Laura Rudas: Armes kleines Mädchen?

Laura Rudas: Armes kleines Mädchen?

Laura Rudas zieht sich aus der Politik zurück. Gernot Bauer über eine Frau, der Rebellen und Feministinnen nie verzeihen werden, dass sie sich nicht verhielt wie eine der ihren.

Darf man Sigrid Maurer, 28, Neo-Nationalratsabgeordnete, als „poor little girl“ bezeichnen? Weil die grüne Politikerin Gewalt zwar glaubhaft ablehnt, diese Haltung aber im TV-Interview anlässlich der Ausschreitungen beim FPÖ-Akademikerball nicht überzeugend vermitteln konnte? Oder würden dann Parteichefin Eva Glawischnig und die grünen Frauen Sexismus-Alarm auslösen?

Durfte man Laura Rudas, Noch-Nationalratsabgeordnete, als „poor little girl“ bezeichnen? Weil die scheidende SPÖ-Politikerin womöglich eine Bundesgeschäftsführerin zweiter Klasse ist? Eva Glawischnig tat es. In einem „Standard“-Interview 2009 degradierte die heute 45-jährige Grünen-Chefin Rudas mit verbalem Cross-Check zum unbedarften Politmäderl.
Kein Einzelfall in Rudas’ Politbiografie: Die Presse nannte sie 2007 „Michael Häupls braves Mädchen“. Das „Format“ beschrieb sie 2010 als ahnungslose „junge Dame“.

Dass Kommentatoren und politische Mitbewerber Rudas gern mit Hinweis auf Alter und Geschlecht bewerteten – FPÖ-Generalsekretär Herbert Kickl nannte sie „die SPÖ-Dummsprech-Meisterin“ – überrascht nicht weiter. Rudas bezeichnete derartige Attacken einmal als „sexistische Ressentiments älterer Herren gegenüber jungen Frauen“. Eva Glawischnig („wunderschöne Marxistin“) musste Stereotype ebenfalls ertragen, als sie 1999 mit 30 Jahren ins Parlament kam.

Erstaunlich ist aber, wie viel Aggression Rudas aus eigenen Milieus – linksliberalen, jungen, feministischen – entgegenschlägt, auch jetzt anlässlich ihres angekündigten Rücktritts in Internetforen der Tageszeitungen.

Die Erklärung: Laura Rudas hat zwei Kapitalverbrechen begangen. Sie hat die Zwangsverpflichtung der Jungen zur Rebellion ignoriert; und sie hat mit Hang zur Selbstvermarktung eine flotte Karriere hingelegt. Bei solchen Delikten gelten weder Unschuldsvermutung noch mildernde Umstände.
Man kann Rudas’ Fähigkeiten als Parteimanagerin hinterfragen; ihre Bilanz als Abgeordnete zum Nationalrat; ihre Interventionen im ORF; zumindest ihre Lapidarien („Es gibt gute Steuern, und es gibt böse Steuern“). Dafür setzte es unverhältnismäßig oft Spott bis Häme, auch in liberalen Qualitätsmedien: „Die Junge, die wie eine Alte klingt“ („Der Standard“); „Statt mit Puppen spielt die kleine Laura mit der SPÖ-Zentrale“ („Der Falter“); „Vorzeige-Partygirl der Parteispitze“ (profil). Elfriede Jelinek reduzierte Rudas 2011 mit der Autorität einer Literaturnobelpreisträgerin zur „kessen, feschen Lola“. Genosse Niki Kowall stufte sie als „geistig alt“ ein.

„Das Problem ist ja nicht Laura Rudas, sondern die Partei“
Wer Rudas „angepasst“, „karrieregeil“ und „ideologiefrei“ findet, hält Kowall umso lieber für „aufmüpfig“, „unabhängig“ und „intellektuell“. Volkswirt Kowall ist der Hoffnungsträger rot-grün-affiner Milieus in Wien. Die von ihm geführte deklariert linke Sektion 8 der SPÖ Alsergrund ist ein – wissenschaftlich ernsthafter – Think Tank der institutionalisierten Rebellion. Rudas dagegen zählt aus Kowalls Sicht zu „jenen Menschen, die Karriere von der Partei Gnaden gemacht haben“. Männlichen Bundesgeschäftsführern würde man das eher nicht vorwerfen. Wie Günther Kräuter. Oder Norbert Darabos. Oder auch ÖVP-Minister Sebastian Kurz – gut, der entstammt dem Bürgertum, wo juvenile Selbstzweck-Rebellion kein eigentlicher Wert ist.

Aber warum sollte eine SPÖ-Bundesgeschäftsführerin gegen die Parteiführung rebellieren, warum ein SPÖ-Vorsitzender nicht eine loyale Parteifreundin zur Bundesgeschäftsführerin machen?

Die Kritik an Rudas beruht auf zwei Irrtümern. Zum einen: Es existiert kein Naturrecht, das junge berufstätige Menschen zu unangepasstem Verhalten am Arbeitsplatz zwingt. Zum anderen: Beschwerden über Rudas’ Eignung für ihren Spitzenjob sind nicht an Laura Rudas zu richten, sondern an ihren Dienstgeber SPÖ und dessen Chef Werner Faymann . Oder wie es einmal der ebenfalls scheidende Vorsitzende der Sozialistischen Jugend, Wolfgang Moitzi, klug formulierte: „Das Problem ist ja nicht Laura Rudas, sondern die Partei.“

„Junge Frau sein allein“ ist im feministischen Sinn kein Programm, auch wenn eine SPÖ-Bundesgeschäftsführerin unter 30 Jahren früher so utopisch war wie heute eine rot-grüne Mehrheit auf Bundesebene.
Laura Rudas behauptet von sich, Anliegen der Frauen und der Jungen in jeder Funktion – als Wiener Gemeinderätin, Nationalratsabgeordnete, SPÖ-Bundesgeschäftsführerin – immer beachtet zu haben. Die Frauen und die Jungen in der Partei und im progressiven Umfeld der Sozialdemokratie nahmen ihr das nie ganz ab. Nun beendet die „angepasste Karrieristin“ („Der Falter“) ihre SPÖ-Laufbahn mit 33 Jahren und übersiedelt zum Postgraduate-Studium ins kalifornische Stanford. Poor little girl?