PK ZU NEUER STELLVERTRETERIN FÜR DIE INNERE STADT: NGOSSO

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Interview
06/14/2021

"Ist die Frage 'woher kommst Du' rassistisch, Frau Ngosso?"

Die Wiener Landtagsabgeordnete Mireille Ngosso will Frauenvorsitzende der SPÖ werden. Warum sie an einer Migranten-Quote im öffentlichen Dienst arbeitet, sich auch als Vertreterin von Muslimas mit Kopftuch sieht und wie die SPÖ wieder Nummer 1 wird.

von Clemens Neuhold

profil: Frau Ngosso, wie rassistisch ist Österreich?

Ngosso: Es gibt natürlich auch in Österreich Alltagsrassismus und strukturellen Rassismus.

profil: Wie erleben Sie die verschiedenen Spielarten?

Ngosso: Alltagsrassismus kommt oft unreflektiert daher. Zum Beispiel die bohrende Frage: Woher kommst du? Wenn eindeutig zu hören ist, dass ich Wienerin bin - warum muss ich dann die Wurzeln meiner Eltern offenlegen? Und dann gibt es die echt harten Formen, wenn du hörst: Bimbo, geh heim.

profil: Wann, wo und wer war das?

Ngosso: Es war ein älterer Mann in der Wiener Straßenbahn, Anfang der 2000er-Jahre, am Beginn der ersten ÖVP-FPÖ-Regierung, als sich die Stimmung im Land merkbar verändert hat.

profil: Und seither?

Ngosso: Sobald man sich gut artikulieren kann, bietet man weniger Angriffsfläche. Durch die neue Regierung wird die systematische Diskriminierung von Schwarzen und Muslimen, die schlecht Deutsch sprechen, jedoch immer schlimmer.

profil: Sie meinen die schwarz-blaue Regierung ab 2017 oder die aktuelle türkis-grüne Regierung?

Ngosso: Beide. Da ist nicht viel Unterschied.

profil: Struktureller Rassismus ist ...

Ngosso: ... wenn Menschen mit Migrationshintergrund auffallend oft von der Polizei kontrolliert werden. Wenn bei der Wohnungssuche gelogen wird: "Leider schon vergeben." Wenn in der Schule Kinder mit Migrationsbiografie benachteiligt werden und rausfallen. Wenn Schwarze nie erfahren, wie sich Neurodermitis auf ihre Haut auswirkt, weil die medizinische Forschung auf eine Hautfarbe ausgerichtet ist. Und so weiter.

"Wir können alle rassistisch sein und haben unsere Vorurteile - auch ich"

profil: Geht Rassismus immer von Weißen aus oder kommt er auch zwischen Migranten-Gruppen vor?

Ngosso: Natürlich kommt auch das vor. Wir können alle rassistisch sein und haben unsere Vorurteile - auch ich.

profil: Bei welcher Gelegenheit?

Ngosso: Zum Beispiel, als ich mich geärgert habe, weil mich ein Kellner in der Bar auf Englisch angeredet hat. Dann kam ich drauf: Er kann kein Deutsch.

profil: Schießen Sie mit Rassismus-Vorwürfen auch mal übers Ziel?

Ngosso: Nein. Es ist wichtig, Bewusstsein dafür zu schaffen.

profil: Auch nicht beim Fall eines Schwarzen, der vergangenen Oktober von Security-Mitarbeitern der Wiener Linien am Boden fixiert wurde? Sie prangerten das auf Social Media als Rassismus an. Das Unternehmen sprach nach einer internen Prüfung von einem korrekten Vorgehen.

Ngosso: Nein, ich bleibe dabei. Es gibt unter Security-Mitarbeitern immer wieder solche Vorfälle. Wir haben erreicht, dass nun Anti-Rassismus-Workshops bei den Wiener Linien abgehalten werden.

profil: Gibt es Rassismus auch in der SPÖ?

Ngosso: Rassismus gibt es in jeder Gesellschaft. Wir wachsen in dieser auf und werden von dieser sozialisiert. Niemand ist davor gefeit. Genauso wie in der Gesamtbevölkerung gibt es auch in der Partei Menschen, die gewisse Dinge nicht reflektiert haben oder nicht darauf sensibilisiert sind. Ich werde aber vom Großteil mit offenen Armen empfangen.

profil: 2020 sollten Sie SPÖ-Spitzenkandidatin im 1. Bezirk werden, doch 55 Prozent der Genossinnen und Genossen strichen Sie von der Liste. Warum diese krachende Niederlage?

Ngosso: Ich bin Kosmopolitin, stamme aus dem Kongo, habe in London studiert, bin Ärztin und Mutter. Ich konnte nicht 100 Prozent meiner Zeit in die Bezirksarbeit stecken. Das mag eine Rolle gespielt haben.

profil: Hat auch Ihre Hautfarbe eine Rolle gespielt?

Ngosso: Rassismus gibt es überall, deswegen kann ich es nicht zu 100 Prozent ausschließen. Aber ich habe mich mit allen Mitgliedern im Bezirk ausgesprochen, und wir haben nach wie vor ein gutes Verhältnis.

profil: Beim Parteitag Ende Juni wollen Sie Frauenvorsitzende der SPÖ werden. Mit welcher Vision?

Ngosso: Mit einem Feminismus, der alle Frauen miteinschließt, egal ob in der Stadt oder am Land, mit Behinderung, egal ob Alleinerzieherin, schwarz, weiß oder mit Kopftuch. Mit einem Frauen-Gewaltschutz, der bei Männern ansetzt, mit gendersensibler Bubenarbeit, Männerberatungsstellen, mehr Prävention. Mit einem Fokus auf Gendermedizin.

profil: Mit Ihrer überraschenden Kandidatur haben Sie die SPÖ-Frauen vor den Kopf gestoßen, die sich auf die 30-jährige Oberösterreicherin und Nationalratsabgeordnete Eva Maria Holzleitner geeinigt hatten.

Ngosso: Ich sehe das nicht so. Ja, am Anfang waren einige verblüfft. Aber jetzt touren wir alle drei durch die Bundesländer und begrüßen den demokratischen Prozess.

profil: Die NÖ-Frauenvorsitzende Elvira Schmidt hat nicht nur im eigenen Bundesland Rückwind, Holzleitner wird von der aktuellen Frauenvorsitzenden Gabriele Heinisch-Hosek, der Wiener Frauenchefin Marina Hanke oder der Integrationssprecherin im Parlament, der türkischstämmigen Wienerin Nurten Yılmaz, favorisiert. Sie haben offenbar nicht einmal ihr eigenes Bundesland mehrheitlich hinter sich. Angst vor einer Niederlage?

Ngosso: Nein. Ich freue mich darauf, ganz viele Genossinnen in ganz Österreich kennenzulernen. Am Ende gewinnt die Frauenorganisation durch die demokratische Wahl.

"Viele haben nicht mehr das Gefühl, klassische Parteien zu brauchen, um für eine Sache zu kämpfen"

profil: Wie kann die SPÖ generell wieder stärkste Partei im Land werden?

Ngosso: Politischer Aktivismus hat sich maßgeblich verändert. Viele haben nicht mehr das Gefühl, klassische Parteien zu brauchen, um für eine Sache zu kämpfen. Fridays for Future, das Frauenvolksbegehren, Black Lives Matter - es ist unglaublich, was sich auf der Straße alles tut. Man muss diese Kraft der Zivilgesellschaft nutzen und in die Politik tragen.

profil: Sie setzen sich nicht nur für Schwarze, sondern auch für Muslime ein. Warum?

Ngosso: Ich setze mich für alle Menschen in Österreich ein, die diskriminiert werden. Das entspricht den sozialdemokratischen Grundwerten.

profil: In einem Instagram-Posting haben Sie den politischen Islam sinngemäß als Erfindung der ÖVP bezeichnet. Das einzige Problem in Österreich sei die Islamfeindlichkeit.

Ngosso: Das ist nicht korrekt.

profil: Ich kann Ihnen das Posting wörtlich vorlesen: "Der angebliche 'politische Islam' in Österreich ist einzig und allein eine Ablenkung vom Versagen der Bundesregierung "

Ngosso: Was stimmt, ist, dass ich jegliche Form von Extremismus ablehne. Und ich bin dagegen, sich einzelne Gruppen rauszupicken und sie unter Generalverdacht zu stellen, wie das durch die Islamlandkarte geschieht.

"Das Patriarchat ist in allen Kulturen zu Hause"

profil: Die Historikerin Nina Scholz bezeichnet die Lebensrealität mancher muslimischer Frauen als "Käfig aus Ehre und Gewalt". Das ist noch kein Extremismus, aber wohl auch nicht mit dem traditionellen SPÖ-Frauenbild vereinbar.

Ngosso: Diesen Käfig gibt es doch auch unter autochthonen Österreichern. Gerade die jüngsten Frauenmorde haben uns das vor Augen geführt. Hier dürfen wir keine Unterschiede machen. Das Patriarchat ist in allen Kulturen zu Hause.

profil: Direkten oder indirekten Zwang, sich zu verhüllen oder sich keusch anzuziehen, gibt es unter autochthonen Österreichern so nicht.

Ngosso: Ich habe gerade im Medizinstudium so viele Frauen kennengelernt, die das Kopftuch freiwillig und selbstbewusst tragen. Jeder Mensch hat ein Recht auf freie Religionsausübung.

profil: Vom Kinderkopftuch- oder Burkaverbot halten Sie demnach nichts?

Ngosso: Das treibt diese Kinder und Frauen nur in die Isolation. Und dann erreichen wir sie gar nicht mehr. Der Staat muss Frauen helfen, selbstbestimmt zu leben, anstatt ihnen Kleidervorschriften zu machen.

profil: Ich würde gerne von Ihnen als linke Frauenpolitikerin wissen, was Sie für junge Frauen tun würden, die aus Gründen der Familienehre unterdrückt werden.

Ngosso: In dieser Frage ist Bildung der entscheidende Faktor. Wir brauchen vermehrt Sozialpädagoginnen, Schulsozialarbeiterinnen, um Kinder zu stärken, die daheim Missstände erleben. Auch die Eltern sollten besser einbezogen werden.

profil: Braucht es in Österreich eine Migrantenquote nach Vorbild der Frauenquote?

Ngosso: Solange es in der Gesellschaft Ungleichgewichte und Schieflagen gibt - auch in der Repräsentation - können Quoten ein Mittel sein, um dem entgegenzuwirken. Das Black-Voices-Volksbegehren ist dabei, ein entsprechendes Konzept auszuarbeiten - wir müssen aber noch definieren, wer genau unter diese Quote fallen soll.

profil: Wo würde diese Quote gelten?

Ngosso: In der öffentlichen Verwaltung.

profil: Wer sind Ihre politischen Vorbilder?

Ngosso: Die schwarze Abgeordnete der Grünen in Schleswig-Holstein, Aminata Touré, Michelle Obama und Johanna Dohnal.

Zur Person

Mireille Ngosso (40) ist in der Demokratischen Republik Kongo geboren; ihre Eltern flüchteten nach Wien, als sie drei Jahre alt war. Sie ist angehende praktische Ärztin, verheiratet und hat einen Sohn. In der Inneren Stadt war sie Bezirkspartei-Stellvertreterin und sollte Spitzenkandidatin für die Wahl 2020 werden, erlitt jedoch bei der internen Abstimmung eine herbe Niederlage. Als Mitorganisatorin der Black-Lives-Matter-Demo mit 50.000 Teilnehmern kämpfte sie sich ins politische Rampenlicht zurück und wurde auf einen wählbaren Platz für den Gemeinderat gereiht. Sie holte über 3000 Vorzugsstimmen und wurde Landes- statt Bezirkspolitikerin.

Die Vorsitzende der SPÖ-Frauen wird im Vorfeld des SPÖ-Parteitages am 26. Juni gewählt. Am Parteitag selbst konzentriert sich alles auf das Ergebnis, das Parteichefin Pamela Rendi-Wagner einfahren wird. Innerparteilich ist aber auch die Wahl der Frauenchefin nicht zu unterschätzen, geht es doch um die Nachfolge von Ikonen der roten Frauenbewegung wie Rosa Jochmann, Hertha Firnberg, Johanna Dohnal oder Barbara Prammer.

Im Jahr 2009 schlug die 2014 verstorbene Nationalratspräsidentin Prammer die frühere Frauen- und Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek als ihre Nachfolgerin vor. Dieser Tradition folgend, inthronisierte Heinisch-Hosek im Frühjahr die Nationalratsabgeordnete Eva Maria Holzleitner. Das Ziel: ein Generationenwechsel hin zur 28-jährigen Oberösterreicherin. Doch zur großen Überraschung der SPÖ-Frauen stieg die 40-jährige Wiener Gemeinderätin und Black-Lives-Matter-Aktivistin Mireille Ngosso ins Rennen-und einen Tag vor Ende der Bewerbungsfrist auch die Chefin der Niederösterreichischen SPÖ-Frauen, Elvira Schmidt (50). Aus einer ritualisierten Übergabe des Zepters wurde ein Dreikampf.

Die schlechtesten Karten hat aus heutiger Sicht wohl Ngosso. Sie ist in der Bundespartei wenig verankert und steht klar für einen linksliberalurbanen Kurs - der am Land weniger zieht. Doch selbst in Wien hat sie einige namhafte SPÖ-Frauen nicht hinter sich. So stand die Wiener Frauenchefin Marina Hanke (31) von Beginn an hinter der Jungpolitikerin Holzleitner. Auch die türkischstämmige Nurten Yılmaz (63), die Integrationssprecherin der SPÖ im Nationalrat, legt sich im Gespräch mit profil auf Holzleitner fest: "Ich konnte ihre Arbeit im Nationalrat jahrelang beobachten und stehe hinter dem Generationenwechsel."

Mehr als nur Außenseiterchancen hat die Niederösterreicherin Schmidt. Sie weiß nicht nur viele Genossinnen ihres Heimatbundeslandes hinter sich. Das Burgenland unterstützt sie offensiv (sie stammt ursprünglich aus Eisenstadt). Ihre Kandidatur dürfte auch gegen Heinisch-Hosek (ebenfalls Niederösterreicherin) gerichtet sein. Das Verhältnis der beiden Landsfrauen gilt als nicht gerade rosig. Sollte sich Heinisch-Hoseks Wunschkandidatin Holzleitner parteiintern nicht durchsetzen, wird Heinisch-Hosek ihre Rolle als Frauensprecherin im Nationalrat jedenfalls behalten, kündigte sie an-womit sie bei der Umsetzung von Frauenpolitik weiterhin am längeren Ast säße.

Was manche an Schmidts Kandidatur erleichtert, die nicht hinter ihr stehen: dass sie das Rennen zum Dreikampf gemacht hat. Ein Zweikampf, den die dunkelhäutige Kandidatin verliert, würde für die betont weltoffene SPÖ womöglich nicht gut aussehen.

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