Der Fall des Eisernen Vorhangs: Das Ende des hässlichen Deutschen

Der Fall des Eisernen Vorhangs: Das Ende des hässlichen Deutschen

Das nach dem Mauerfall wiedervereinigte Deutschland zeigt sich bisher als erstaunliche Erfolgsstory. Nicht zuletzt wegen seines beeindruckenden politischen Personals.

Als vor 25 Jahren die Mauer niedergerissen wurde, ging in Europa die Angst um. Wie würde sich ein neues, vereinigtes und erstarktes Deutschland entwickeln? Diese bange Frage stellten sich die europäischen Medien, und in den Staatskanzleien der EU herrschte annähernd Panik.

Geeintes Deutschland als Gefahr?
Ganz so unverständlich war das nicht. Hatten die Deutschen doch im gerade auslaufenden Jahrhundert zwei Monsterkriege, die Nazi-Barbarei und eine kommunistische Diktatur zu verantworten. Ein Blick in die vor einigen Jahren öffentlich gemachten Aufzeichnungen von Charles Powell, dem Berater der damaligen konservativen britischen Premierministerin Margaret Thatcher, zeigt, wie sehr das neue geeinte Deutschland als Gefahr angesehen wurde.

Für die "Eiserne Lady“ waren die Deutschen unberechenbar, "zerrissen zwischen Angriffslust und Selbstzweifeln“. Wieder drohe ein fataler deutscher "Sonderweg“, räsonierte die Britin. Die Powell-Gesprächsnotizen förderten aber noch Interessanteres zutage als Frau Thatchers Schaudern vor den "dunkeln Seiten des deutschen Charakters“: Nicht weniger angstvoll reagierte der damalige französische Präsident, der Sozialist François Mitterrand, auf die turbulenten Ereignisse im Nachbarland. Schrill warnte der Mann im Elysée-Palast - der öffentlich die unverbrüchliche "amitié franco-allemande“ zelebrierte - in einem Gespräch mit Thatcher, nun werde der "hässliche Deutsche“ wieder sein Haupt erheben. Bei territorialer Vergrößerung Deutschlands könnte der Kontinent in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zurückfallen - eine Ära, in der das Reich von dem "größenwahnsinnigen Kaiser Wilhelm II.“ regiert wurde. Mitterrand fürchtete, nun werde dort ein Weg eingeschlagen, der Deutschland "mehr Macht verschaffen würde, als Hitler je hatte“.

Und noch 1995 überlegte man in Paris ernstlich, ein Veto gegen einen EU-Beitritt Österreichs einzulegen, da dieser den "germanischen Teil Europas“ noch stärker machen würde, als er ohnehin schon sei.

Befürchtungen unbegründet
Jetzt, ein Vierteljahrhundert später, ist klar: Alle diese Befürchtungen, vor allem auch vor einem wieder erstehenden deutschen Nationalismus oder gar Militarismus, erwiesen sich als unbegründet. Faktum ist: Deutschland ist heute wahrscheinlich das am wenigsten nationalistische Land Europas. In kaum einem anderen Land der EU spielen rechtspopulistische oder -extremistische Gruppierungen eine so geringe Rolle wie im Land, das heuer die Wiedervereinigung feiert.

Gewiss: Anfang der 1990er-Jahre häuften sich vorübergehend - vor allem in den "neuen Bundesländern“ - Anschläge auf Wohnstätten von Asylanten, rassistische und fremdenfeindliche Umtriebe machten zuweilen das Leben in gewissen Regionen der ehemaligen DDR recht ungemütlich. Und auch heute kann erschrecken, wer den Prozess gegen die mörderischen NSU-Neonazis verfolgt.

Aber politisch haben radikale rechte Strömungen in Deutschland keine Bedeutung. Fallweise schaffen sie es kurzfristig in Gemeindevertretungen und Landtage, dem Bundestag kamen sie nicht nahe. Deutsche Haiders, Straches, Le Pens und de Winters tauchten nicht auf. Der "hässliche Deutsche“ hält, wenn er überhaupt noch existiert, sein Haupt tief gesenkt.

"Deutscher Sonderweg" nicht existent
Der Abbau des von Margaret Thatcher apostrophierten deutschen Selbstzweifels, der in den vergangenen Jahren tatsächlich stattfand, hatte keineswegs aggressiven Übermut und militaristische Angriffslust geweckt. Vom "deutschen Sonderweg“, der in der Vergangenheit die Welt mehrfach ins Verderben stürzte, ist weit und breit nichts zu sehen.

Und wer doch noch länger auf den befürchteten furor teutonicus gewartet hatte, der ahnte spätestens 2006, anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland, dass das Warten vergeblich war. Da flatterten zwar überall die deutschen Fahnen. Aber das allgegenwärtige Schwarz-Rot-Gold hatte so offensichtlich nichts Bedrohliches mehr, da war nichts von jener dumpf-deutschen Militanz zu verspüren, vor der die Welt sich so fürchtet. Den Fußball-Event feierten die deutschen Fans als heiteres Multikulti-Fest, bei dem die nationalen Symbole spielerisch eingesetzt wurden.

Dass sich Deutschland seit dem Fall der Berliner Mauer so erfreulich entwickeln konnte, liegt aber auch am politischen Personal, das die Geschicke des Landes seit damals lenkte: Beeindruckend sind die deutschen Führungsfiguren der vergangenen 25 Jahre allemal.

"Birne" von historischer Größe
Allen voran Helmut Kohl. Wie wurde doch der christdemokratische Kanzler auf die Schaufel genommen: Als bramarbasierender Provinzler aus der Pfalz, als Aussitzer von Konflikten und Produzent von gelispelten Plattitüden. Die Silhouette der Gestalt dieses rheinländischen Gourmands machte den Spitznamen "Birne“ unwiderstehlich. Und dann entdeckte man im Verlauf der Wende, dass in der Birne ein Staatsmann von historischer Größe steckte.

Wie kein anderer deutscher Politiker war er in den Tagen des Umbruchs auf der Höhe der Zeit. Er nutzte die Gunst der Stunde. Und er ging daran, Ossis und Wessis ohne viel Deutschtümelei, ohne nationales Pathos zu vereinigen, und er junktimierte die deutsche fest mit der europäischen Einheit.

Kohl gelang, was kaum sonst ein Politiker der EU geschafft hat: Er schwor das gesamte bürgerliche Lager auf Brüssel und Maastricht ein. Der Enkel des Nachkriegskanzlers Konrad Adenauer, als der sich Kohl empfand, stellte sich in die politische Tradition dieses von ihm verehrten Politikers, dessen Credo die bedingungslose Westanbindung Deutschlands war. Und so verankerte Kohl Anfang der 1990er-Jahre das vereinigte Land - nicht zuletzt mittels der gemeinsamen Währung - fest in Europa und der Atlantischen Allianz.

Schröder und Fischer setzten proeuropäischen Kurs fort
Bei der deutschen Linken waren Westanbindung und europäische Orientierung von Anfang an nicht so selbstverständlich. In der SPD gab es in der Nachkriegsgeschichte immer wieder starke neutralistische und antiwestliche Tendenzen. Der sozialdemokratische Bundeskanzler Gerd Schröder und der grüne Außenminister Joschka Fischer, die 1998 die konservativ-liberale Regierung ablösten, setzten jedoch Kohls pointiert-proeuropäischen Kurs fort.

Mehr noch: Fischer, der einstige Sponti-Revoluzzer, gewann nicht zuletzt seine internationale Reputation als Avantgardist der europäischen Integration. In seiner legendären Rede an der Humboldt-Universität in Berlin über die "Finalität“ Europas zeichnete er 2000 den Weg der EU hin zu einem föderalen Bundesstaat. Das machte Furore.

Schröder und Fischer werden wohl als Reformatoren in die Geschichtsbücher eingehen. In den sieben Jahren, in denen sie das Land führten, transformierten sie es von Grund auf, und zwar gleich in drei Bereichen:

- Durch die Novellierung des Staatsbürgerschaftsrechtes bekam Deutschland den legalen Rahmen für das, was es längst schon war: ein Einwanderungsland. Nun bestimmt nicht mehr die Herkunft, "das Blut“, ob einer Deutscher ist. Seit Anfang des Jahrhunderts wird automatisch Staatsbürger, wer auf deutschem Boden geboren ist.

- Nicht minder bedeutsam: Es waren paradoxerweise die beiden ehemaligen 68-er, die Deutschlands Bundeswehr erstmals seit ihrem Bestehen zum Auslandseinsatz brachten: im Kosovo-Krieg und in Afghanistan. Die Dominanz des im deutsch-linken Milieu so tief verwurzelten Pazifismus war gebrochen und der Weg Deutschlands geöffnet zu einer aktiven, eigenständigen Außenpolitik - die sich nicht zuletzt in der offensiven Opposition Berlins gegen den amerikanischen Irakkrieg manifestierte.

- Schließlich führte die rot-grüne Regierung Deutschland durch äußerst unpopuläre und für breite Teile der Bevölkerung schmerzhafte Sozialreformen - "Agenda 2010“ und "Hartz IV“ - aus einer langjährigen ökonomischen Stagnation. Die Zeit, als Deutschland als "kranker Mann Europas“ galt, war vorüber. Allerdings auch die rot-grüne Ära. Die Schröder-Fischer-Regierung wurde 2005 abgewählt.

Schröder und Fischer, beide Kinder aus der Unterschicht, bezogen aber den Veränderungswillen und ihre Stärke nicht bloß aus ihrem sozialen Aufstieg. Vor allem waren der Juso, der einst an den Gittern des Kanzleramtes gerüttelt und "Ich will da rein“ gerufen, und der ehemalige Anarcho-Linke, der sich auch schon mal mit der Polizei geprügelt hatte, geprägt vom historischen Umbruch, den sie mit ihrer Generation Ende der 1960er-Jahre aktiv miterlebten. Diese Lebenserfahrungen haben sie offenbar zu interessanten, starken und transformierenden Politikern gemacht.

Merkel, die unterschätzte Physikerin
Was diesen beiden das Jahr 1968 und die Jugendrevolte, war Angela Merkel das Jahr 1989 und der Mauerfall. Die junge Physikerin aus dem Osten wurde von Helmut Kohl für die Politik entdeckt. Und wie ihr Mentor wurde auch sie lange Zeit unterschätzt. Nach und nach aber entpuppten sich ihre vermeintlichen Schwächen, das betont uncharismatische, oft ungeschickte Auftreten und ihre besonders ausgeprägte Vorsicht, wenn es darum geht, Entscheidungen zu fällen, als ausgesprochene Stärken.

Gerade in dem Maße, in dem Deutschland zum unumstrittenen Primus inter pares in Europa aufstieg, beruhigte ihr nüchterner und so wenig Dominanz demonstrierender Politstil die übrigen Europäer. Zwar wurde sie im Verlauf der Wirtschaftskrise zur Hassfigur in Ländern, die unter dem von ihr forcierten Sparkurs zu leiden hatten, aber zur echten Zielscheibe virulenter antideutscher Gefühle taugte sie dann doch nicht: Dazu entspricht sie schlicht zu wenig dem historisch gewachsenen Stereotyp des "hässlichen Deutschen“.

Und es ist ihr etwas gelungen, was nicht zuletzt auch Daniel Cohn-Bendit, der europäische Grünpolitiker und Jugendfreund von Joschka Fischer aus linksradikalen Zeiten, nicht genug preisen kann: Angela Merkel hat, als "fremde“ Ostdeutsche in den Westen gekommen, den deutschen Konservativismus von Grund auf modernisiert.

Zusammenwachsen hat gedauert
Als die Mauer gefallen war, sprach der große deutsche Sozialdemokrat Willy Brandt den unvergessenen Satz: "Es wächst zusammen, was zusammen gehört.“ Das Zusammenwachsen hat lange gedauert, unzählige Milliarden D-Mark - und später Euro - gekostet. Und noch viele Jahre war die Rede von der "Mauer im Kopf“, welche Ost- und Westdeutsche nach wie vor trenne. Zu unterschiedlich waren die Lebenswelten und Mentalitäten dieser beiden Völker, als dass sie so schnell zu "einem Volk“ werden hätten können.

Nun scheint es weitgehend erreicht: Dass die so unterschiedlichen Teile Deutschlands schließlich doch zusammengewachsen sind, wird nicht zuletzt durch das Phänomen Merkel signalisiert. Die Frau aus dem Osten regiert nun fast schon ein Jahrzehnt das Land. Erfolgreich, unbestritten und beliebt. Und auch der Pastor Joachim Gauck, der allseits geachtete deutsche Bundespräsident, ein brillanter Rhetoriker und pragmatischer Moralist, hat seine Prägungen im kommunistischen SED-Staat erhalten.

Zwei Ossis stehen also heute an der Spitze Deutschlands. Sie repräsentieren die vorläufig letzte Etappe der unerwartet glücklich verlaufenden 25-jährigen Geschichte des neuen, vereinigten Deutschlands, jenes Staates, der mit dem Fall der Mauer seinen Anfang nahm.