Bauer sucht Politik

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Bauer sucht Politik: Staffel I, Folge 9
01/22/2022

Politik und die Ski: Spitzensport & Spritzenpolitik

Nach Kitzbühel ist vor Schladming. Wie sich die hohe Politik an ÖSV-Stars ranmacht und Corona diesen PR-Effekt wegschmelzen ließ. Und warum ein grüner Sportminister den Job seines Fahrers übernehmen muss.

von Gernot Bauer

Ende März 2015, in den Alpentälern setzte bereits die Schneeschmelze ein, besuchte der „Bauer-sucht-Politik“-Reporter einen Empfang im Bundeskanzleramt. Der Chef dort, er hieß Werner Faymann, hatte zum Saisonende etwa 30 alpine und nordische Athletinnen und Athleten des ÖSV zu einer Ehrung geladen. Co-Gastgeber war Sport- und Verteidigungsminister Gerald Klug. Dessen Vermächtnis besteht im Wesentlichen in der Einführung des militärischen Begriffs „situationselastisch“ ins politische Vokabular. Erinnerlich bleibt er uns auch dank seiner liebenswerten Marotte, Soldaten „Soldatna“ zu nennen. Später wurde Klug von Faymann zum Verkehrsminister befördert. Das kam ihm phonetisch entgegen, da „Eisenbahner“ ohnehin „Eisenbahna“ ausgesprochen werden.

Beim Empfang hielt Werner Faymann eine kurze Ansprache und lobte die ÖSV-Athleten: „Ich werde oft in der ganzen Welt auf die Erfolge im Wintersport angesprochen, die bereits zu einem Markenzeichen Österreichs geworden sind. Das ist Ihr Verdienst!“ Die Geehrten klatschten. Danach nützten die zwei größten Stars, Marcel Hirscher und Anna Veith (damals noch Fenninger), die günstige Gelegenheit, den Bundeskanzler um ein gemeinsames Foto zu bitten. Berichtigung: Natürlich war es andersrum, hatte Faymann die Idee zum gemeinsamen Foto mit Hirscher und Veith. Nichts strahlt besser auf Politiker ab als sportlicher Nationalheldenruhm.

Sie lesen Folge 9 einer Serie von Gernot Bauer über die heimische Innenpolitik. Alle bisher erschienen Teile von “Bauer sucht Politik” können Sie hier nachlesen.

 

Werner Faymann suchte den Kontakt zu den Skifahrern nicht nur an seinem Arbeitsplatz, sondern auch an ihrem. Er war vielleicht nicht immer gern, aber sicher oft gesehener Gast bei den Rennen in Kitzbühel und beim Nachtslalom in Schladming. Und nicht nur er: Bei den Mega-Events im heimischen Rennkalender mischen sich gern amtierende Kanzler und Bundespräsidenten unter die Zuschauer auf den teuren Plätzen. Dabei entstehen immer erstklassige Fotos, auch wenn Skihauben aus Altbeständen Staatsoberhäupter zwar wärmen, aber nicht immer schmücken. Legendär auch die Schneewechten auf Heinz Fischers Augenbrauen beim Hahnenkamm-Rennen 2007.

Kogler in offizieller Mission

Nicht zu PR-Zwecken, sondern in offizieller Mission ist bei solchen Anlässen der Sportminister vor Ort. Ende Jänner 2020 – Corona war noch in China –  wollte der frischgebackene Amtsinhaber Werner Kogler nachschauen, ob beim Nachtslalom in Schladming eh alles gut funktioniert oder er irgendwie helfen kann. Steirer ist Kogler bekanntlich auch. Die Anreise gestaltete sich etwas kompliziert. Ein grüner Vizekanzler muss selbstverständlich umweltschonend im Elektro-Auto vorfahren. Allerdings verfügten die Elektro-Autos des Sportministeriums über nicht genug Reichweite für die Fahrt von Wien nach Schladming. Daher organisierte Koglers Büro einen leistungsfähigeren Leihwagen. Was übersehen wurde: Chauffeure im öffentlichen Dienst dürfen nur Dienstwägen der Republik, keinesfalls jedoch private Leihautos lenken. Daher musste sich Kogler selbst nach Schladming fahren. Es ist manchmal ganz schön anstrengend, ein klimaschonender, gesetzeskonformer Grüner zu sein. Auch das Rennen war nur eine halbe Sache. Nach dem ersten Durchgang führte der Kärntner Marco Schwarz, fädelte im zweiten Lauf allerdings ein. Auch Koglers Arbeitstag war damit vorbei. Bei der Rückfahrt nach Wien saß sein Kabinettschef am Steuer. Koglers Chauffeur hatte sich das Rennen wahrscheinlich gemütlich daheim im Fernsehen angesehen.

Schon zwei Jahre lang muss der Spitzensport in Österreich nun ohne die Spitzenpolitik auskommen – und umgekehrt. Das Beste aus beiden Welten ist getrennt. Oder trennt sich aktiv voneinander. Im vergangenen November verkündete der dreifache Olympia-Goldmedaillen-Gewinner in der Nordischen Kombination, Felix Gottwald, seinen Rücktritt als Mitglied der Kommission für den Breitensport. Als Grund nannte Gottwald die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung, die „Spaltung, Hetze und Diskriminierung“ bringen würden. Damit hat sich Gottwald für einen Empfang im Kanzleramt wohl eher disqualifiziert.

Dabei wären ehemalige und aktive ÖSV-Stars dank ihrer Strahlkraft gerade jetzt dazu prädestiniert, der Regierung zu helfen und als Testimonials für eine Impf-Kampagne zu dienen. Einige österreichische Langläufer haben in der Vergangenheit eindrücklich bewiesen, wie wirkungsvoll Spritzen sein können.

 

Der profil-Redakteur ergründet seit 20 Jahren Wesen und Unwesen der österreichischen Innenpolitik. 

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