Der Fall Kurt Waldheim: Pflicht und Dunkel

Alt-Bundespräsident Kurt Waldheim.

Alt-Bundespräsident Kurt Waldheim.

Vor 30 Jahren wurde die NS-Vergangenheit von Kurt Waldheim aufgedeckt: Seine von ihm verdrängte und verschwiegene Rolle im Zweiten Weltkrieg wurde das tragische Lebensthema des verstorbenen Altbundespräsidenten Kurt Waldheim. Dieser Artikel erschien erstmals am 18. Juni 2007.

Unfreiwillig rückte er ins Zentrum der österreichischen Vergangenheitsbewältigung - eingeleitet durch profil. Die Chronik einer Recherche.

Journalisten neigen dazu, sich selbst und die Auswirkungen ihrer Arbeit zu überschätzen. Sie glauben, Wahlen und Hitparaden zu entscheiden, die Besetzung von Operndirektionen und Fußball-nationalmannschaften. Ein Irrtum.

Manchmal gelingen allerdings tatsächlich große Würfe, denen lange Nachbeben folgen. Im Fall von profil war es etwa die Aufdeckung der so genannten AKH-Affäre durch Alfred Worm im Jahr 1980, deren politische Auswirkungen die ergaunerten Summen bei Weitem übertrafen. Als Josef Votzi 1995 über die seinerzeitigen Untergriffe des Kardinals Hans Hermann Groer im Knabeninternat berichtete, stürzte dies die österreichische Kirche in eine lange, tiefe und zumindest bedingt reinigende Krise.


Kurt Waldheim war kein Kriegsverbrecher gewesen, aber er hatte sich in räumlicher und zeitlicher Nähe von Nazi-Gräueltaten befunden.

Aber nur wenige Recherchen österreichischer Journalisten wühlten die Nation so tief auf wie 1986 jene des damaligen profil-Innenpolitik-Redakteurs Hubertus Czernin über die Kriegsvergangenheit des früheren Außenministers, UNO-Generalsekretärs und damaligen Präsidentschaftskandidaten Kurt Waldheim. Die Parameter der politischen Debatte in Österreich veränderten sich nach jenem Frühsommer grundlegend, lange Verschüttetes aperte aus, in vielen Familien wurde erst jetzt, vierzig Jahre später, über die dunklen Jahre gesprochen, die keineswegs nur Kurt Waldheim verdrängt hatte.

Czernin war nicht der erste Journalist gewesen, der dunkle Winkel in Waldheims Vita entdeckt hatte - aber er ging ihnen am konzentriertesten nach. Am Ende seiner Arbeit war klar: Kurt Waldheim war kein Kriegsverbrecher gewesen, aber er hatte sich in räumlicher und zeitlicher Nähe von Nazi-Gräueltaten befunden; er war zu unbedeutend gewesen, um Befehle zu geben oder Massaker verhindern zu können. Aber er musste gesehen haben, was im gnadenlosen Krieg am Balkan rund um ihn vorging.

Dies geleugnet zu haben sollte das Bild dieses bemerkenswerten Mannes bis zu seinem Tod überschatten.

Merkwürdig die Quelle, in der erstmals Hinweise auf Ungereimtheiten in Kurt Waldheims offizieller Biografie auftauchten. Im Frühjahr 1971 - Waldheim stand eben im Präsidentschaftswahlkampf gegen den Sozialisten Franz Jonas - munkelte das der FPÖ nahe "Salzburger Volksblatt", der schwarze Kandidat sei Mitglied der "SS-Reiterstandarte" gewesen. Davon werde sich die ÖVP aber hoffentlich nicht distanzieren, forderte das rechte Blatt forsch.


Der ORF-Mitarbeiter Georg Tidl verfügte sogar über konkrete Unterlagen, die er dem daran wenig interessierten ÖVP-Obmann Alois Mock vorlegte.

Das Gerücht war falsch - Waldheim war nie bei der SS gewesen - und interessierte kaum jemanden, schon gar nicht die SPÖ. Sie hatte selbst erst kurz zuvor vier ehemalige NS-Mitglieder in ihre Alleinregierung aufgenommen.

In Österreich unbemerkt, tauchte das Thema fast zehn Jahre später, im Oktober 1981, wieder auf. Bei einer Pressekonferenz des nunmehrigen UNO-Generalsekretärs Kurt Waldheim stellte der amerikanische Journalist Hilel Seidmann die Frage, ob Waldheim bei der SA oder bei den NS-Studenten gewesen sei. Waldheim wies den Anfrager scharf zurecht. Im Frühsommer 1985 - die ÖVP hatte Waldheim eben zu ihrem Präsidentschaftskandidaten gekürt - flackerten auch in Österreich Gerüchte auf.

Der "Stern"-Reporter Georg Karp schockte die Anwesenden bei der Vorstellung des Waldheim-Prominentenkomitees mit der Frage, ob der Kandidat Mitglied des Nationalsozialistischen Studentenbundes gewesen sei. Der ORF-Mitarbeiter Georg Tidl verfügte sogar über konkrete Unterlagen, die er dem daran wenig interessierten ÖVP-Obmann Alois Mock vorlegte. Bis heute will Tidl nicht sagen, woher er die Papiere hatte und was mit ihnen geschah.

In jenem Sommer 1985 scheinen auch der SPÖ-Zentrale erste Informationen zugegangen zu sein. Im Oktober kündigte Parteiobmann Fred Sinowatz dem burgenländischen SPÖ-Vorstand an, "Waldheims braune Vergangenheit" dürfte im Wahlkampf noch eine Rolle spielen.


Waldheim hatte in seiner eigenen Biografie nur vom Einsatz an der Ostfront, einer Verwundung und dem anschließenden Studienaufenthalt in Wien geschrieben.

Die ÖVP hatte auf seltsamen Wegen erfahren, dass die Sozialdemokraten nun, ein halbes Jahr vor der Wahl, in der Vita Waldheims schnüffelten: Zwei rote ORF-Mitarbeiter hatten sich in einem Pissoir im ORF-Zentrum am Küniglberg darüber unterhalten, ein ÖVP-naher Kollege saß in einer Kabine und informierte den schwarzen TV-Intendanten Ernst Wolfram Marboe von dem eben belauschten Gespräch. Dieser erzählte es seinem Bruder Peter, damals Waldheims Büroleiter, und seinem Freund, dem ÖVP-Kampagnechef Kurt Bergmann.

In jenen Oktobertagen 1985 bekam profil-Chefredakteur Helmut Voska ein unscharfes Foto zugespielt, das einen Kurt Waldheim stark ähnelnden jungen Mann inmitten einer Gruppe von Gleichaltrigen zeigte. Alle trugen die Montur der NS-Studenten. Voska beauftragte den damals 29-jährigen Innenpolitik-Redakteur Hubertus Czernin, Waldheim das Foto vorzulegen. Das sei nicht er, beschied der Präsidentschaftskandidat.

Wenige Wochen später, im Jänner 1986, gingen profil-Redakteur Otmar Lahodynsky gesicherte Informationen zu, wonach Kurt Waldheim am Balkan Ordonanzoffizier im Stab des später als Kriegsverbrecher hingerichteten Generals Alexander Löhr gewesen sei, dem zu Ehren eben eine Gedenktafel in der Wiener Stiftskaserne angebracht worden war. Das war nun neu: Waldheim hatte in seiner eigenen Biografie nur vom Einsatz an der Ostfront, einer Verwundung und dem anschließenden Studienaufenthalt in Wien geschrieben. Bei Kriegsende sei er in Triest gewesen.

Lahodynsky verfasste eine folgenschwere Kurzmeldung.


Kurt Waldheim war tatsächlich Mitglied der SA und des NS-Studentenbundes gewesen.

Am selben Tag kam es unweit der profil-Redaktion, in einem Hotel beim Wiener Stadtpark, zu einem geheimen Treffen. Ein bis heute nicht enttarnter Informant, der unter dem Decknamen "Schuller" auftrat - er soll lang und hager gewesen sein -, steckte dem eigens aus New York angereisten Rechtsberater des World Jewish Congress, Eli Steinberg, ein Kuvert mit Material über Waldheims Kriegsvergangenheit zu. Waren es Tidls Papiere?

Hubertus Czernin hatte Lahodynskys kurzer Bericht hellhörig gemacht. Als er in dieser Februarwoche 1986 im Büro eines Informanten zur damals heißen Noricum-Kanonen-Affäre saß, läutete dessen Telefon. Man unterhielt sich, das bekam Czernin mit, über Waldheims Kriegsvergangenheit.

Nun begann der profil-Redakteur zu recherchieren. Ganz offiziell suchte er in Waldheims Büro um die Genehmigung zur Einsicht in den Wehrmachtsakt an. Waldheim erteilte sie sofort. Als Czernin tags darauf im Staatsarchiv am Wiener Minoritenplatz anfragte, lag der Akt schon bereit.

Eine kurze Durchsicht genügte: Kurt Waldheim war tatsächlich Mitglied der SA und des NS-Studentenbundes gewesen. Aber warum hatte er dann dem Journalisten so bereitwillig Einsicht in die brisante Wehrstammkarte gewährt?

Auch danach wollte Czernin Waldheim fragen, als er diesem noch am selben Abend ins Schloss Ebreichsdorf bei Wien nachfuhr, wo die Aristokraten-Familie Drasche Waldheim einen noblen Kandidatenempfang ausrichtete. "Ich bin im Foyer gesessen und habe gewartet", erzählte Czernin später. "Plötzlich kam Waldheim auf mich zu, legte mir die Hand auf die Schulter und sagte:, Machen Sie sich keine Sorgen.'" Die Vermerke im Akt könne er sich jedenfalls nicht erklären.


Er habe von den Deportationen weder etwas gewusst, noch habe er sie wahrgenommen, entgegnete das nun hochnervöse Waldheim-Lager.

Waldheim hatte die Lage falsch eingeschätzt: Czernin stammte aus gräflichem Haus, Waldheim hatte seinen Großvater, den Industriellen Franz-Josef Mayer-Gunthof, gut gekannt und offenbar geglaubt, Czernin wolle ihn bloß warnen.

Am folgenden Montag - es war der 3. März 1986, und bis zur Wahl waren es noch genau zwei Monate - erschien Czernins Artikel in profil. Titel: "Waldheim und die SA". Tags darauf veröffentlichte die "New York Times" eine wahrscheinlich auf dem von "Schuller" an Eli Steinberg übergebenen Material basierende Story und illustrierte sie mit einem bemerkenswerten Foto: Es zeigte Waldheim in Wehrmachtsuniform an der Seite von SS-Gruppenführer Arthur Phleps im bosnischen Podgorica. Das Bild, so viel ließ sich später rekonstruieren, war von einem Innsbrucker Amateurhistoriker, einem Sozialdemokraten, bei einem Antiquitätenhändler entdeckt worden. Den Weg nach New York fand es wohl über "Schuller" und Steinberg.

Nun waren die Dämme gebrochen. Allwöchentlich förderte Czernin neue Details aus Waldheims verschwiegener Zeit im Balkankrieg zutage: seine Funktion in Löhrs Stab, die Verleihung der Zvonimir-Medaille, einer Auszeichnung des mit den Nazis kooperierenden Ustascha-Regimes in Kroatien, und seine 1942 erfolgte Zuteilung als Dolmetscher zur "Kampftruppe Westbosnien" der Heeresgruppe E, die an Kriegsverbrechen beteiligt war.

profil-Recherchen ergaben überdies, dass Waldheim just zur Zeit der schlimmsten Judendeportationen in Saloniki dort als Dolmetscher stationiert gewesen war. Er habe von den Deportationen weder etwas gewusst, noch habe er sie wahrgenommen, entgegnete das nun hochnervöse Waldheim-Lager. Eine wenig glaubhafte Behauptung: Adolf Eichmann hatte immerhin 50.000 Juden aus Saloniki deportieren lassen, ein Viertel der Bevölkerung. Fast vier Wochen lang gingen täglich Züge mit je 2000 Gefangenen in Richtung der Vernichtungslager Auschwitz und Treblinka. Konnte das dem jungen Offizier verborgen geblieben sein?


Die Leserbriefseiten mancher österreichischer Zeitungen strotzten vor notdürftig verhohlenem und offenem Antisemitismus.

ÖVP-Wahlkampfleiter Kurt Bergmann ging jetzt in die Gegenoffensive. Seine Botschaft: Die Vorwürfe seien unwahr, es handle sich um "die größte Verleumdungskampagne seit dem Zweiten Weltkrieg", und Waldheim habe "so wie hunderttausende andere Österreicher" bloß seine Pflicht erfüllt.

Auf die Waldheim-Plakate wurden gelbe "Jetzt erst recht!"-Banderolen geklebt. In New York trommelte indessen der World Jewish Congress (WJC) immer wütender gegen Waldheim - und spielte diesem mit unsinnigen Argumenten in die Hände. In einem profil-Interview, geführt von dem später zur FPÖ übergewechselten freien Journalisten Peter Sichrovsky, drohten die WJC-Spitzen Israel Singer und Eli Steinberg düster: "Die österreichische Bevölkerung sollte sich im Klaren sein, dass, falls Waldheim gewählt werden sollte, die nächsten Jahre kein Honiglecken für die Österreicher werden."

"Wir Österreicher wählen, wen wir wollen", plakatierten wenige Tage später die Waldheim-Leute. Die "Kronen Zeitung" warf sich schützend vor die "Soldatengeneration". Herausgeber Hans Dichand, im Krieg Marinesoldat, schoss aus allen Rohren.

Der Ton wurde immer hysterischer. "Neue Dokumente zeigen: Waldheim war ein SS-Schlächter" titelte das Boulevardblatt "New York Post". Die Leserbriefseiten mancher österreichischer Zeitungen strotzten vor notdürftig verhohlenem ("Die Ostküste!") und offenem Antisemitismus: "Die Juden vertragen nicht die Wahrheit. Als wahres Herrenvolk gebärden sich die Juden", schrieb ein Günter S. aus Baden an den "Kurier".

Auch die Waldheim-Gegner mobilisierten: Intellektuelle, Künstler und jüdische Organisationen hielten Mahnwachen ab.


In Österreich selbst verhinderte Waldheims Wahlsieg nicht die schmerzhafte Diskussion über die verdrängte Vergangenheit.

Seinen Wahlsieg konnten sie nicht verhindern. Schon im ersten Wahlgang fehlten Waldheim nur 16.000 Stimmen auf die absolute Mehrheit, fünf Wochen später wurde er mit fast 54 Prozent zum Bundespräsidenten gewählt. SPÖ-Kandidat Kurt Steyrer war im Getöse untergegangen.

Als sich der Pulverschmauch verzogen hatte, sah die Sache freilich etwas anders aus. Der österreichische Bundespräsident war auf die "Watchlist" des US-Justizministeriums gesetzt worden und durfte nicht in die USA einreisen. Auch die meisten europäischen Staatsoberhäupter mieden ihn. Wie später Jörg Haider musste Waldheim seine Auslandskontakte im arabischen Raum suchen.

In Österreich selbst verhinderte Waldheims Wahlsieg nicht die schmerzhafte Diskussion über die verdrängte Vergangenheit. Dass Waldheim sechs Jahre später erklärte, er werde zum Besten des Landes nicht für eine zweite Amtsperiode kandidieren, illustriert seinen eigenen Erkenntnisprozess, aber auch den Umstand, dass das Land ein anderes geworden war.

In seinem am Freitag veröffentlichten Vermächtnis schreibt Waldheim, er "bedauere zutiefst, viel zu spät zu den NS-Verbrechen umfassend und unmissverständlich Stellung genommen" zu haben: "Im Angesicht des Todes lösen sich alle Brüche des Lebens auf, Gutes und Böses, Helles und Dunkles, Verdienste und Fehler stehen nun vor einem Richter, der allein die Wahrheit kennt. Getrost trete ich vor ihn - im Wissen um seine Gerechtigkeit und seine Gnade."

Möge sie ihm gewährt werden.