So sehen Legionellen-Kolonien aus, wenn sie im Labor angezüchtet werden.
© Regina Sommer
So sehen Legionellen-Kolonien aus, wenn sie im Labor angezüchtet werden.
Verdorbenes Wasser: Vom Urlaub in die Intensivstation
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Wer kennt es nicht? Man kommt nach zwei Wochen Urlaub nach Hause und freut sich auf die erste Dusche im eigenen Bad. Voreiliges Handeln kann aber gesundheitsschädlich werden.
„Es ist wichtig, die Leute darüber aufzuklären, denn die meisten sind sich der Gefahr nicht bewusst“, sagt Regina Sommer von der Medizinischen Universität Wien. Sie leitet die Abteilung Wasserhygiene am Institut für Hygiene und Angewandte Immunologie. Diese Abteilung kümmert sich auch um die wasserhygienischen Fragestellungen im Universitätsklinikum Allgemeines Krankenhaus Wien (AKH).
Laut der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) haben sich die Fälle der sogenannten „Legionärskrankheit“ vervielfacht. Im Jahr 2016 wurden noch rund 160 verzeichnet, 2025 waren es fast 420. Etwa zehn Prozent der Erkrankten sterben daran. Deshalb müssen Ärzte seit 2001 jeden Verdacht auf eine Ansteckung melden.
Regina Sommer
Regina Sommer will mit einem bereits eingereichten Projekt dazu beitragen, Ansteckungen mit Legionellen zu verhindern.
© Med. Uni Wien
Regina Sommer
Regina Sommer will mit einem bereits eingereichten Projekt dazu beitragen, Ansteckungen mit Legionellen zu verhindern.
„Die Legionärskrankheit ist eine sehr, sehr schwere Lungenentzündung. Früher lag die Sterblichkeitsrate sogar bei bis zu 30 Prozent. Mittlerweile wurden aber die richtigen Antibiotika dafür gefunden und die Krankheit kann besser behandelt werden“, erklärt Sommer. Die Wahrscheinlichkeit zu sterben ist geringer geworden, dennoch kann es zu einem Aufenthalt auf der Intensivstation kommen.
Ausgelöst wird die Legionärskrankheit durch natürlich im Wasser vorkommende Bakterien, den Legionellen. Im warmen Wasser vermehren sie sich und können gefährlich werden. Die Krankheit bekommt man nicht, wenn man das Wasser trinkt, sondern wenn man die Bakterien einatmet.
Ähnlich wie bei Corona-Viren werden die sie durch kleine Wasserpartikel, in der Fachsprache „Aerosole“, übertragen. Das kann schon beim Duschen passieren. „Das Wasser kommt aus der Dusche, prallt vom Körper oder von der Duschwand ab und erzeugt ganz feine Aerosole. Und die atmet man dann ein“, sagt Sommer.
Neben Duschen erzeugen auch andere technische Einrichtungen, wie Badewannen mit Whirlpool-Funktion, Kühltürme oder Autowaschanlagen diese Aerosole. „In der früheren Zeit, als man das Wasser von einem Brunnen geholt hat, und technische Einrichtungen nicht in dem Ausmaß vorhanden waren, hatte diese Infektionserkrankung keine Bedeutung.“ Von Mensch zu Mensch ist die Krankheit nicht übertragbar.
Man kann daraus schließen, dass der technische Fortschritt mit den Komforteinrichtungen, die das Leben angenehm machen, den Legionellen einen neuen Lebensraum geschaffen hat. Diese sind in den meisten Fällen der Grund für eine Erkrankung.
Wenn der Wasserhahn mehrere Tage nicht aufgedreht wurde, können Bakterien die Leitungen besiedeln. Bei einer Wassertemperatur zwischen 25 und 55 Grad vermehren sie sich am besten. Steht das Warmwasser länger in den Leitungen, sinkt die Temperatur in diesen Bereich. Kaltwasser wärmt sich dagegen in den Leitungen auf.
Laut AGES passieren rund 20 Prozent der Ansteckungen auf Reisen, der Großteil davon in Beherbergungsbetrieben. Und auch wenn man vom Urlaub wieder nach Hause kommt, soll man laut Regina Sommer erst einmal den Wasserhahn aufdrehen und warten, bis das abgestandene Wasser aus der Leitung gespült ist. Denn gerade im privaten Umfeld kommt es mit mehr als drei Viertel zu den meisten Infektionen.
„Aber das wäre das Gleiche, wenn ich sage, das Geschirr abzuwaschen ist Verschwendung. Das ist eine reine Hygienemaßnahme.“
Regina Sommer
Hygiene ist keine Verschwendung
Wenn man das „verdorbene Wasser“ aus der Leitung spült, sollte man darauf achten, dass der Wasserstrahl nicht zu stark ist und irgendwo dagegen prallt, da so erst recht der ganze Raum mit Aerosolen kontaminiert wird.
„Wenn man den Hahn erst einmal laufen lässt, gibt es immer den Vorwurf, das sei Wasserverschwendung. Aber das wäre das Gleiche, wenn ich sage, das Geschirr abzuwaschen ist Verschwendung. Das ist eine reine Hygienemaßnahme.“
Besonders der Sparwille kann Menschen zum Verhängnis werden. Laut Sommer erhitzen viele Hauseigentümer das Warmwasser nicht mehr auf zumindest 55 Grad, „weil der Hausverstand sagt: Ich wasche mir ja nicht die Hände so heiß. Warum sollte ich das Wasser also so hoch aufheizen?“
Die Wassertemperatur ist in der ÖNORM geregelt, die die Trinkwasserverordnung ergänzt. Sie ist zwar nicht bindend, im Schadensfall beziehen sich Behörden aber auf diese Praxisnorm. Darin wird empfohlen, dass Warmwasser im Speicher mindestens 60 Grad haben muss, um einer Vermehrung von Legionellen vorzubeugen.
Im privaten Gebrauch ist jeder selbst dafür verantwortlich, zum Beispiel seine Therme entsprechend einzustellen. Gibt es einen zentralen Boiler für das gesamte Haus, ist der Eigentümer des Gebäudes zuständig. Für Vermieter und Hotelbetreiber kann es demnach rechtliche Konsequenzen haben, wenn sie die Warmwassertemperatur absenken und dadurch jemand zu Schaden kommt.
Zudem muss der Betreiber seine Anlagen jährlich auf Legionellen überprüfen lassen. Die TÜV AUSTRIA GmbH erstellt Konzepte rund um die Wasserhygiene für öffentliche Gebäude, sei es im Gesundheitswesen, im Tourismus oder in Wohnanlagen.
Eine besondere Herausforderung sind dabei Altbauten: „Dort gibt es oft keine Bestandspläne und das Auffinden der Quelle der Kontamination ist manchmal die sprichwörtliche Suche nach der Nadel im Heuhaufen“, erklärt TÜV AUSTRIA-Experte für Trinkwasserhygiene Eddi Dautovic.
Größter Ausbruch des Landes
Auch Kühltürme, die meist auf Dächern platziert und mit Klimaanlagen verbunden sind, müssen auf Legionellenbefall überprüft werden und das aus gutem Grund: „Aerosole können hunderte bis tausende Meter weit fliegen, und man merkt nicht, wenn man sie einatmet. Die Leute, die sich in dieser Umgebung aufhalten, können sich infizieren“, sagt Regina Sommer.
Dabei nimmt sie Bezug auf den wohl größten Legionellenausbruch des Landes. Rund um den Jahreswechsel 2024/2025 erkrankten 43 Menschen im Raum Bregenz an Legionellen. 42 landeten im Spital, zehn davon auf einer Intensivstation.
Der Grund war – wie behördlich festgestellt – ein Kühlturm eines Unternehmens, der von einer extern beauftragten Firma offenbar nicht sachgerecht gewartet wurde. Der Fall hatte einen Strafantrag wegen fahrlässiger Allgemeingefährdung zur Folge. Aktuell müssen sich drei Personen vor Gericht verantworten. Im schlimmsten Fall droht eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren.
Die ersten Fälle wurden bereits 2024, zwei Tage vor Weihnachten, gemeldet. Bis der defekte Kühlturm als Quelle ausgeforscht und abgeschaltet wurde, dauerte es fast zwei Monate. Dabei hätte es viel schneller gehen können.
Als bereits sechs Fälle gemeldet worden waren, bot die AGES der Bezirkshauptmannschaft am 21. Jänner 2025 an, die Untersuchung zu koordinieren. Laut Landeskommunikation Vorarlberg wurde das Angebot nicht angenommen, weil man bereits „alle Fälle unter Zuhilfenahme des AGES-Standard-Fragebogens abgearbeitet“ habe. Da „zu diesem Zeitpunkt“ kein neuer Krankheitsfall gemeldet worden war, sei eine zusätzliche Unterstützung nicht notwendig gewesen.
Nach weiteren zehn gemeldeten Fällen kam die AGES dann doch zum Einsatz. Im Untersuchungsbericht zeigt sich, wo überall das Potenzial für eine mögliche Kontamination gegeben ist: Insgesamt wurden 301 Proben entnommen. Unter anderem aus Zahnarztordinationen, Luftwäschern, Autowaschanlagen, Volksschulen, Hotels, einer Abfallanlage, einem Hallenbad, einem Massagesalon und eben auch aus 30 Kühltürmen.
Die Behörden wurden dabei an mehreren Orten fündig. Abseits des inkriminierten Kühlturms wurden Legionellen in der Volksschule Unterfeld, im Gasthof Löwen, im Festspielhaus Bregenz, im Hallenbad der Stadt Dornbirn und in der Komposterde der Abwasserreinigungsanlage Bregenz nachgewiesen.
Keine dieser möglichen Infektionsquellen wurde von mehr als einem Patienten angegeben. Nur beim Bewegungsprofil gab es Überschneidungen: Die Patienten waren im Freien unterwegs oder einkaufen. In Kombination mit der Windrichtung während des Ausbruchszeitraums konnte man auf den Kühlturm des betroffenen Unternehmens schließen. Dieser wird im AGES-Abschlussbericht für die 43 Fälle verantwortlich gemacht.
„Wir gingen davon aus, dass im vorliegenden Fall die mögliche Infektionsquelle nicht genannt werden musste“
Die Vorarlberger Gesundheitslandesrätin Martina Rüscher (ÖVP)
auf Anfrage des SPÖ-Landtagsklubs
Komplizierte Rechtslage
Insgesamt wurden 30 Kühltürme untersucht. Weil es kein zentrales Register davon gibt, mussten sie anhand von Luftbildern und durch Befragungen von Amtssachverständigen ausfindig gemacht werden.
„Dazu haben wir gerade ein Forschungsprojekt eingereicht, weil uns besonders am Herzen liegt, dass Kühltürme richtig betrieben werden und wir endlich ein Register haben. Zum Teil wissen wir gar nicht, wo sie sind, und bei einem Ausbruch weiß man nicht, wo das herkommt“, erklärt Sommer. Allgemein will die Expertin mit dem Projekt dazu beitragen, Ansteckungen mit Legionellen zu verhindern.
Die Untersuchungen gestaltete sich schwierig, da die Behörden nicht einfach auf privaten Grundstücken Proben ziehen durften, sondern auf die Kooperationsbereitschaft der Eigentümer angewiesen war. Grund dafür war eine Unsicherheit in der Rechtslage.
„Es wurde die Frage zur Klärung vorgelegt, ob auch an Aufenthaltsorten, an welchen sich keine erkrankte Person aufgehalten hatte, die Gesundheitsbehörde Einschau nehmen darf und Beprobungen durchführen lassen kann“, erklärt Gesundheitslandesrätin Martina Rüscher (ÖVP) auf Anfrage des SPÖ-Landtagsklubs.
Erst nachdem das Gesundheitsministerium grünes Licht gegeben hatte, beruhte die Überprüfung an den entsprechenden Orten nicht mehr auf Freiwilligkeit. Als der Kühlturm nach fast einem Monat als Infektionsquelle bestätigt wurde, verzichtete die Bezirkshauptmannschaft darauf, die Bevölkerung darüber zu informieren.
„Wir gingen davon aus, dass im vorliegenden Fall die mögliche Infektionsquelle nicht genannt werden musste, da der Betrieb umgehend eingestellt wurde und somit keine weitere Emission von Legionellen erfolgte“, so Rüscher.
Laut Landesrätin erfolgte die Abschaltung am selben Tag, an dem die Behörden von der Ausbruchsquelle erfuhren, was laut Landesrätin der 18. Februar 2025 war. Im Abschlussbericht der AGES wird die Abschaltung jedoch erst am 20. Februar verzeichnet. Auf die Frage, wie das zusammenpasst, verweist die AGES auf das Land Vorarlberg. Rüscher ließ die Anfrage bis Redaktionsschluss von profil unbeantwortet.
AGES-Kritik
In ihrem Abschlussbericht kritisiert die AGES die fehlenden gesetzlichen Regulierungen für solche Kühlturmanlagen, „wie beispielsweise Registrierpflicht, Kontrolle des Biozideinsatzes und Legionellenwachstums“. Besonders wegen der steigenden Temperaturen und der höheren Nachfrage nach Klimaanlagen rechnet auch Sommer künftig mit mehr Kühltürmen und entsprechend höherem Kontrollbedarf.
Das Gesundheitsministerium verweist auf die ÖNORM, in dem der technische Standard für Kühlanlagen festgeschrieben ist. Spezifische gesetzliche Regelungen gebe es im Bereich der öffentlichen Gesundheit derzeit nicht.
„Dem Gesundheitsministerium ist das Thema aber bewusst – gerade auch vor dem Hintergrund des Klimawandels und des zunehmenden Einsatzes solcher Anlagen“, heißt es gegenüber profil. Daher werde man Legionellen und Anlagen, die Aerosole bilden, in einer Novelle im Epidemiegesetzes berücksichtigen.
Mario Pichler
schreibt im Rahmen des 360 Grad Traineeships der Wiener Zeitung für das Österreich-Ressort. Gelernter Maler und studiert „Journalismus und neue Medien“ an der FH WKW.