Kristina Nikolaenko studiert an der Wiener Wirtschaftsuniversität. Jetzt sucht sie zuhause in Kiew Schutz vor den Bomben.

Kristina Nikolaenko studiert an der Wiener Wirtschaftsuniversität. Jetzt sucht sie zuhause in Kiew Schutz vor den Bomben.

© Kristina Nikolaenko

profil-Morgenpost
03/21/2022

“Das ist mein Land, und ich werde es verteidigen”

Vom Ich zum Wir: Wie uns Nachrichten aus der Ukraine auch Hoffnung geben können.

von Philip Dulle

Am Freitag der vergangenen Woche gab das Bildungsministerium bekannt, dass bereits 1500 ukrainische Flüchtlingskinder an Österreichs Schulen angekommen sind – 800 alleine davon in Wien. Priorität Nummer eins: möglichst viele Kinder und Jugendliche in Deutschförderklassen zu unterrichten. Ich kann nur hoffen, dass auch genügend Hilfe bei der Bewältigung von Kriegstraumata angeboten wird. Dass das alles noch viel zu wenig ist, ist uns allen klar; die spontane Hilfsbereitschaft, die man im Angesicht dieses Krieges überall sehen kann, berührt mich aber sehr.

Und was ist mit den Menschen in der Ukraine? Meine Kolleginnen und Kollegen Lena Leibetseder, Siobhán Geets und Robert Treichler haben für die aktuelle Titelstory des profil Geschichten aus dem Krieg gesammelt. Sechs Menschen aus Kiew, Lwiw, Cherson, Charkiw und Odessa erzählen von ihrem Leben mit dem Krieg, wie sie ihren Alltag seit dem russischen Einmarsch gestalten und meistern – und wie man in dieser unvorstellbaren Ausnahmesituation versucht, nicht verrückt zu werden. Denn: Der Aggressor Putin hat den Druck auf die Ukraine seit vergangener Woche nochmals erhöht; Städte werden belagert (Odessa), beschossen (Charkiw) oder sind bereits besiegt (Cherson). Das sei die “russische Zermürbungsstrategie”, sagt der Militärexperte Markus Reisner im aktuellen profil.

“Ich glaube nicht, dass man sich an Krieg gewöhnen kann”, sagt Kristina Nikolaenko. Die 26-jährige Studentin, die eigentlich in Wien an der Wirtschaftsuniversität studiert, sitzt jetzt in einem Bunker in der ukrainischen Hauptstadt. Oft werde sie heute gefragt, warum sie noch immer in der Ukraine sei, immerhin hätte sie sich längst absetzen können. Sie schreibt uns und Ihnen: “Ich hätte längst an einem sicheren Ort sein können. Aber das kann ich nicht. Ich weiß, dass ich mich selbst einer enormen Gefahr aussetze, aber ich kann nicht anders. Das ist mein Land, und ich werde es verteidigen. Ja, ich sitze jetzt zu Hause, aber wenn es nötig wird, werde ich aufstehen, einen Molotov-Cocktail nehmen und die Besatzer bekämpfen. Außerdem schieße ich gut. Ich mache keinen Witz.” Um den Krieg zu überstehen, hat sie sich zudem fünf Rituale für den Alltag zurechtgelegt: Sie mache Freiwilligenarbeit, versuche Brot und Lebensmittel zu organisieren, gehe mit den Hunden spazieren, liest für ihr Studium und macht sich immer ein ordentliches Frühstück. “Du weißt nie, was in der nächsten Stunde mit dir passiert”, schreibt sie.

Zum Schluss, Sie verzeihen mir diesen wilden Übergang, noch eine gute Nachricht aus den unendlichen Weiten der Popmusik. Die kanadische Indierock-Herzensband Arcade Fire hat vergangene Woche, nach fünf langen Jahren, zwei neue Songs veröffentlicht. “The Lightning I” und “The Lightning II” erweisen sich als berührende bis erbauliche Vorboten des sechsten Arcade-Fire-Albums “WE”, das am 6. Mai erscheinen soll. Laut Sänger Win Butler dreht sich die erste Hälfte (Titel “I”) um Furcht und Einsamkeit in der (Corona-)Isolation, während die zweite Hälfte (“WE”) nach der Kraft neuer Zusammenkünfte klingt; eine musikalische Meditationsübung von der Vereinzelung bis zum großen Wir-Gefühl: “The sky is breaking open / We keep hoping, in the distance we'll see a glow”, heißt es hier. Es ist: ein Hoffnungsschimmer.

Einen erbaulichen Start in die Woche wünscht

Philip Dulle