Sudetendeutsche: Schreckenstein revisited

Mit den Verbrechen an den Sudetendeutschen wollte sich das offizielle Tschechien lange Zeit nicht auseinandersetzen. Nun soll ein Museum die Geschichte der deutschen Minderheit zeigen.

Von Simone Brunner, Abertamy

Die nordböhmische Stadt Usti nad Labem, wo das Flüsschen Bilina in die Elbe mündet, erhält eine neue Sehenswürdigkeit. Bisher locken den Besucher diverse Kirchen, ein Stadtmuseum, ein Zoo und die Burgruine Strekov, zu Deutsch: „Schreckenstein“. Eigentlich sollte schon seit Jahren mit dem Bau eines Museums begonnen werden, doch dieses Unterfangen ist heikel, denn es betrifft die dunkle Vergangenheit der Stadt und die der Tschechischen Republik.

Usti nad Labem, auf Deutsch: Aussig, war während des Zweiten Weltkriegs und danach Schauplatz mehrerer Verbrechen. Im Novemberprogrom des Jahres 1938 wurde die Synagoge niedergebrannt, der Großteil der rund 1200 Mitglieder zählenden jüdischen Gemeinde fiel dem Nazi-Völkermord zum Opfer.

Nach Kriegsende kam es in Usti nad Labem zu einem Pogrom an der deutschen Zivilbevölkerung, dessen Urheber das tschechische Innenministerium gewesen sein soll. Die Opferzahl ist bis heute nicht geklärt, Angaben schwanken von 43 bis 2000. Durch Vertreibung, Flucht und Zwangsaussiedlung verschwanden in der Folge zehntausende Sudetendeutsche aus der Stadt. Durch die Benes-Dekrete waren Racheakte an den Sudetendeutschen zur „Wiedergewinnung der Freiheit“ oder als „gerechte Vergeltung“ legitimiert. Hintergrund dieser Politik war die Tatsache, dass viele Sudetendeutsche an den Verbrechen des NS-Regimes beteiligt gewesen waren.

„Wir sind mit dem Museum nicht einverstanden"
Das ist die Vergangenheit von Usti nad Labem und vielen anderen Orten, wo Sudetendeutsche lebten. Jahrzehntelang wollte das offizielle Tschechien nichts von ihr wissen – bis vor ein paar Jahren das Projekt „Museum der deutschsprachigen Bewohner der böhmischen Länder“ gestartet wurde. Seither ringt die Republik mit sich, ob in Usti nad Labem ein Museum zum Andenken an die Sudetendeutschen öffnen soll. Ende 2014 könnte es so weit sein. Mit EU-Geldern wurde eine alte Schule renoviert, Projektdokumentation und Modelle sind fertig. „Uns fehlen noch 50 Millionen Kronen (zwei Millionen Euro) für die Umsetzung“, sagt Kurator Jan Šicha.

Die Chancen, dass der fehlende Betrag aus dem tschechischen Kulturbudget fließen wird, stehen gut: Bei den Parlamentswahlen Ende Oktober ist der erwartete Linksruck ausgeblieben. Die Kommunisten (KSČM) waren zuletzt die einzige Partei Tschechiens, die sich offen gegen das geplante Museum gestellt hat. „Wir sind mit dem Museum nicht einverstanden, weil die Deutschen dort als Kulturträger dargestellt werden, was eine Verzerrung der Geschichte darstellt“, so KSČM in einem Statement gegenüber profil. Nun scheint eine Regierungsmehrheit für die Fertigstellung des Museums sicher.

„Es ist an der Zeit, dass sich der Staat endgültig zu diesem Thema bekennt“, fordert Ondřej Matějka, Direktor von „Antikomplex“, einem Prager Verein zur Aufarbeitung der sudetendeutsch-tschechischen Geschichte. Laut Umfragen erachten 42 Prozent der Tschechen die Aussiedlung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg als gerechte Strafe für die Gräuel des Nazi-Regimes. 39 Prozent sehen die Vertreibung hingegen kritisch. Aber: „Vor zehn Jahren waren noch 60 Prozent der Befragten der Meinung, dass die Vertreibung in Ordnung war“, sagt Matějka.

Während der Staat noch um das Museum ringt, sind private Kleininitiativen schon viel weiter. Dafür sorgen vor allem jene 18.000 tschechischen Staatsbürger, die sich noch heute als Sudetendeutsche verstehen. Paul Schreiber und Gerhard Krakl etwa: Die beiden alten Herren sprechen oft über die alte Zeit. „Nach einem Nachmittagsspaziergang sind wir auf die Idee gekommen, etwas für die nächste Generation zu tun“, sagt der 80-jährige Schreiber. Er und sein Mitstreiter Krakl leben im Ort Abertamy im Erzgebirge.

Die Region nördlich von Karlovy Vary (Karlsbad) hält mit drei Prozent den höchsten Sudetenanteil der Tschechischen Republik. In einigen kleineren Orten stellen die Sudetendeutschen heute noch mehr als die Hälfte der Einwohner. Die sudetendeutsche Kultur hat kaum eine andere Region so sehr geprägt wie dieses Grenzgebiet. Und da mit dem Ort Abertamy, damals Abertham, nichts mehr verbunden ist als die Erinnerung an seine ehemals florierende Handschuhindustrie, eröffneten Krakl und Schreiber vor zwei Jahren das erste tschechische Handschuh-Museum. Die Zunft war ein sudetendeutsches Bollwerk der Region: Bis in die späten 1950er-Jahre wurde die betriebliche Korrespondenz in dem – mittlerweile verstaatlichten – Handschuh-Werk auf Deutsch geführt, erinnert sich Krakl. Noch heute pflegen Schreiber und Krakl die Aberthamer Mundart: ein dunkles, kehliges Deutsch, das oft ins Sächsische kippt.

„Es gab sogar eine Brauerei“
Wenige Kilometer von Abertham entfernt blinzelt Rudolf Löffler in den bedeckten Morgenhimmel. Seine Hand deutet da hin, wo einmal der Ort Seifen lag. „Dort stand eine Schreinerei, es gab sogar eine Brauerei“, erzählt Löffler. Heute durchbricht nur das Surren der Strommasten die Stille auf der sanft abfallenden Blumenwiese.

Löffler ist Sudetendeutscher und steht dem örtlichen Bürgerverein vor. Vor wenigen Jahren wurde er genau an dieser Stelle fündig: Er stieß auf alte Gemäuer, Kirchenfenster und sogar Grabmäler, die von den Kommunisten in den Feldern der Umgebung verscharrt worden waren. Aus den Überresten der St.-Wenzels-Kirche und des Friedhofs wurde ein steinernes Hügelgrab errichtet – zum Andenken an das verschwundene „Sudetenland“. Einmal im Jahr kommen hier seither die Menschen zum versöhnlichen Gedankenaustausch zusammen, von dies- und jenseits der deutsch-tschechischen Grenze. Auch in Abertamy wurde im vergangenen Jahr ein Gedenkstein für 16 Zivilisten aufgestellt, die nach 1945 von tschechoslowakischen Funktionären getötet worden waren.

Die Politik in Prag tut sich mit dem Gedenken noch um einiges schwerer. Als der Präsidentschaftskandidat Karel Schwarzenberg im TV-Duell im Jänner dieses Jahres mit Gegenkandidat Miloš Zeman die kollektive Vertreibung der Sudetendeutschen als „schwere Verletzung der Menschenrechte“ geißelte, stand das Thema plötzlich wieder auf der Agenda. Letztlich entschied Zeman die Präsidentschaftswahl für sich.
Schwarzenberg sieht die Causa heute gelassen: „Ich denke, dass es notwendig ist, über die eigene Vergangenheit die Wahrheit zu sagen. Der Wahlkampf hatte den Vorteil, dass in der Frage endgültig alle Tabus gebrochen wurden“, so Schwarzenberg gegenüber profil. Kurz nach dem Wahlkampf reiste der damalige Premier Petr Nečas nach Bayern, um vor dem Landtag eine emotionale Rede über die Schicksalsgemeinschaft zwischen Tschechen und Deutschen zu halten – und eben auch die Realisierung des Museums in Usti nad Labem zu versprechen. „Das wäre ein halbes Jahr zuvor undenkbar gewesen“, sagt Schwarzenberg heute.