Vor 25 Jahren fiel der Eiserne Vorhang: Europa - entfesselt

Vor 25 Jahren fiel der Eiserne Vorhang: Europa - entfesselt

Serie Teil 1. Vor 25 Jahren fiel der Eiserne Vorhang. Das Grenzland Österreich brauchte lange, um sich an diesen Gedanken zu gewöhnen. Ganz ist das bis heute nicht gelungen.

Die ungarischen Grenzsoldaten rückten im Morgengrauen des 2. Mai aus. Nahe Hegyeshalom und Sopron begannen sie ihr Werk und beseitigten mit Bolzenschneidern und Blechscheren die sich oft in sechs Reihen dahinziehenden Stracheldrahtverhaue.

Vom Sturm der Geschichte hinweggefegt
Der Eiserne Vorhang, der viele Jahrzehnte lang Europa geteilt hatte, jener Todesstreifen, in dem tausende Menschen verblutet waren, wurde niedergerissen. Ein despotisches, oft mörderisches Regime wurde vom Sturm der Geschichte hinweggefegt. Ein historischer Moment - vergleichbar mit der Französischen Revolution 200 Jahre zuvor, dem Zusammenbruch der europäischen Kaiserreiche 1918 und dem Sieg über den europäischen Faschismus 1945.

In den österreichischen Tageszeitungen wurde der Beginn des Abbaus der Grenzsperren nicht einmal in dürren Einspaltern erwähnt. Er war ja angekündigt worden - keine Story mehr. Die Austria Presseagentur berichtete in einer kurzen Meldung. Bundeskanzler Franz Vranitzky und Außenminister Alois Mock begrüßten die Maßnahme in Aussendungen. Das war es dann auch schon.

Nicht, dass das mediale Echo im Rest Europas viel größer gewesen wäre - aber deren Hauptstädte lagen auch nicht 40 Autominuten vom Eisernen Vorhang entfernt, von den Flughäfen ihrer Metropolen konnte man nicht, wie in Wien, an klaren Tagen "hinüber" sehen, in den kommunistischen Teil der Welt.

Reaktion der Verunsicherung
Verunsichert und verdrängend reagierten die Österreicher auf die rasanten Veränderungen jenseits ihrer Ostgrenzen. Der ÖGB etwa hatte sich weit lieber mit der polnischen KP-Gewerkschaft abgegeben als mit der regimekritischen "Solidarnosc", die so eng an der konservativen katholischen Kirche klebte. Die DDR war seit Bruno Kreiskys Zeiten ein wichtiger Abnehmer für die Schwerindustrie-Produkte der heimischen Verstaatlichten gewesen.

Als kleiner Neutraler lebte man gar nicht so schlecht am Eisernen Vorhang. Ganz dicht war diese mehr als 700 Kilometer lange Befestigung an Österreichs Nord-und Ostgrenze schließlich nicht mehr: Man konnte bequem in Sopron Klopapier und Zahnfüllungen kaufen oder in Znaim ein Bier trinken. Und Zigaretten waren in Slowenien schon immer billiger.

Dieser Stacheldrahtzaun war zu einer Art Landschaftsmöbel geworden, das einfach immer schon da war - zumindest für die Nachkriegsgenerationen diesseits des Todesstreifens. Und schließlich sorgte dieser Verhau dafür, dass man weitgehend unter sich blieb. Im Dezember 1989, als alle Zäune gefallen waren, meinten 63 Prozent der Österreicher in einer IFES-Umfrage, die Zunahme der Zahl der ins Land kommenden Ausländer sei "ungünstig", nur 22 Prozent freuten sich darüber.

Es war aber auch alles so schnell gegangen.

"Zu unseren Lebzeiten wird das nicht mehr passieren"
Etwa zur gleichen Zeit, als die Ungarn mit ihren Bolzenschneidern anrückten, im Mai 1989, war Außenminister Mock in Bratislava mit dem aus der Grenzstadt stammenden tschechoslowakischen Außenminister Bohuslav Chnoupek zusammengetroffen. Chnoupek erzählte Mock, wie er als Bub mit dem Fahrrad hinüber nach Österreich zum Fußballspielen gefahren sei. "Wäre schön, wenn man das wieder tun könnte", meinte Mock. "Durchaus", lachte Chnoupek, "aber zu unseren Lebzeiten wird das nicht mehr passieren." Innenminister Franz Löschnak traf etwa zur selben Zeit seinen deutschen Amtskollegen Wolfgang Schäuble in Bonn. Auf Löschnaks Frage, wie er die Situation in Osteuropa einschätze, meinte Schäuble, laut seinen Geheimdiensten werde sich in der DDR nicht so schnell etwas ändern.

SPÖ-Klubobmann Heinz Fischer verfasste in jenem Frühsommer 1989 ein Grundsatzpapier für die Sozialistische Internationale, in dem er festhielt, der Zusammenbruch der KP-Regime sei "eine Entwicklung der nächsten Jahre", und nicht der unmittelbaren Zukunft.

Der große österreichische Schriftsteller Stefan Zweig hat in seiner Essaysammlung "Sternstunden der Menschheit" das kleine, scheinbar zufällige Ereignis als Anstoß für gewaltige Umwälzungen beschrieben. Man könnte auch den denkwürdigen 27. Juni 1989 so sehen. An diesem Tag trafen einander die Außenminister Österreichs und Ungarns, Alois Mock und Gyula Horn, zu einem für die Medien inszenierten Foto an einem gerade noch stehenden Stück des Stacheldrahtverhaus. Die Idee dazu hatte der Wiener Fotograf Bernhard Holzner, der für das Außenministerium arbeitete und Mock mit dem Argument dazu drängte, wenn schon jede U-Bahnstation mit großem Getöse eröffnet werde, dann müsse es doch für ein solches Ereignis wenigstens eine kleine Zeremonie geben.

Inzwischen hatten auch die Medien mitbekommen, dass sie da etwas versäumt hatten. Als Mock und Horn mit ihren großen Zangen anrückten, warteten bereits dutzende Fotografen und Kamerateams.

Mock-Foto als Ikone
Das Foto wurde zur Ikone, die Bilder im westdeutschen Fernsehen ließen noch am selben Abend tausende DDR-Familien den Beschluss fassen, den heurigen Sommerurlaub in Ungarn zu verbringen. Es war der Beginn vom Ende der Deutschen Demokratischen Republik, die sich eben anschickte, den 40. Jahrestag ihres Bestehens zu feiern.

Schon in den ersten Juliwochen flüchteten hunderte DDR-Bürger via Ungarn über die grüne Grenze nach Westen. Am 19. August organisierten Otto Habsburg und seine Tochter Walpurga ein "Paneuropäisches Picknick" am ehemaligen Todesstreifen zwischen den Gemeinden Sankt Margarethen und Fertörakos, für das ein Holzgatter im dort noch stehenden Verhau geöffnet wurde. Zuerst zögernd, dann immer entschlossener strömten hunderte DDR-Bürger ins Burgenland. Sie waren mit Flugblättern und via Mundpropaganda von dem "Picknick" informiert worden. Die ungarischen Grenzsoldaten sahen tatenlos zu. Am 11. September hob Ungarn alle Reisebeschränkungen auf. Eine Woche später waren bereits 60.000 Ostdeutsche via Österreich in die BRD gereist.

Seit der Veröffentlichung der geheimen Gesprächsprotokolle des damaligen deutschen Bundeskanzlers Helmut Kohl in der vorwöchigen Ausgabe des "Spiegel" weiß man, dass der Termin der Grenzöffnung kein Zufall war: Kohl hatte dem ungarischen Ministerpräsidenten Miklos Nemeth Milliardenkredite in Aussicht gestellt, falls er die Grenzen noch vor dem für Mitte September angesetzten CDU-Parteitag öffnete. Kohl brauchte den Erfolg - innerparteiliche Widersacher hatten einen Putsch gegen ihn geplant.

"Habsburg ist an allem schuld", knurrte der DDR-Staatsratsvorsitzende Erich Honecker, als ihn der höchstpersönlich angerückte Medienmogul Rupert Murdoch in jenen Tagen für seinen "Daily Mirror" interviewte. Vor Arbeitern in Erfurt gab sich Honecker optimistisch: "Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf."

Botschafter sahen Wiedervereinigung nicht kommen
Auch im Wiener Außenministerium war man nicht sicher, ob die Massenflucht das Ende der DDR oder gar die deutsche Wiedervereinigung bedeuten würde. Es gebe in der DDR "keinen großen Druck zu radikalen Veränderungen", berichtete Österreichs Botschafter in Ostberlin, Franz Wunderbaldinger bei der alljährlichen Botschafterkonferenz. In der BRD strebe keine der wichtigen Kräfte eine Wiedervereinigung an, ergänzte Friedrich Bauer, Botschafter in Bonn. Der Leiter der Grundsatzabteilung des Hauses, der ehemalige Kreisky-Sekretär Thomas Nowotny, hielt dagegen: Es werde die Wiedervereinigung geben, und niemand müsse sich vor ihr fürchten.

Nach Wochen gewaltiger Demonstrationen und der Entmachtung der alten Garde der DDR fiel am Abend des 9. November das wohl hinterhältigste und perverseste Stück des Eisernen Vorhangs - jene Mauer, die seit 1961 die Stadt Berlin geteilt hatte.

Zwei Wochen nach dem Mauerfall besuchte der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl den ÖVP-Parteitag in Graz. Nach seiner Rückkehr schwenkte er in der Sitzung des CDU-Parteivorstands die aktuelle Ausgabe von profil, die er aus Österreich mitgebracht hatte. Den Cover "Der entfesselte Riese" zierte ein Cartoon von Gerhard Haderer: Der zu gewaltiger Kraft gekommene deutsche Michel, der alle Ketten sprengt. Das hier sei der österreichische "Spiegel" sagte Kohl: "Dieses Bild ist symptomatisch für einen Teil dessen, was herumgeht. Deswegen müssen wir bei allem, was wir tun, mit sehr viel Klugheit vorgehen."

Prophetischer Havel-Text in profil
Fünf Tage vor dem Fall der Mauer hatte profil einen Text des wieder einmal inhaftierten tschechischen Bürgerrechtlers Vaclav Havel veröffentlicht. "Ich behaupte nicht, dass wir uns schon auf einer Lichtung befinden", schrieb Havel aus dem Gefängnis, "aber mir scheint, dass es zu dämmern anfängt, und irgendwo am Horizont beginnen wir sie zu ahnen." Acht Wochen später war Havel Präsident der neuen Tschechoslowakei.

Am zweiten Adventwochenende des Jahres 1989 waren die Österreicher, vor allem die Wiener, erstmals mit konkreten Folgen der Grenzöffnung konfrontiert: Eine Viertelmillion Bürger der Tschechoslowakei kam mit Bussen und Privatautos, um einen Blick auf die freie Welt zu werfen. "Sie staunen, als wäre das Staunen eine den Tag ausfüllende Tätigkeit", schrieb der "Kurier". Beim Praterstadion waren Busparkplätze eingerichtet, viele der Besucher aus Prag, Brünn oder Pilsen wanderten euphorisch bis Schönbrunn. Dabei hatte die Stadt für dieses Wochenende Nulltarif auf den Öffis verkündet. Bundestheater-Generalsekretär Rudolf Scholten ließ Restkarten für nicht ausverkaufte Vorstellungen verteilen.

Am Montag beschwerten sich hunderte Besitzer von Jahresnetzkarten und verlangten bei den Verkaufsstellen den Gegenwert von zwei Tagen zurück. Auch Scholten berichtete von "entsetzlichen Anrufen".

Am goldenen Wienerherz prallt mitunter selbst Weltgeschichte ab.

Dabei waren es ja die Brüder und Schwestern aus dem verklärten k. u. k Reich, die nun nach Jahrzehnten der Isolation wieder in die alte Residenzstadt durften.

Sympathien der Österreicher für Nachbarn ungleich verteilt
Aber man hatte sich auseinandergelebt. Die Tschechen hatten die Monarchie zuletzt nur noch als Völkerkerker gesehen, die Nazi-Barbarei und die darauf folgende Vertreibung der Deutschsprachigen hatten den Bruch noch vertieft. Die Slowaken wurden ohnehin immer als Armenhäusler abgetan. Nur die Ungarn galten den hochmütigen Österreichern seit dem Ausgleich von 1867 wenigstens als politisch einigermaßen ebenbürtig.

Das spiegelt sich auch heute noch in den Sympathien der Österreicher für ihre Nachbarn, die jetzt die Historiker Andrea Brait und Michael Gehler für ihren Sammelband zum Thema "1989" in einer großen Umfrage ermittelten:

Persönlich am nächsten stehen uns die Deutschen, gefolgt von Italienern und Schweizern. Abgeschlagen an vierter Stelle die Ungarn vor Slowenen, Tschechen und Slowaken.

Seltene Ausflüge in ehemalige Ostblock-Staaten
Die Gesellschaft für Europapolitik hat im vergangenen April die Einstellung der Österreicher zum vor zehn Jahren vollzogenen EU-Beitritt der ehemaligen Ostblock-Staaten erhoben. Die Begeisterung darüber hält sich in Grenzen: Gerade die Hälfte der Befragten bezeichnet die Osterweiterung der Union als "gute Entscheidung", die Generation 65 plus ist gar nur zu 40 Prozent dieser Ansicht. Auch die persönlichen Kontakte zwischen den nun nicht mehr durch Stacheldraht und Minenfelder getrennten Menschen im Grenzland bleiben hinter den Erwartungen zurück. "Eher häufig" fährt nur jeder dritte niederösterreichische Bewohner einer Grenzlandgemeinde "hinüber" nach Tschechien oder in die Slowakei, obwohl deren Hauptstadt Bratislava direkt am ehemaligen Eisernen Vorhang liegt. Etwas häufiger kreuzen die Burgenländer die Grenze nach Ungarn. Die Menschen aus oberösterreichischen Grenzgemeinden meiden Tschechien weitgehend: Nur jeder Fünfte fährt "öfter" ins Nachbarland.

Was auch mit den Sprachkenntnissen zu tun haben kann: Nur fünf Prozent der Österreicher können sich in einer Sprache der ehemaligen "Oststaaten" einigermaßen verständigen. Kein Wunder: In den Schulen werden sie auch 25 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs kaum angeboten. So wird in 11.200 österreichischen AHS-Klassen Englisch unterrichtet, Latein gibt es in immerhin 3700, Altgriechisch in 125 Klassen. Ungarisch wird hingegen nur in 21 AHS-Klassen angeboten, Tschechisch in 16 und Slowakisch gar nur in vier. An den Handelsakademien ist es nicht anders.

Wächst irgendwann zusammen, was ja doch irgendwie zusammengehört? Vielleicht später einmal. Vorerst fordern die Landeshauptmänner in Österreichs Osten wieder einmal, dass das Bundesheer die Grenzen dichtmacht ...