Krankomatkarte: Die E-Card ist höchst betrugsanfällig

Krankomatkarte: Die E-Card ist höchst betrugsanfällig

Phantom-Zahnplomben, Gefälligkeitskrankmeldungen und verborgte Krankenkassenkarten: Die E-Card ist höchst betrugsanfällig. Gegen Kontrollen gibt es dennoch heftige Widerstände.

Erst beim 148. Arztbesuch binnen sechs Monaten wurde die Krankenkasse stutzig: So oft war eine psychisch kranke Oberösterreicherin in Ordinationen aufgetaucht - weil sie sich "nur bei Ärzten wirklich wohl“ fühle, wie sie sagte. Auf vergleichsweise bescheidene 72 Arztkontakte in einem halben Jahr brachte es ein Medikamentensüchtiger, und einer 27-jährigen schwangeren Mongolin gelang es, sich ärztliche Leistungen im Wert von 7000 Euro zu erschleichen - sie hatte monatelang die E-Card ihrer Schwester benutzt.

All diese Fälle zeigen: Es ist hierzulande recht einfach, die Krankenkassen zu prellen. Dokumentiert sind zwar nicht mehr als 421 Betrugsfälle in den vergangenen fünf Jahren, die Dunkelziffer dürfte aber deutlich höher liegen - der jährliche Schaden durch E-Card-Betrug wird auf bis zu 30 Millionen Euro pro Jahr geschätzt. Die Regierung will ihre Steuerreform nun auch durch eine "Aktion scharf“ gegen Sozialbetrug finanzieren, doch Interessensvertretungen kämpfen bereits jetzt mit Verve gegen Kontrollen an.


Mediziner haben in erster Linie Kranke zu behandeln und nicht Ausweiskontrollen für die Sozialversicherung abzuwickeln. (Artur Wechselberger, Präsident der Ärztekammer)

Ein simples Foto auf der E-Card etwa würde potenziellen Betrügern das Leben deutlich schwerer machen. Dagegen wehrt sich Peter McDonald, der Präsident des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger. Er argumentiert: "Der Verwaltungsaufwand dafür ist zu hoch und mit 20 Millionen Euro zu teuer.“ McDonald plädiert dafür, dass in Arztpraxen Ausweise kontrolliert werden. Eine unzumutbare Belastung für Ärzte, kontert Artur Wechselberger, Präsident der Ärztekammer: "Mediziner haben in erster Linie Kranke zu behandeln und nicht Ausweiskontrollen für die Sozialversicherung abzuwickeln.“

Tatsächlich werden 80 Prozent des Gesamtschadens aber nicht von Patienten, sondern von Ärzten verursacht - mutmaßt der Hauptverband der Sozialversicherungsträger. Es gibt zumindest Indizien, dass etliche Ärzte aus der laxen Kontrolle der E-Card Profit schlagen. Seit 2011 setzt die Wiener Gebietskrankenkasse sogenannte "Mystery Shopper“ ein: Schauspieler geben sich als Patienten aus und suchen Ordinationen auf.

Eine Auswahl aus den protokollierten Erfahrungen:

Ein Arzt stellte vier von sieben Testern Gefälligkeitskrankmeldungen aus und half sogar noch beim Finden passender Diagnosen. Die restlichen drei Tester wurden direkt von der Ordinationsgehilfin krankgeschrieben - ohne den Arzt je gesehen zu haben.

Oder ein Betriebsarzt: Er verwendete die Daten der im Betrieb Behandelten, um der Krankenkasse nachträglich in seiner Privatordination Injektionen zu verrechnen, die er jedoch nie verabreicht hatte. Die dadurch entstandene Schadenssumme von 18.000 Euro zahlte er zurück.

Ein Zahnarzt verriet sich durch einen Fehler gar selbst: Er verrechnete die Plombierung eines Zahnes, der dem Patienten jedoch schon lange gezogen war.

2013 flog ein 68-jähriger Arzt auf, der Drogensüchtige mit Substitutionsmedikamenten versorgt und dafür deren E-Cards abgesammelt hatte. Bis zu 100 Karten bewahrte er in seiner Wiener Praxis auf, um nicht erbrachte Leistungen verrechnen zu können. Bei einem Patienten, der ihn nur drei Mal aufsuchte, verrechnete er 103 Untersuchungen. Die Staatsanwaltschaft bezifferte die Betrugssumme später mit 750.000 Euro.

Stichprobenartige Tests

Diese Einzelfälle motivieren Finanzminister Hans Jörg Schelling, "Mystery Shopping“ künftig in allen Bundesländern zu verordnen. Ärzte sollen stichprobenartig von Testpatienten überprüft werden.

Die Ärztekammer echauffiert sich präventiv über solche "Metternich’schen Methoden“. Präsident Wechselberger wettert gegen "staatlich verordnetes Spitzelwesen“ und argumentiert: "Ärzte könnten sich gedrängt fühlen, sicherheitshalber Zusatzuntersuchungen anzuordnen. Das bedeutet wiederum unnötige Mehrkosten für das Gesundheitssystem.“

Damit wird die E-Card wohl eine Krankomatkarte für Schwindler bleiben.