Jakob Winter (profil), Richard Grasl (Kurier Stv. Chefredakteur), Peter Moizi (Kronen Zeitung), Talkgast: Karl Schranz

© Kronen Zeitung/Reinhard Holl

Club 3
01/21/2022

Karl Schranz im Club 3: Pulver, Partys, Putin

Karl Schranz wurde durch ein Skirennen zur Legende, das er gar nicht fuhr. Warum ihn der Olympia-Ausschluss bis heute schmerzt und wann Après-Ski zu weit geht.

von Jakob Winter

Die Schranz-Hocke beherrscht er immer noch. Nach dem Club3-Interview mit profil, „Kurier“ und „Kronen Zeitung“ posiert Karl Schranz mit den Journalisten und geht tief in die Knie, beachtlich tief für einen 83-Jährigen. Die Hocke war das Markenzeichen des einstigen Skirennläufers, einem der erfolgreichsten, den der Österreichische Skiverband hervorbrachte. 

Heute führt Schranz ein Viersternehotel in St. Anton am Arlberg, dort, wo er selbst Skifahren gelernt hat. Sieht er angesichts von warmen Wintern, Schneemangel und Gletscherschmelze den Skisport in Gefahr? „Noch geht der Winter gut“, sagt er gelassen. „Solange ich lebe, werden wir den Skisport haben. Und meine Kinder auch.“

Wintersportdestinationen wie Ischgl und Kitzbühel kamen zuletzt wegen exzessiven Après-Ski-Partys in Verruf. „Ich sehe das negativ“, sagt Schranz zum Alkoholtourismus und nimmt seine Branchenkollegen in die Verantwortung. Er sagt aber auch: „Das abzuschalten, ist schwer“, schließlich wollten „die Leute eine Gaudi haben“. 

Mehr Sorgen bereiten dem Hotelier derzeit die Corona-Beschränkungen. „Die Schweizer“, sagt Schranz, „fangen uns die Leute ab.“ Auch wenn die Buchungslage in St. Anton derzeit gut sei, würden die Touristen dorthin gehen, wo die Corona-Maßnahmen am wenigsten restriktiv sind. Der dreifach geimpfte Ex-Skistar nimmt Corona ernst, er ist aber auch ein Geschäftsmann und plädiert daher für eine Lockerung – Omikron mache es möglich.

Schranz hat nicht nur eine beachtliche Trophäensammlung, er ist auch ein guter Netzwerker: Der russische Präsident Wladimir Putin dürfte nach einem Arlberg-Aufenthalt so angetan von Schranz gewesen sein, dass die beiden bis heute befreundet sind. Putin machte die Skilegende zu seinem Berater für die Winterspiele 2014 in Sotschi. Er sei mit einem Jet aus Innsbruck abgeholt und nach Moskau geflogen worden, erinnert sich Schranz. Als Putin im Kreml über Rückenschmerzen klagte, habe ihm Schranz spontan geholfen: „Ich wüsste da eine Übung.“ Ein Foto der Turneinheit am Kreml-Fußboden gibt es – leider – nicht. 

Ob Schranz merkt, dass sein Putin-Bild einer Verehrung gleicht? „Wir können nur froh sein, dass Putin Russland so im Griff hat“, sagt der Ex-Skistar. Kritik an Putins Kriegsdrohungen gegen die Ukraine und an seinem despotischen Vorgehen gegen Oppositionelle wischt Schranz weg: „Kein Kommentar.“ 

Wer wie Schranz drei Weltmeistertitel geholt hat und zwei Mal den Gesamtweltcup gewann, könnte eigentlich entspannt auf seine Karriere zurückblicken. Doch der Tiroler kann sich auch 50 Jahre später noch furchtbar über die Olympischen Winterspiele 1972 im japanischen Sapporo empören. Er spricht von einer „Ungerechtigkeit“. Schranz wurde damals ein Foto zum Verhängnis, das ihn bei einem Benefizfußballspiel mit dem Logo eines Kaffeerösters zeigte – das Olympische Komitee wertete das als unerlaubte Werbung und als Indiz dafür, dass Schranz kein Amateur ist. Das war eine Grundvoraussetzung für die Teilnahme an den Spielen, die damals schon kaum mehr zeitgemäß war.

Schranz hadert bis heute mit der Entscheidung. Im Vorfeld der Sapporo-Spiele habe er alle Rennen gewonnen, Wengen, Kitzbühel, er sei bereit gewesen. Er habe von dem Kaffeeproduzenten kein Geld bekommen, beteuert er, er sei für die Jury ein „Sündenbock“ gewesen. Zurück in Österreich jubelten ihm Zehntausende am Ballhausplatz zu, Bundeskanzler Bruno Kreisky empfing ihn in seinem Büro. Schranz sagt heute, er habe sich vom SPÖ-Kanzler nicht instrumentalisiert gefühlt. Im Gegenteil, der Skistar musste Kreisky mehrmals bitten, ehe sich der zu ihm auf den Balkon wagte, um der Menge zu winken. Schranz erzählt, dass er dem Kanzler damals zuflüsterte: „In Österreich würde ich Sie wählen momentan, und in Tirol wähle ich den Wallnöfer.“ (Tirols Ex-ÖVP-Landeshauptmann Eduard, Anm.) Kreisky soll erwidert haben: „So würde ich das auch machen.“

Hat Schranz von dem Olympia-Ausschluss nicht eigentlich profitiert? Schließlich wurde er dadurch endgültig zum Nationalhelden. „Vielleicht“, sagt Schranz. „Aber das wollte ich nicht. Ich wollte den Olympiasieg.“