit der Huldigung: "Die Glorie Ihres Namens ist unsterblich!"

Eine Woche später, am 16. Mai, schrieb Renner neuerlich an Stalin. Diesmal ging es um Ernsthaftes: Die Versorgungslage in Österreich sei fatal, bis zur neuen Ernte seien es noch zehn Wochen und man habe nur Lebensmittel für drei. Stalin zeigte sich kulant: Die Sowjetunion werde die Hilfe bis zur Ernte verdoppeln, aber dann müsse Österreich selbst für sich sorgen.


Der Westen hat keine Vorstellungen von dem, was hier möglich ist.

Renner dankte lodernd: "Gefühle freudiger Überraschung und überströmender Dankbarkeit haben alle Mitglieder unserer Regierung überwältigt." Jetzt erst erkenne man den wahren Charakter "der jahrelangen Herabsetzung des russischen Regimes durch die Hitlerpropaganda. 'Allen Respekt!', rief einer der bisher ungläubigen Thomase."

Und wieder ein kleiner Seitenhieb: "Der Westen hat keine Vorstellungen von dem, was hier möglich ist."

Im Gefühl, Stalins Vertrauen gewonnen zu haben, steigerte Renner seine Forderungen. Am 17. Oktober versicherte er dem roten Zaren: "Von faschistischer Seite droht keine Gefahr mehr" und verknüpfte damit das Verlangen nach einer Reduzierung der Besatzungstruppen. Am 6. Februar 1946 schließlich verlangte Renner das 1919 an Italien gefallene Südtirol zurück. Resttirol sei schließlich "nur ein Flusstal, eine Chaussee, eine Bahnlinie".

Dass der Kremlherr Renner kleine Unsicherheiten nachsah, beweist seine Gelassenheit nach dessen erstem Brief. Der Österreicher hatte sich darin seiner Freundschaft mit Leo Trotzki gebrüstet. Dem hatte Stalin fünf Jahre zuvor einen Eispickel in den Schädel rammen lassen.

*Die Briefe sind ab 10. April im Landesmuseum Niederösterreich in St. Pölten einen Monat lang zu sehen.