Mehrere Schüler sitzen im Klassenraum und melden sich, während eine Lehrerin vorne an der Tafel steht.
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Während die Politik über neue Fächer debattiert, ist Künstliche Intelligenz im Schulalltag längst Realität. Chatbots werden selbstverständlich für Hausaufgaben genützt, Lehrkräfte experimentieren mit neuen Tools – oft ohne klare Vorgaben oder verpflichtende Fortbildung. Hat die KI Platz in Österreichs Schulsystem?

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Ein KI-System erkennt Muster. Richtig. KI-Systeme werden bereits in vielen Bereichen eingesetzt. Richtig. Ein KI-System trifft immer die richtigen Entscheidungen. Falsch. Solche Aufgaben sind in den Schulbüchern Österreichs längst fester Bestandteil. KI ist im Klassenzimmer angekommen – und begleitet mittlerweile fast jedes Kind. 94 Prozent der Jugendlichen zwischen elf und siebzehn Jahren nutzen laut einer Befragung der Initiative Safer Internet Chatbots, 73 Prozent auch für Schule und Hausaufgaben. Vor allem Chat GPT hilft ihnen bei Prüfungsvorbereitungen, löst ihre Rechenaufgaben – oder hilft beim Schummeln.

Oberflächliche Skills

Wenn Informatik- und Digitale-Grundbildung-Lehrer Michael Heider vor den Schülern und Schülerinnen des Gymnasiums und Realgymnasiums 21 in Floridsdorf steht, wirkt die neue Technologie gar nicht mehr neu. „Die jetzigen Erstklässler geben mir definitiv das Gefühl, dass sie damit aufgewachsen sind“, sagt er. „Die kennen die Zeit davor gar nicht.“

Liegt den Kindern die KI also schon im Blut? Wächst in Österreichs Schulen gerade eine Generation von Prompt Engineers heran? Nicht ganz. Denn so selbstverständlich die Nutzung auch ist – tiefes Verständnis ist selten. „Das ist wie mit Smartphones. Die nutzen auch alle, aber die Hintergründe kennen sie nicht“, meint Heider. Die Anwendung ist intuitiv. Das Wissen über die Hintergründe leider nicht.

Das Interesse daran wäre vorhanden. Laut der Safer-Internet-Befragung möchte mehr als die Hälfte der Jugendlichen besser verstehen, wie KI eigentlich funktioniert.

Digital grundgebildet?

Seit 2022 ist „Digitale Grundbildung“ Pflichtfach in der Sekundarstufe I, also für alle 10- bis 14-Jährigen. Bei der Einführung sprach der damalige Bildungsminister Martin Polaschek von einem „historischen Moment in den österreichischen Schulen“, Schüler und Schülerinnen sollten dazu befähigt werden, „sich orientiert, kritisch und verantwortungsvoll in einer von Digitalisierung geprägten Welt zu bewegen.“ Das Ziel ist groß, das Fach entsprechend breit angelegt. Es geht um Fake News und ums Programmieren, um Microsoft Word und das Zehnfingersystem. In der dritten und vierten Klasse taucht dann auch die Künstliche Intelligenz explizit im Lehrplan auf. Die Schüler sollen „beschreiben, wie künstliche Intelligenz viele Software- und physische Systeme steuert“ und „die Grenzen und Möglichkeiten von Künstlicher Intelligenz reflektieren“. Was das konkret bedeutet? Wahrscheinlich in jedem Klassenzimmer etwas anderes.

Man muss sich wirklich selber damit beschäftigen, sonst hat man keine Chance, am Ball zu bleiben.

Michael Heider

Lehrer für Informatik und Digitale Grundausbildung

Denn Lehrpläne seien zunächst einmal nur Lehrpläne, meint Heider. „Wenn man ehrlich ist, überprüft niemand, ob man das macht oder nicht.“ Während manche Lehrkräfte bemüht seien, ihren Schülerinnen und Schülern möglichst viel über neue Technologien mitzugeben, konzentrieren sich andere noch darauf, die Einzelteile eines Computers auswendig lernen zu lassen. Verpflichtende KI-Fortbildungen gäbe es etwa keine. „Man muss sich wirklich selber damit beschäftigen, sonst hat man keine Chance, am Ball zu bleiben“, sagt Heider. Digitale Bildung hängt damit stark vom Engagement einzelner Lehrkräfte ab.

Lehrer lernen

Wie ließe sich dieses strukturelle Problem behandeln? Wo müsste man in der LehrerInnenausbildung ansetzen? Als allererstes bei der Haltung, findet Gabriele Schauer vom Institut für Lehrer:innenbildung und Schulforschung der Universität Innsbruck. „Wir müssen den Lehrpersonen mitgeben, dass es wichtig ist, eine offene Haltung gegenüber diesen Themen zu haben“, meint sie. Es gehe weniger um Reformen als um das Schaffen von Verständnis.

Gänzlich abgeneigt sind Lehrkräfte der KI ohnehin nicht. Bereits 2024 nutzten laut einer Befragung des Österreichischen Bundesverlags für Schulbücher (öbv) mehr als die Hälfte KI für die Unterrichtsvorbereitung oder zur Erstellung von Arbeitsblättern, knapp die Hälfte setzte sie auch im Unterricht ein. Drei Viertel wünschten sich mehr Weiterbildung.

Papa ChatGPT, kannst du mir helfen?

Dass Künstliche Intelligenz den Schulalltag verändert, steht außer Frage. Besonders bei Hausaufgaben wird es zunehmend schwieriger, festzustellen, wer das Plus verdient – Schüler oder ChatGPT. In einigen Fächern helfe ein stärkerer Fokus auf Diskussion und Austausch über Aufgaben, meint Heider. 

Es macht keinen großen Unterschied, ob Eltern geholfen haben, oder ob sich Kinder durch KI helfen lassen.

Gabriele Schauer

Teil des fünfköpfigen Organisationsteams der Tagung Lelediz

Für Gabriele Schauer ist die Problematik nicht neu. Hausaufgaben seien nie vollkommen fair gewesen. Was heute Chatbots übernehmen, hätten früher oft Eltern erledigt – zumindest in jenen Haushalten, in denen Unterstützung möglich war. „Es macht keinen großen Unterschied, ob Eltern geholfen haben, oder ob sich Kinder durch KI helfen lassen“, sagt sie. In dieser Logik könnte KI sogar zu mehr Chancengleichheit beitragen. Denn auch Schülerinnen mit weniger Rückhalt zuhause können sich von Chat GPT ihre Gedichtanalyse korrigieren oder die Zellteilung nochmal einfach erklären lassen - zumindest solange sie Zugang zu Endgeräten und Internet haben.

Wohin mit der KI?

Bei allem Für und Wider: Ein umfassender, einheitlicher Plan für den Umgang mit KI in der Schule fehlt bislang. Die politischen Überlegungen gehen in unterschiedliche Richtungen. Bildungsminister Christoph Wiederkehr bringt ein eigenes Schulfach ins Spiel und möchte Informatik zu „Informatik und KI“ weiterentwickeln. Dennoch müsse KI in allen Fächern vorkommen. Letzteres entspricht auch den Forderungen der ÖVP und der ihr nahen Lehrer- und Lehrerinnenvertretung, die für eine fächerübergreifende Integration plädieren. 

Michael Heider sieht in beiden Modellen Herausforderungen. Gibt KI wirklich genug Stoff für ein eigenes Fach her? Und können tatsächlich alle Lehrkräfte so KI-kompetent werden, dass sie das Thema sinnvoll in ihren Unterricht integrieren können? In der Zwischenzeit sitzt KI längst im Klassenzimmer. Wann das Schulsystem lernt, damit umzugehen, bleibt offen. Bis dahin werden Schüler und Lehrkräfte weiter improvisieren müssen. 

Emma Padaurek

Emma Padaurek

seit Februar 2026 Volontärin bei profil.