Moralverkehr: Political Correctness läuft aus dem Ruder

US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump.

US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump.

Dank Political Correctness müssen wir nicht mehr über Behindertenwitze lachen und nehmen Rücksicht auf Minderheiten. Das ist gut. Aber das Konzept läuft aus dem Ruder. Mittlerweile kommt es hauptsächlich Leuten wie Donald Trump zugute, findet Rosemarie Schwaiger.

Manchmal ist es wirklich nicht einfach, zwischen den Guten und den Bösen zu unterscheiden. Es kommt vor, dass die Grenzen verschwimmen und einem am Schluss alle Beteiligten gleichermaßen auf die Nerven fallen. Besonders oft geht es in solchen Fällen um die Auslegung von Political Correctness.

Am Donnerstag der Vorwoche provozierte der ansonsten unauffällige Fernsehsender Servus TV einen mittelschweren Shitstorm. Die Redaktion der Sendung „Talk im Hangar-7“ hatte zur Debatte über radikale muslimische Jugendliche in Wien geladen. Anlass war eine aktuelle Studie im Auftrag der Stadt (profil 42/16). Auf der Gästeliste von Servus TV stand unter anderem Martin Sellner, Chef der als rechtsextrem eingestuften „Identitären“. Am Nachmittag wurde bekannt, dass drei der fünf Gäste – darunter der Studienautor – ihre Teilnahme abgesagt hatten: Mit einem Rechtsextremen werde man nicht debattieren, erklärten sie. Lediglich Efgani Dönmez, Ex-Bundesrat der Grünen, ließ sich nicht abschrecken.

„Sellner ist 27 Jahre alt. Gestandene Leute aus Politik/Medien trauen sich nicht, diesem jungen Mann die Stirn durch Argumente zu bieten? Weicheier“, twitterte Dönmez. Michael Fleischhacker, Moderator der Sendung, bemühte sich ebenfalls um die Nichtberuhigung der Lage: „Martin Sellner hat eine Vergangenheit im Neonazi-Umfeld, und er ist strafrechtlich unbescholten. FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache hat auch eine Vergangenheit im Neonazi-Umfeld, heute ist er Klubobmann im Parlament. Soll man Menschen mit extremen Standpunkten diskursiv erst dann begegnen, wenn sie ins Proporzmuster des öffentlich-rechtlichen Rundfunks passen?“


Der Aufstieg rechter und sehr rechter Parteien in vielen Ländern könnte auch damit zu tun haben, dass die Wähler den Rechtspopulisten mehr glauben, weil sie als Einzige noch Klartext reden.

Die Sendung selbst konnte es mit dem Vorprogramm dann leider nicht ganz aufnehmen. Als Ersatzgäste traten Andreas Unterberger und Johannes Voggenhuber auf. Unterberger war, wie Fleischhacker, früher einmal Chefredakteur der „Presse“ gewesen und betreibt heute einen sehr konservativen Internetblog. Johannes Voggenhuber diente unter anderem als Bundesgeschäftsführer und Europaabgeordneter der Grünen und trug wegen seines konzilianten Wesens den Spitznamen „Ayatollah“. Um das ursprüngliche Thema des Abends ging es bei dieser Besetzung natürlich nur am Rande. Die vier Herren waren hinreichend damit beschäftigt, einander Unkenntnis der Sachlage, gewerbsmäßiges Irrlichtern und ideologische Verblendung vorzuwerfen. Einen Sieger gab es nicht, nicht einmal einen moralischen. Aber immerhin ist Rechtsaußen Sellner jetzt einem deutlich größeren Publikum bekannt als vorher, und Servus TV bekam durch den Wirbel drumherum gratis Publicity. Was will man mehr?

Dieses österreichische Dramolett wird bald vergessen sein und den Lauf der Welt nicht beeinflussen. Von ungleich größerer Bedeutung ist das, was sich seit über einem Jahr in den USA abspielt und ganz ähnlichen Regeln folgt wie die Klamotte in Servus TV. Donald Trump wird zwar sehr wahrscheinlich nicht ins Weiße Haus einziehen. Aber dass ein Mann mit solch bescheidenen Fähigkeiten in der Lage war, weite Teile des Globus über Monate derart intensiv zu beschäftigen, ist ein deutliches Warnsignal. Trump bricht Regeln. Sehr viel mehr kann er nicht, und mehr hatte er nie zu bieten. Aber das reichte vollkommen, um die Supermacht USA aufzumischen. „Mich nervt dieser Political-Correctness-Mist total“, hatte Trump gleich zu Beginn seiner Kampagne verkündet. Millionen von Amerikanern hingen fortan an seinen Lippen, um nur ja keine Beleidigung von Mexikanern, Muslimen, Frauen, Behinderten oder anderen geschützten Gruppen zu verpassen. Traut sich ja sonst keiner, die Wahrheit zu sagen – oder das, was man nicht aussprechen dürfte, wenn es die Wahrheit wäre.

Political Correctness (PC) ist kein neues Phänomen. Breit darüber diskutiert wird seit mindestens 30 Jahren. In jüngster Zeit häufen sich allerdings die Zweifel, dass die Welt mithilfe von PC zu retten sein wird. Es gibt im Gegenteil ein paar handfeste Indizien dafür, dass „Neusprech“ und „Gutdenk“, wie George Orwell ähnliche Phänomene in seinem Roman „1984“ nannte, hauptsächlich den Falschen nützen. Der Aufstieg rechter und sehr rechter Parteien in vielen Ländern könnte auch damit zu tun haben, dass die Wähler den Rechtspopulisten mehr glauben, weil sie als Einzige noch Klartext reden. Marine Le Pen, Heinz-Christian Strache und die Belegschaft der deutschen AfD profitieren davon genauso wie Donald Trump.


Es kann nicht sein, was nicht sein darf: Auch das ist eine Konsequenz der umfangreichen moralischen Überwachung.

Hauptsächlich ging es den Verfechtern der politischen Korrektheit seit jeher um eine Ausdrucksweise, die keine Gruppen von Menschen beleidigt oder abwertet. Dass man mit Blondinen- oder Schwulenwitzen heutzutage eher nicht mehr Partykönig wird, gehört zu den erfreulichen Folgen dieser Bemühungen. Wer einen Ruf zu verlieren hat, redet nicht mehr von Krüppeln, wenn er Behinderte meint, und nicht automatisch von Drogendealern, wenn die Sprache auf Afrikaner kommt. Auch das ist ein Fortschritt. Doch mit den Jahren wurden die Tabuzonen immer größer. Die Frage, wer was wo mit wem und auf welche Weise besprechen darf, treibt mehr kluge Menschen um, als man sich vorstellen kann. Auf der sicheren Seite ist eigentlich bloß noch, wer den Mund hält.

In den USA wird Studenten zum Beispiel ans Herz gelegt, einen asiatisch aussehenden Kommilitonen, den sie nicht näher kennen, keinesfalls um Hilfe bei der Mathematikaufgabe zu bitten. Dies könnte als rassistisches Klischee verstanden werden, wonach Asiaten allesamt gut im Rechnen seien. Es gibt lange Listen mit sogenannten „Mikroaggressionen“, die tunlichst zu vermeiden sind, wenn aus der eigenen Karriere noch etwas werden soll. Das sei „völlig absurd“, meint der britische Historiker Timothy Garton Ash im aktuellen profil-Interview (Seite 70): „Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der wir jede Minute ängstlich aufpassen müssen, was wir sagen und was nicht.“

Die Flüchtlingskrise des Vorjahres bot leider besonders viele Gelegenheiten, die Wirklichkeit auszublenden und durch salbungsvolle Worte zu ersetzen. Im Herbst 2015 galt etwa das Diktum, dass man Flüchtlinge keineswegs aufhalten und Grenzen nicht schützen könne. Schüchterne Einwände waren nicht erwünscht. Bald darauf geriet auch noch das Wort „Flüchtling“ in Misskredit. Angeblich klingt es irgendwie negativ. Vor allem in linken Kreisen spricht man bis heute lieber von „Refugees“ oder „Schutzsuchenden“. Die Bezeichnung „Asylant“ war schon lange vorher auf dem Index gelandet. Warum genau, weiß eigentlich keiner mehr.

In jenen bewegten Tagen brauchte man Chuzpe oder ein Parteibuch der FPÖ, um darauf hinzuweisen, dass unter den Tausenden Neubürgern eventuell ein paar sein könnten, die nichts Gutes im Schilde führten. Es kann nicht sein, was nicht sein darf: Auch das ist eine Konsequenz der umfangreichen moralischen Überwachung. Bisher schlimmstes Beispiel für die Wortlosigkeit angesichts realer Missstände war die Silvesternacht in Köln. Hunderte vorwiegend nordafrikanische und arabische junge Männer hatten massenhaft Frauen sexuell bedrängt, belästigt und bestohlen. Es dauerte mehrere Tage, bevor die Öffentlichkeit von ihren gewählten Vertretern erfuhr, was dort passiert war.


In einer Welt voller Tabus sieht sehr schnell wie ein Held aus, wer den Tabubruch zum Stilmittel erklärt.

Ein ähnliches Problem hat aktuell das linke Kulturzentrum „Conne Island“ in Leipzig. Die dortigen Aktivisten wollten ein Vorbild abgeben und laden seit Monaten Flüchtlinge zu Partys und Veranstaltungen ein. Diese besonderen Gäste müssen keinen Eintritt bezahlen, sondern nur den sogenannten „Refugee-Fuffziger“, also symbolische 50 Cent. Allerdings stellte sich bald heraus, dass nicht nur Flüchtlinge dieses Angebot gerne annahmen, sondern auch andere junge Männer mit Migrationshintergrund. Außerdem kam es vermehrt zu sexuellen Übergriffen und Diebstählen. Schritten die eigenen Sicherheitsleute ein, wurden sie von anderen Besuchern mitunter als Rassisten beschimpft. Nun hat sich das Kollektiv des Kulturzentrums in einem offenen Brief an die Öffentlichkeit gewandt, in dem es sich selbst der Naivität bezichtigt und um Verständnis für verstärkte Kontrollen wirbt. „Uns zur Problemlage so explizit zu äußern, fällt uns schwer, da wir nicht in die rassistische Kerbe von AfD und CDU/CSU schlagen wollen“, heißt es darin. „Die Situation ist jedoch derart angespannt (…), dass ein verbales Umschiffen des Sachverhalts nicht mehr zweckdienlich erscheint.“

Damit sind die braven Linken immerhin schon weiter als der deutsche Presserat. Dieser erneuerte vor ein paar Monaten seine dringende Empfehlung, in der Kriminalberichterstattung die Herkunft ausländischer Täter nur zu nennen, wenn es gar nicht anders geht. In Österreich wird, etwas abgeschwächt, ebenfalls zur Zurückhaltung aufgerufen. „Menschen gleicher Herkunft (wie jener des Täters, Anm.) können sich dadurch gekränkt und diskriminiert fühlen“, erklärten die Experten. Das ist zweifellos gut gemeint. Trotzdem wird den Bürger das Gefühl beschleichen, dass ihm große Teile der Wahrheit absichtlich vorenthalten werden. Im Internet und in den Boulevardmedien lässt sich ja meistens leicht herausfinden, was wirklich Sache war.

In einer Welt voller Tabus sieht sehr schnell wie ein Held aus, wer den Tabubruch zum Stilmittel erklärt. Jörg Haider hatte das früher erkannt als die meisten anderen. Seine Provokationen – erst mit NS-Jargon, später mit Tiraden gegen Ausländer – waren wohl nicht ausnahmslos der eigenen Überzeugung geschuldet, zeitigten aber stets die gewünschte Wirkung: Zuverlässig gab es große Aufregung und jede Menge Moralapostel, die den bösen Jörg in die Schranken wiesen. Die Wähler bewunderten Haiders Mut, er selbst konnte sich zum Opfer stilisieren. So hatten alle etwas zu tun.

Wie gut dieser Pawlow’sche Reflex bis heute funktioniert, zeigte sich vergangene Woche. Der freiheitliche Präsidentschaftskandidat Norbert Hofer hatte sich bei einer Pressekonferenz von Hasspostings auf der FPÖ-Website distanziert. „Es gibt einen echten Narrensaum in Österreich“, so Hofer wörtlich. Das Wort „Narrensaum“ muss man nicht kennen, der Duden tut das auch nicht. Wer den Begriff irgendwann erfunden hat, wird sich nicht mehr klären lassen. Dennoch fanden sich umgehend Berufsempörte, die das Wort ins Nazi-Eck rückten. In aller Eile wurde sogar ein eigener Wikipedia-Eintrag für „Narrensaum“ gebastelt, in dem nun jeder nachlesen kann, dass dieses Substantiv von Vertretern des rechten Politikspektrums gebraucht werde. Das stimmt so eindeutig zwar nicht, klingt aber gefährlich.


Nicht jedes fehlende Binnen-I ist ein Anschlag auf den Feminismus, nicht jeder Burschenschafter will den Faschismus neu beleben, und nicht jedes böse Posting im Internet muss beim Staatsanwalt landen.

Oft wird beklagt, dass die unteren Schichten der Gesellschaft am öffentlichen Diskurs nicht mehr teilnehmen – und wenn doch, am liebsten über Hasspostings in den sozialen Medien. Ganz falsch ist dieser Befund wohl nicht. Aber liegt die Gesprächsverweigerung vielleicht auch daran, dass man ohne die genaue Kenntnis aller gerade gültigen Codes einfach nicht mehr mitreden kann? Und wenn man sowieso davon ausgehen muss, sich zu blamieren: Warum dann nicht gleich mit einem richtig bösen Text auf Facebook?

Der Gedankenaustausch wurde jedenfalls nicht nur von den Verlierern abgebrochen. Auch die Eliten tun ihr Möglichstes, um unter sich zu bleiben. Ein weites Feld bietet dafür etwa die Genderpolitik. Wer heute nicht weiß, was ein Sternchen oder Unterstrich nach dem Substantiv bedeutet, macht sich schneller lächerlich, als er das Wörtchen „heteronormativ“ aussprechen kann. Das Leben ist schon für Schulkinder ziemlich kompliziert geworden. In einem Leitfaden für geschlechtergerechtes Formulieren empfiehlt das Unterrichtsministerium, Frauen und Mädchen in der Unterrichtssprache sprachlich sichtbar zu machen – egal, wie mühsam das sein mag. Als Beispiel wird der Satz „Schüler suchten ihre Meister auf Skibrettern“ angeführt. Richtig müsste es heißen „Schüler und Schülerinnen suchten ihre Meister und Meisterinnen auf Skibrettern.“ Aber gut, man kann den Schulsport natürlich auch einfach bleiben lassen.

Vielleicht würde es helfen, wenn wir uns alle ein bisschen entspannen. Nicht jedes fehlende Binnen-I ist ein Anschlag auf den Feminismus, nicht jeder Burschenschafter will den Faschismus neu beleben, und nicht jedes böse Posting im Internet muss beim Staatsanwalt landen. Das gilt natürlich auch für die Gegenseite. Es geht nicht sofort das Abendland unter, nur weil ein 16-jähriger Afghane im Schwimmbad komisch schaut, und nicht an jedem größeren Problem sind die Ausländer schuld.

Gut wäre eine Art Political Correctness light. Probeweise. Groß ist das Risiko nicht. Viel mehr kann ja eigentlich nicht schiefgehen.