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profil-Morgenpost
06/13/2022

Landflucht: Warum es Ukrainerinnen aus guten Gründen in die Städte zieht

Über die Verteilung von Flüchtlingen wird viel gestritten. Sowohl in Europa als auch in Österreich.

von Edith Meinhart

Man neigt in sozialen Medien zur großen, impulsiven Geste. Europa hatte so lange um eine faire Verteilung von Flüchtlingen gerungen, dass nur unverbesserliche Optimisten noch zu hoffen wagten, in der Angelegenheit könnte sich auch nur ein Millimeter bewegen. Die Flüchtlinge aus der Ukraine – inzwischen haben fast sieben Millionen das Land verlassen – erhöhten den Druck. Und dann der Durchbruch. Eine "historische Einigung" verkündete der französische Innenminister und EU-Ratsvorsitzende Gérald Darmanin vergangenen Freitag über Twitter.

Es klang ein bisschen nach mehr, als es war: Denn das Modell, auf das sich die EU-Staaten verständigten, basiert auf Freiwilligkeit. Als die deutsche Innenministerin die öffentliche Einschätzung wagte, dass sich etwa ein Dutzend Länder an dem solidarischen Mechanismus beteiligen werde, war Österreich nicht mitgemeint. Innenminister Gerhard Karner (ÖVP) hatte sich beeilt zu erklären, weder Flüchtlinge aufnehmen noch einen finanziellen Beitrag leisten zu wollen – und fand sich in dieser ablehnenden Haltung völlig einig mit Polen, Ungarn, der Slowakei sowie Estland, Lettland und Litauen.

Währenddessen schwelt auch im Inneren der EU-Staaten eine Debatte über eine faire Verteilung. Das Gros der Ukrainerinnen und Ukrainer befindet sich derzeit in großen Städten. Es ist eine Frage der Zeit, bis die urbane Infrastruktur und die Dienstleistungskapazitäten an Grenzen stoßen, und die Forderung lauter wird, ländliche Regionen müssten sich bei der Aufnahme der Flüchtlinge mehr engagieren. Die Aufgabe ist enorm, das Prädikat "historisch" hier durchaus angebracht. Noch bei keiner vergangenen Flüchtlingseinwanderung war die Quote an Frauen und Kindern so hoch. Zur Erinnerung: 2015 kamen überwiegend junge Männer ins Land.

Das in Wien angesiedelte International Centre for Migration Policy Development (ICMPD) veröffentlichte dazu einen interessanten Blogbeitrag. Je länger die Krise dauert, desto wichtiger wird die Arbeitssuche. Städte sind dafür eindeutig die erste Wahl, schreiben die Migrationsforscher Bernhard Perchinig und Jimy Perumadan. Zwar sei leistbarer Wohnraum in der Stadt rar; dafür gibt es hier die Höheren Schulen, Bildungseinrichtungen, Spitäler, Psychotherapeuten und die weitaus besseren Chancen, sich mit kleinen Geschäften über Wasser zu halten. Unterm Strich seien Städte daher der beste Ort für schutzsuchende Menschen, die sich an ein völlig neues Leben gewöhnen müssen.

 

Der generelle Befund gelte erst recht für Frauen und Kinder. Ländliche Gebiete in Europa kämpfen mit einer schrumpfenden, älter werdenden Bevölkerung und wirtschaftlichem Niedergang. Junge Menschen ziehen in mittlere und größere Städte. Nur ein kleiner Teil kehrt später zurück. Im ländlichen Raum überwiegen zudem traditionell "männliche" Arbeitsplätze, etwa Bau, Kfz-Reparatur, Handwerksbetriebe, die weniger Akademiker als qualifiziertes Fachpersonal suchen. Der Trend zu Remote Work könne diese Struktur nicht aufbrechen. Das bedeutet, dass für Frauen mit mittleren Qualifikationen wenig zu tun gibt, sieht man von Jobs im Einzelhandel, in der Kinderbetreuung, in der Altenpflege oder im Tourismus ab, die eher schlecht bezahlt und nicht die besten Zukunftsaussichten bieten. Vor allem aber entsprechen sie einem in vielen Dörfern und Kleinstädten gängigen "Eineinhalbverdiener-Familienmodell": Der Mann bringt das Geld nach Hause, die Frau sorgt für den Zuverdienst und kümmert sich um die Kinder. Nach diesem Modell richten sich dann auch die Öffnungszeiten von Kindergärten aus.  

Dieses Modell taugt schon längst nicht mehr für junge Frauen, die nach beruflichem Erfolg und ökonomischer Unabhängigkeit streben, und natürlich auch nicht für Ukrainerinnen, deren Männer im kriegsgebeutelten Land bleiben müssen. Der ländliche Raum hat einige Stärken, auch in der Integration, wie Perchinig und Perumadan festhalten, etwa bessere Wohnbedingungen, kurze Wege, persönliche Kontakte, ehrenamtliches Engagement. Um sie ausspielen zu können, braucht es dringender denn je ein Umdenken und merkliche "individuelle und strukturelle Fördermaßnahmen".

Übrigens: Jede große Flüchtlingseinwanderung schlägt sich zehn Jahre später in einem Anstieg bei den Einbürgerungen nieder. So lange wartet man in Österreich in der Regel auf die Staatsbürgerschaft. Sind die Hürden zu hoch? profil widmet sich auch in der neuen Ausgabe wieder dem gepflegten Streit. Das Thema bot sich – neben der aktuellen causa prima, der Inflation - an. So viel vorweg: die Ansichten von Jugendstaatssekretärin Claudia Plakolm (ÖVP) und AK-Expertin (und Ex-SPÖ-Bezirksrätin) Ilkim Erdost gehen weit auseinander. Mehr dazu lesen Sie im neuen profil.

Ich wünsche Ihnen einen guten Start in die Woche,

Edith Meinhart