Das Ende des Zweiten Weltkrieges: Der Gauleiter und die Diva

Gauleiter Hugo Jury

Gauleiter Hugo Jury

Vor 70 Jahren brach Adolf Hitlers Reich zusammen. profil stellt in einer Serie anhand von Zeitdokumenten die dramatischen Wochen des Jahres 1945 dar, in denen Österreich zum Schlachtfeld wurde und das NS-Regime bis zuletzt mordete. Teil IV: 2.-8. Februar 1945.

600 Menschen wurden in der letzten Jännerwoche in Wien bei Bombenangriffen getötet, geht aus den amtlichen Namenslisten hervor. Bei einem weiteren Angriff wird am 7. Februar das Parlament schwer beschädigt. Die Zeitungen veröffentlichen Regeln für das Verhalten im Luftschutzkeller: "Es dürfen keine splitternden Gegenstände aufbewahrt werden. Es ist ein Unding, Flaschen oder dergleichen in versteckten Winkeln zu dulden. Jeder Glasscherben wirkt im gegebenen Fall wie ein Geschoß! Die Sitzgelegenheiten müssen möglichst niedrig und fest sein. Man stellt sie am besten gegen eine Wand.“

Nach Angriffen herrenlos durch die Stadt streunende Hunde werden zu einem Problem.

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Beim Philharmonischen Konzert im Musikverein gibt es am Sonntag Brahms’ D-Dur-Symphonie und die D-Moll-Symphonie von César Franck unter Wilhelm Furtwängler . "Der Dirigent und sein Meisterinstrument, das Orchester der Wiener Philharmoniker, wurden stürmisch gefeiert“, berichtet der "Völkische Beobachter“. Für die am 4. und 5. Februar angesetzten Konzerte der Wiener Sängerknaben gibt es noch Karten.

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In Budapest, wo seit vielen Wochen gekämpft wird, rückt die Rote Armee jetzt zügig vor. Der "Völkische Beobachter“ schreibt unter seiner Aufmacherzeile "Der fanatische Kampf um Budapest“: "Der Gegner hat die Hauptkampflinie in dem Straßengewirr durchbrochen. Er muss wieder geworfen werden, auch um den Preis des Lebens. Die Kämpfe sind von unbeschreiblicher Härte, die sich von Tag zu Tag steigert, doch zwischen den Häusertrümmern von Pest leuchtet noch immer die Hakenkreuzfahne. Verwundete hocken mit durchbluteten Verbänden in den Häuserruinen, die Hosentaschen voll Handgranaten. Sie lassen sich eher zusammenschießen, als dass sie sich verwundet in sowjetische Hände begeben. Sie bekennen sich zu einer Haltung, die es wert ist, in die Unsterblichkeit einzugehen. An den Flammen der brennenden Häuser wärmen sie ihre frierenden Körper.“

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Die Führer der drei gegen Deutschland im Krieg stehenden Mächte USA, Großbritannien und Sowjetunion treffen einander in Jalta, auf der Schwarzmeer-Halbinsel Krim. Die Kunde von der als Geheimtreffen konzipierten Konferenz sickert nur bruchstückhaft nach Deutschland durch. Die Zeitungen berichten von einem Zusammentreffen auf einem Kriegsschiff, tatsächlich sitzt man in einem alten Zaren-Palast.

Der todkranke US-Präsident Franklin D. Roosevelt und der britische Premier Winston Churchill befürchten eine lange Dauer des Krieges gegen Japan und sind zu Zugeständnissen gegenüber Stalin in Europa bereit, wenn dieser Japan den Krieg erklärt. So wird der Osten Polens der Sowjetunion zugeschlagen, die deutschen Zonengrenzen für die Zeit nach Kriegsende werden festgelegt, und Churchill und Stalin skizzieren auf einem Blatt Papier die künftigen Einflusssphären in Osteuropa: "Rumänien: Russland 90%, die anderen 10%. Griechenland: Großbritannien 90%, Russland 10%. Ungarn und Jugoslawien: 50% zu 50%. Bulgarien: Russland 75%, die anderen 25%.“

In der Präambel des Übereinkommens heißt es: "Es ist unser unbeugsamer Wille, den deutschen Militarismus und das deutsche Nazitum auszurotten und dafür zu sorgen, dass Deutschland nie wieder in der Lage sein wird, den Frieden der Welt zu stören.“

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Am 2. Februar versuchen 500 dem Hungertod preisgegebene sowjetische Offiziere die Flucht aus dem Todesblock des KZ Mauthausen. 300 können tatsächlich die Stacheldrahtsperren überwinden. Die SS-Lagerleitung ruft am Morgen die Zivilbevölkerung zur Suche nach den Geflohenen im Raum Gallneukirchen, Wartberg, Pregarten, Perg und Schwertberg auf. Feuerwehren, Gendarmerie, Volkssturm und Hitlerjugend werden ebenfalls mobilisiert. Später wird die Aktion als "Mühlviertler Hasenjagd“ bezeichnet werden. Die meisten der gefassten Gefangenen werden noch an Ort und Stelle erschossen oder erschlagen. Ihre Leichen werden in Ried in der Riedmark aufgetürmt. Nur elf der geflüchteten Offiziere erleben das nahe Kriegsende, weil sie von Bauernfamilien und ausländischen Zwangsarbeitern versteckt wurden.

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Der Gauleiter von Niederdonau (vormals Niederösterreich) Hugo Jury ruft in einem "Interview“ zu entschlossenem Widerstand gegen die in Ungarn vorrückende Rote Armee auf:

"Das ganze Volk muss wie ein Mann aufstehen. Wer Waffen tragen und gebrauchen kann, muss sich wehren um sein eigenes Leben, um das Leben seiner Familie, seiner Heimat, seines Volkes.“ Der Arzt und Burschenschafter Jury, ein Nazi der ersten Stunde, unterhielt nach Angaben des Komponisten Gottfried von Einem eine intime Beziehung zur Operndiva Elisabeth Schwarzkopf (1915-2006). Die Sängerin wurde später kritisiert, weil sie vor den Behörden ihre NS-Mitgliedschaft verheimlicht hatte. Jury begeht am 8. Mai 1945 Selbstmord.

Noch 13 Wochen bis zum Ende des Weltkriegs in Europa.