Die tragische Geschichte des Anarchisten Erich Mühsam

Die tragische Geschichte des Anarchisten Erich Mühsam

Poet und Poltergeist: Wolfgang Paterno über den Parade­anarchisten Erich Mühsam, der vor 80 Jahren von den Nazis ermordet wurde.

Der Griesgram war Dauergast in den Münchner Kaffeestuben, ein ruppiger Vertreter des in Wien klischierten Kaffeehausliteraten. Er lebte in den Tag hinein, meist mit geborgtem Geld, und gab das Bild der Jammergestalt, ungebügelter Konfektionsanzug, verbeulter Hut, ein Feind der Friseure. Er war auch so etwas wie eine frühe Klatschzeitungsprominenz, die viel fotografiert, karikiert, in Öl gemalt wurde. 1929 lichtete August Sander den Schriftsteller und Vorzeige-Bohemien Erich Mühsam (1878–1934) gemeinsam mit zwei politischen Mitstreitern ab. Unter dem Titel „Revolutionäre“ nahm Sander das Bild in sein Sammelwerk „Menschen des 20. Jahrhunderts“ auf.

Leben und Sterben Erich Mühsams erzählen tatsächlich viel vom vergangenen Jahrhundert. Mühsam war Agitator, Unruhegeist und Kurzzeitproponent der Räterepublik, jenes fragilen Politexperiments, das sich nach Ende des Ersten Weltkrieges für kurze Zeit auch in München gebildet hatte; und er war ein epochaler Tagebuchschreiber. Die Veröffentlichung der Tag-für-Tag-Notizen des Schriftstellers ist die publizistische Großtat des kleinen Berliner Verbrecher Verlags. Gerade ist der sechste Band der „Tagebücher“, die insgesamt die Jahre zwischen 1910 und 1924 umfassen, erschienen; für Herbst 2018 ist die Herausgabe des letzten erhaltenen Diariums avisiert.

Mentalitätsgeschichte einer Epoche
Mühsams Tagebuch ermöglicht einzigartige Einblicke in die Mentalitätsgeschichte einer Epoche: in die Wilhelminische Reichsfolklore, in die Material- und Menschenschlachten des Ersten Weltkrieges, in die Tiefenschichten des Weimarer Zerrissenheitsgefühls, das nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 in Diktatur, Rassenhass und Krieg mündete.

Erich Mühsam war kein romantischer Lyriker, kein vollendeter Dramatiker, er schrieb seine Theaterstücke, Pamphlete, ­Gedichte, Chansons und Zeitungskommentare keineswegs mit feiner Klinge. Schierer literarischer Ästhetizismus war ihm zuwider, Schreiben um der Unter­haltung willen verabscheute er: Literatur musste ­Wirkung zeigen. Lange bevor der Begriff des „Gesamtkunstwerks“ die Runde machte, führte Mühsam in seinen Tagebüchern Politik, Leben, Schreiben, Alltag, Erotik („Der Diwan in meiner Stube kann endlich wieder eine Liebesgeschichte erzählen“) und die Empörung über individuelle Unterdrückung und soziale Ungerechtigkeit zusammen. Gustav Landauer, einer seiner anarchistischen Mitstreiter, der 1919 bestialisch ermordet wurde, schrieb Mühsam in einem Brief: „Du hast Deinen Menschen herausgeschrien, und es ist ein wertvoller Mensch.“
Anfang August 1914 notierte Mühsam in seinem Tagebuch: „Es ist ein Uhr nachts. Der Himmel ist klar und voll von Sternen, aber über die Akademie ragt der Rand einer weißen, in dicken Schichten gehäuften Wolke, in der es unaufhörlich blitzt. Unheimlich grelle, lang sichtbare, in horizontaler Linie laufende Blitze. Und es ist Krieg. Alles Fürchterliche ist entfesselt. Seit einer Woche ist die Welt verwandelt. Seit drei Tagen rasen die Götter. Wie furchtbar sind diese Zeiten! Wie schrecklich nah in uns allen der Tod!“ Nach einer langen Schrecksekunde, in der auch Mühsam, wie viele Autoren der Zeit, von Kriegsgeheul und Deutschtümelei beeindruckt war, fand er klare Worte: „Krieg ist organisierter Massenmord und schon deshalb schlechthin unsittlich. An dieser apodiktischen Beweisführung zerschellt jedes Argument, das noch je zur Rechtfertigung von Kriegen hat dienen sollen.“

„Sich fügen heißt lügen!“
Anfang 1933 hielt Mühsam seine letzte öffentliche Rede. „Und ich sage euch, dass wir, die wir hier versammelt sind, uns alle nicht wiedersehen. Wir sind eine Kompanie auf verlorenem Posten. Aber wenn wir hundertmal in den Gefängnissen verrecken werden, so müssen wir heute noch die Wahrheit sagen, hinausrufen, dass wir protestieren.“ Am 28. Februar 1933, in der Nacht des Berliner Reichstagsbrands, wurde Mühsam verhaftet. 17 Monate lang wurde er ohne Anklage und Prozess in Gefängnissen und Konzentrationslagern festgehalten, in Isolationshaft gesperrt, grausam gequält. Im April 1933 schrieb er in seinen Taschenkalender: „Umzug in Einzelhaft (Keller) … Erdarbeit … Verletzung des Gebisses, des Ohres usw. … schwere Herzattacken durch Überanstrengungen … Überfall in der Zelle. Schläge.“ Von SS-Schergen wurde er im Juli 1934 aufgefordert, sich binnen eines Tages selbst zu strangulieren. Am Morgen des 10. Juli 1934 fand man Mühsam erhängt auf dem Abort des KZ Oranienburg. Es ist bis heute ungeklärt, was in der Nacht zuvor geschehen war. Zeugen berichteten, dass der Leichnam keinerlei Anzeichen eines Erhängungstods aufgewiesen habe – als Selbstmord getarnter Mord. Bereits 1919, während der ersten langen Einkerkerung des Autors durch die damalige bürgerlich-sozialdemokratische Regierung, entstand das Gedicht „Der Gefangene“. Damals schrieb Mühsam: „Doch ob sie mich erschlügen: / Sich fügen heißt lügen!“