Michael Ikrath im Wahlkampf: Er gibt neuerdings den Anti-Politiker

Michael Ikrath im Wahlkampf: Er gibt neuerdings den Anti-Politiker

Michael Ikrath hat sich in seinem Wahlkampf neu erfunden und gibt den Anti-Politiker. Es ist nicht der erste Wandel des ÖVP-Abgeordneten: Er begann ultrakonservativ - und steht heute am linken Rand seiner Partei.

Zwischen Dampfschwaden und Chemikaliengerüchen in der Ottakringer Putzerei taucht ein drahtiger weißhaariger Mann in Jackett auf, höflich ignoriert von den gedrungenen Frauen im Kopftuch, die hier schmutziges Bettzeug und dreckige Handtücher auseinanderklauben. Keine der Frauen blickt auf, keine interessiert sich für den Folder des ÖVP-Politikers Michael Ikrath, der wiederum sensibel genug ist, sie nicht mit Wahlkampfparolen zu stören. Einen Stock höher findet er endlich einen Ansprechpartner und einen Anknüpfungspunkt: "Ach, Sie heißen auch Michael“, hebt er an, um den Mann im Blaumann nach "seinen Wünschen an die Politik“ zu befragen. Schulterzucken. So schnell gibt Ikrath nicht auf: "Haben Sie Probleme mit dem Parkpickerl?“, fragt er und ist ob des "Nein“ des Arbeiters irritiert: "Warum nicht?“ Wer wie Ikrath nie in den Fehler verfällt, kumpelhafte Volksnähe mimen zu wollen, wer stets beim gepflegten Hochdeutsch bleibt, kann Gefahr laufen, dass manche Unterhaltung endet, bevor sie begonnen hat.

Eigentlich wollte Ikrath diese Nicht-Gespräche nicht führen, eigentlich sollte er gar nicht hier sein. Noch vor Monaten war der Entschluss des 60-jährigen Bankmanagers festgestanden: Zehn Jahre im Parlament sind genug. Ikrath hatte die Frage "Ist die Zeit und Energie, die in die Politik fließt, gerechtfertigt?“ für sich mit einem klaren Nein beantwortet und sich bereits auf Konzert- und Bibliotheksbesuche zu freuen begonnen - und natürlich darauf, sich auf seinen Zivilberuf als Generalsekretär des Sparkassenverbandes konzentrieren zu können. Nun hat er es sich, auch auf Drängen des Wirtschaftsflügels, anders überlegt und kandidiert doch wieder für den Nationalrat, zum mittlerweile vierten Mal.

Es ist beileibe nicht sein erster Gesinnungswandel: Querkopf Ikrath durchlief eine erstaunliche Mutation - vom strammen Ultrakonservativen in seinen Studententagen bis zur raren Spezies des Liberalen, den er heute verkörpert. In der ÖVP in ihrer derzeitigen Verfassung steht er nachgerade am linken Rand und scheut sich nicht, gegen die Parteilinie zu bürsten. "Viele Abgeordnete gibt es nicht, die über die Kraft und Unabhängigkeit verfügen, eigene Standpunkte zu vertreten“, sagt er nicht ohne Selbstbewusstsein. Für seinen Vorzugsstimmenwahlkampf, der den soignierten Banker ausgerechnet in den erdigen Zuwandererbezirk Ottakring als seinen Wahlkreis führt, hat er sich wieder einmal neu erfunden: Der noble Ikrath gibt mit Verve den Anti-Politiker, der wider das Polit-Establishment im Allgemeinen und seine Partei im Besonderen löckt - und zwar auf allen Kanälen, in den sozialen Netzwerken ebenso wie bei althergebrachten Betriebsbesuchen.

Sein Sohn, der Jugendforscher Philipp Ikrath, redete ihm die modernen Kommunikationsformen ein, Vater Ikrath probierte es eigentlich nur deshalb, "um nach einer Woche sagen zu können: Für mich ist das nichts“. Mittlerweile macht es ihm sichtlich Spaß: Ikrath unkt rotzfrech auf Twitter, etwa über das Sumsi-Gate von Landwirtschaftsminister Nikolaus Berlakovich, und postet auf Facebook selbstironische Kurzvideos, etwa jenes, in dem er krächzt: "Ich habe meine Stimme verloren.“ Die Parteilinie ist für ihn alles andere als bindend: Mag der Rest der ÖVP die Frauenquote für Führungsgremien von Unternehmen für eine Gängelung halten, für Ikrath ist sie eine der Forderungen in seinem Folder: "Ich trete für die Frauenquote ein. Fürs gleiche Geld ist die Frau der bessere Mann.“

Wer dem Banker Ikrath zuhört, wie er sich mit einem Unternehmensboss unterhält, etwa mit dem Putzereibesitzer Georg Toifl, mag glauben, zu einem Treffen der Globalisierungskritiker von Attac gestoßen zu sein. "Banken kümmern sich um Spekulationen, nicht um Unternehmen. Wir brauchen ein Trennbankensystem“, sagt Toifl. Ikrath nickt: "Da treffen wir uns. Sonst kommen die ganzen Brandstifter wieder, die uns die Finanzkrise eingebrockt haben.“ Und hört sich noch das dringende Anliegen an, endlich die Lohnnebenkosten zu senken: "Wenn ich jemandem 200 Euro mehr netto geben will, muss ich 700 Euro mehr zahlen. Das ist ja ein Wahnsinn.“

Derartige Unterhaltungen mit den Chefs sind die Kernkompetenz von Wahlkämpfer Ikrath: Er textet seine Gesprächspartner nicht zu, sondern diskutiert mit ihnen über ihre Probleme. Etwa in der Hühnerprodukthandlung am Rande Ottakrings: Im Lager, zwischen einer Million Eier, klagt der Besitzer über die mühselige Bürokratie im rot-grünen Wien und die hohen Steuern. Ikrath ist mit seinem Zeitplan zwar mittlerweile völlig in Verzug, hört aber geduldig zu und verspricht, es den Politikern ordentlich hineinzusagen: "Die Politik denkt nur in Wahlperioden. Das ist gefährlich für den Wirtschaftsstandort.“ Er vergisst nicht hinzuzufügen, dass er selbst ja ein Politiker der anderen Art sei: "Ich bin Polit-Amateur.“ Das kommt gut an. In Zeiten der anschwellenden Politikerverdrossenheit kann Distanzierung vom eigenen Metier nicht schaden.

Dabei hatte die Politkarriere von Ikrath früh begonnen: Ende der 1970er-Jahre war er Vorsitzender der Studenteninitiative Jes, die bis heute Homosexualität für eine Krankheit hält und deren viele adelige Mitglieder damals mit stockkonservativen Ansichten und nasalem Ton ein Kontrapunkt zu den 68-ern waren. Dabei geht Ikrath, Spross einer Offiziers- und Beamtenfamilie, maximal als Fast-Adel durch: In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde einer seiner Ahnen nach einer Schlacht zum "Edlen“ nobilitiert. Nach zwei Jahren als Mitarbeiter von ÖVP-Generalsekretär Michael Graff war 1985 die Politkarriere Ikraths vorbei, er werkte fortan in Banken und nebenbei als Milizsprecher der ÖVP, ohne eine Parteifunktion zu haben. Erst 2002 endete die lange Politikpause, als Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl anrief und ihn vor die Wahl stellte: "Entweder du kandidierst jetzt. Oder du hörst auf, uns immer von außen gute Tipps zu geben.“ Ikrath entschied sich für den Weg ins Parlament. Damit fiel er um den Vorstandsposten in der Erste Bank um, der ihm kurz zuvor angeboten worden war.

Das hat er nie bereut, versichert er. Und sitzt schon beim nächsten Unternehmen in Ottakring, einer Transportfirma, deren Besitzerin mit dem Parkpickerl zu kämpfen hat. Hier stößt Ikrath endlich auf eine Verbündete, die mit ihm im Duett über die rot-grüne Verkehrspolitik in Wien schimpft: "Der Erwin in Niederösterreich freut sich, wenn alle Betriebe vertrieben werden.“ Er assistiert bei Klagen über die niedrige Geburtenrate - "Da stehe ich mit der Mehrheit meiner Partei im Widerspruch, weil ich die Subjektförderung in unserer Familienpolitik für falsch halte“ - und notiert sich Beschwerden über Behördenauflagen und die Steuerbelastung, die etwa so klingen: "Wer in Österreich fleißig ist, wird bestraft.“ Die Liste der Wünsche ist lang. Ikrath verspricht, in zwei Jahren wieder zu kommen und Bericht abzustatten, was davon erledigt ist.

Eigentlich hätte er auch solche Gespräche nicht notwendig. Sein Wahlkreis, der sich bis ins Döblinger Villenviertel erstreckt, ist einer der wenigen, in denen die in der Bundeshauptstadt traditionell schwache ÖVP mit einem sicheren Mandat rechnen kann. Doch sich zurückzulehnen, ist Ikrath wesensfremd: "Wenn ich etwas mache, dann mache ich es ganz.“