Michael Niavarani
Michael Niavarani

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Österreich
10/18/2017

Niavarani: "Kurz ist ein Peter Alexander der Politik"

Ein Interview am Wahlabend aus seiner Londoner Wahlheimat.

von Angelika Hager

Anmerkung: Dieses Interview fand vor Feststehen des endgültigen Wahlergebnisses statt.

profil: Herr Niavarani, Sie sind gerade in London. Eine Art Flucht vor dem Wahltag? Niavarani: Nein, leider hat Herr Kurz das Datum nicht mit meinen lange geplanten Geschäftsbesprechungen abgestimmt. Ich wollte ihn eh fragen, ob er es nicht verschieben kann. Ich finde es in jedem Fall schön, dass die Österreicher den Egotrip eines jungen Menschen finanzieren.

profil: Haben Sie heute schon mit Christian Kern kommuniziert? Niavarani: Nein, ich habe es auch sehr ungern, wenn man mit mir knapp vor der Premiere oder während der Vorstellung reden will.

profil: Sie haben sich in den vergangenen Wochen, Monaten für Christian Kern sehr starkgemacht. Ist Ihre Enttäuschung groß? Niavarani: Nein. Ich möchte aber die Gelegenheit nutzen, um mich wie ein Politiker bei den Wählern und Wählerinnen zu bedanken, die jene zwei Parteien gewählt haben, die sich um die Reichen kümmern und gegen die Erbschaftssteuer sind. Das hilft nämlich auch mir persönlich. Sollte es tatsächlich zu Schwarz-Blau kommen, werde ich mich persönlich dann um die alleinerziehenden Mütter kümmern und eben das eine oder andere Benefiz veranstalten müssen.

profil: Macht Ihnen eine mögliche Schwarz-Blau-Regierung Angst? Niavarani: Nein, da haben wir endlich wieder eine Reibefläche. Sollte Kurz, wie angekündigt, mit dem 26. Oktober eine Regierung gebildet haben, die schwarz-blau ist, kann man ab diesem Moment mit dem Verarschen beginnen. Da können wir endlich darüber Klarheit bekommen, was links zu sein heutzutage bedeutet. Das wird einen überfälligen Denkprozess anregen.

profil: Sebastian Kurz wurde auch von seinen Gegnern häufig als größtes politisches Talent der letzten Jahrzehnte gehypt. Wie sehen Sie das? Niavarani: Kurz hat es sogar geschafft, dass mir Strache sympathisch wurde. Strache hatte ja das Pech, dass ihm Kurz all seine Themen weggenommen hat. Auf Platz eins ist am heutigen Wahlabend mit Kurz der größte Showmensch gelandet. Das bin ich ihm fast ein bisserl neidig. Der Kurz ist ja so was wie ein Peter Alexander der Politik. Ob er nach dieser Riesenshow irgendwann noch zu Inhalten finden wird, müssen wir abwarten. Was wir bis jetzt von beiden, Strache und Kurz, mit Sicherheit wissen: Beide können gut zusperren, am liebsten Mittelmeerrouten.

profil: Würde eine politische Wende in diesem Land Ihre Arbeit als Künstler politisieren? Niavarani: Überhaupt nicht, weder als Theaterdirektor noch als Kabarettist. Vielleicht fällt eine gute Shakespeare-Adaption, natürlich ein Königsdrama, ab.

profil: Sie leben viel in London. Nach der Hofer- Kandidatur wurde man im Ausland häufig über den Rechtsruck in unserem Land befragt. Wird das jetzt wieder so sein? Niavarani: Nein, da sind wir jetzt aus dem Schneider. Seitdem Donald Trump im Amt ist, muss man sich für nichts und niemanden mehr entschuldigen.

Ich glaube, dass die Polit-Berater fast alle Trotteln sind.

profil: Während des Wahlkampfs wurden immer wieder Zweifel laut, ob Christian Kern überhaupt in die Opposition gehen wird. Wissen Sie mehr darüber? Niavarani: Darüber gebe ich keine Prognose ab. Aber natürlich würde es mir taugen. Ich halte Kern nach wie vor für einen der intelligentesten Politiker, die es in Europa gibt. Ich bin überzeugt, dass er mit Herz und Verstand das tut, was er am besten kann: Lösungsansätze für Probleme bieten.

profil: Jetzt klingen Sie ja schon fast wie ein Politiker. Wann haben Sie Ihr Faible für Kern eigentlich entdeckt? Niavarani: Als er seinen Plan A verkündet hat, da hat meine Begeisterung begonnen. Aber gegen diese Show, diesen Glamour, den Kurz hier abgezogen hat, ist es natürlich schwer gewesen, mit Inhalten zu punkten. Der hat sich ja wie ein Musical-Direktor aufgeführt und dauernd 40 Showgirls in türkisem Glitter antanzen lassen.

profil: Was war Kerns Fehler in diesem Wahlkampf? Zu viele Einflüsterer, sprich Berater? Niavarani: Wenn ich das Wort Polit-Berater nur höre! Das ist ja ein Job, der auch nichts mit Inhalten zu tun hat, sondern nur mit PR. Ich glaube, dass das fast alle Trotteln sind. Im Theater oder der Kunst sind ja solche Zielgruppenanalysen schwachsinnig.

profil: Wie kommentieren Sie, dass die Grünen möglicherweise den Einzug ins Parlament nicht schaffen? Niavarani: Es sagt viel über die Menschen aus, dass das, was uns in den nächsten 50,100 Jahren wirklich "einescheißen" wird, nämlich der Klimawandel, allen so egal zu sein scheint. Ich freue mich aber sehr, dass Peter Pilz offensichtlich den Einzug ins Parlament geschafft hat. Der ist mir immer eine Freude - mit allem, was er tut.

Michael Niavarani, 49, ist Kabarettist, Autor, Verleger und Theaterdirektor. Im Wahlkampf unterstützte er Christian Kern immer wieder mit Facebook-Ansagen und in Interviews. Zuletzt mit einem auf Facebook verbreiteten Gespräch vor Publikum mit dem Kanzler im Wiener Odeon- Theater.