Nationalratsabgeordneter Klaus Fürlinger (ÖVP) im Jänner 2026 in der Säulenhalle des Parlaments.
Mit KI-Stimmklon im Parlament: „Weitermachen, solange ich kann“
Am 11. Dezember 2025 von 14:42 bis 14:51 Uhr schrieb der ÖVP-Nationalratsabgeordnete Klaus Fürlinger Geschichte. Als erster Abgeordneter sprach er mit einem KI-Klon seiner Stimme im Nationalrat, wegen einer chronischen Erkrankung fallen ihm Sprechen und Gehen immer schwerer. Nach zehn Minuten war die Rede zu Ende, und nach einem Monat ist das Medienecho verhallt. Aber für Fürlinger war dieser Auftritt nur der Auftakt, denn seine Arbeit als Abgeordneter geht weiter. Wie sich sein Alltag als Politiker jetzt verändert hat, erzählt er profil.
Für das Gespräch sitzt Fürlinger an seinem angestammten Platz in dem Saal des Parlaments, wo normalerweise der Justizausschuss tagt. Seit dieser Legislaturperiode ist Fürlinger Obmann. Ohne Abgeordnete wirkt der Saal fast gespenstisch leer. Jeder Blitz der Kamera hallt nach. Wer die Augen bei seiner Rede im Nationalrat zumachte, hätte nicht erahnt, dass da gerade ein Computer zum Thema Parkplatz-Abzocke referiert. Anders im direkten Gespräch. Der Linzer Rechtsanwalt spricht für das Interview selbst. Er artikuliert sich langsam, mit vielen Pausen – aber so deutlich es geht. Sein oberösterreichischer Dialekt – und Schmäh – ist aber immer noch klar durchzuhören.
Wenn sich der Saal füllt und Fürlinger den Justizausschuss leitet, nutzt er dafür seine KI-Stimme. Das Gute dabei: So emotional die Debatten in der Politik oft sind, so floskelhaft laufen die Ausschüsse ab. Deswegen sind mehrere Sätze schon vorprogrammiert, er muss sie bloß mit seinem Tablet abspielen: „Der Ausschuss ist eröffnet“; „Der Vorschlag ist mehrheitlich angenommen“; „Wir kommen zur Abstimmung“. Für seine Rede im Nationalrat im Dezember schrieb der 60-Jährige den Text vor, der dann von seiner KI-Stimme vorgelesen wurde. Will er spontan etwas sagen, kann er die Wörter eintippen, und sie werden wiedergegeben.
Mit diesen Mitteln hat er auch an der Enquete des ÖVP-Klubs einen Tag vor der Sitzung des Justizausschusses teilgenommen. Fürlingers Alltag ist also weiterhin dicht getaktet, dazu kommt, dass er in Linz lebt und dort auch seine Kanzlei betreibt. Angeblich sei Arbeiten ja heilsam, meint er: „Ich will arbeiten. Das gibt mir Sinn. Und wenn ich arbeite, denke ich nicht daran, dass ich krank bin.“
Inklusion zieht nur langsam ein
Nur ist er jetzt auf Hilfe angewiesen und sitzt im Rollstuhl. Der Weg ins Hohe Haus ist ein kurzer für ihn, sein Abgeordnetenbüro befindet sich in einem Gebäude hinter dem Parlament und wurde mit der Parlamentssanierung barrierefrei gestaltet. Ganz ohne Hindernisse wird das Parlament aber mit Blick auf den Denkmalschutz nie sein, sagt er. Ausgerechnet die schweren Flügeltüren des Ausschuss-Saals sind nicht automatisiert, und die goldenen Türschnallen hängen, typisch für alte Gebäude, auf Schulterhöhe.
Es hat sich viel getan, seit der erste Abgeordnete im Rollstuhl, der Grüne Manfred Srb, 1987 seine erste Rede mit den berühmten Worten „Hohes Haus, allzu Hohes Haus”, eröffnete. Er musste zum Rednerpult getragen werden. Doch auch Jahre später war es noch nicht viel besser für den ÖVP-Abgeordneten Franz-Joseph Huainigg, der ebenfalls im Rollstuhl sitzt. Er war von 2002 bis 2017 Abgeordneter. Um zum Rednerpult zu kommen, musste er den Plenarsaal verlassen, rundherum fahren, mit einem Treppenlift über die Wendelstiege hinunterfahren und dann vor den Stufen warten, bis eine Rampe aufgelegt wurde.
Fürlinger in jenem Sitzungssaal, indem sich normalerweise der Justizausschuss trifft.
Zuspruch über Parteigrenzen hinweg
Als Fürlinger im Dezember 2025 seine Rede hielt, konnte er direkt von seiner Mitarbeiterin zum Rednerpult gefahren werden. Alle Augen waren auf ihn gerichtet, denn so etwas hat es noch nicht gegeben: Der ÖVP-Politiker sollte eine Rede halten, ohne selbst zu sprechen. Kurz erzählte er am Anfang, wie seine KI-Stimme zustande kam, dass er eigentlich skeptisch war, aber sich für die Vorbildwirkung überzeugen ließ. Dann bat er aber darum, auch dem Inhalt zu lauschen. Es ging um die Parkplatz-Abzocke, der noch in der letzten Sitzung des vergangenen Jahres ein rechtlicher Riegel vorgeschoben wurde.
Drei Stunden habe er an der Rede geschrieben, drei Tage danach nur Zuschriften beantwortet. „Das waren Dimensionen, die ich nicht erwartet hatte, das ging bis nach Amerika.“ Standing Ovations und Zuspruch über alle Parteigrenzen hinweg, auch diese fraktionsübergreifende Begeisterung möglicherweise eine Premiere im Hohen Haus, auf jeden Fall eine Seltenheit.
Dabei war Fürlinger am Anfang skeptisch, ob er sich auf dieses Experiment einlassen sollte. KI-Avatare sind immer noch wenig verbreitet, nicht einmal zwei Dutzend Fälle in Österreich kennt Martin Morandell von Smart in Life, der Firma, die Fürlingers Stimme technisch umsetzte. Aus vorhandenen Tonmaterial wird die Stimme der Person isoliert und daraus ein Stimmklon geschaffen. Material gibt es ausreichend, Fürlinger sitzt seit 2017 im Nationalrat, war davor im Bundesrat und auch Mitglied im Ibiza-Untersuchungsausschuss.
Morandell setzte das Projekt gemeinsam mit der gemeinnützigen Stiftung Zero Project um, der Initiativen im Bereich smarter Lösungen für Barrierefreiheit vernetzt. Sich für einen Stimmavatar zu entscheiden, ist kein leichter Schritt, für viele ist es gar nicht so einfach, die Stimme aus dem Computer als ihre Stimme zu akzeptieren, erzählt Morandell. Zuerst war auch Fürlinger skeptisch, die erste Version überzeugte ihn noch nicht. Als er dann zum ersten Mal seinen authentischen Stimmklon hörte, war es „wie eine Erinnerung an frühere Zeiten“.
Ein Jahr der großen Justizreformen
Vor dem großen Auftritt im Parlament waren auch noch rechtliche Dinge zu erklären, die Parlamentsordnung sieht diese Art eines Beitrags eigentlich nicht vor. Wichtig sei gewesen, dass die Worte wirklich vom Abgeordneten stammen. Die Gefahr von Missbrauch schwebt bei KI immer im Raum, sagt Franz-Joseph Huainigg, der seit 2025 ebenfalls einen Avatar hat: „Wenn jemand anderer einen Text schreibt, können mir Worte und Sätze in den Mund gelegt werden, die ich als Person nicht gesagt habe.“
Inhaltlich arbeitet Fürlinger weiter an großen justizpolitischen Reformen. Als Obmann des Justizausschusses beschäftigt er sich unter anderem mit der geplanten Bundesstaatsanwaltschaft und einer Reform der Strafprozessordnung. Ob seine Situation etwas an seinen politischen Schwerpunkten geändert habe? Eigentlich nicht, sagt er. Nur mit Barrierefreiheit musste er sich mehr beschäftigen.
Selbst, wenn er einen langsamen Krankheitsverlauf hat, wie er sagt, gibt er aber zu: „Mit so einer Diagnose bist du nicht Herr über deine Zeit.“ Wie also weitertun? Seine Ansage ist eindeutig: „Ich will weitermachen, solange ich kann.“