Mord in Wien: Das dritte Leben des Lokalpolitikers Zlatko N.

Mord in Wien: Das dritte Leben des Lokalpolitikers Zlatko N.

Gastarbeiterkind, Lokalpolitiker, Entrepreneur: Wie der Mord an einem eingebürgerten Serben eine unscheinbare Fassade zum Einsturz brachte.

Seine letzte Autofahrt tritt Zlatko N. in einem geliehenen Luxus-SUV an, den Kofferraum beladen mit sieben nagelneuen Plastikkanistern. Der Mord an dem eingebürgerten Serben erscheint zunächst völlig unerklärlich, handelt es sich doch um einen unauffälligen Lokalpolitiker mit intakter Familie und biederem Lebensstil.

Eine Woche nach der Tat müssen zumindest die Adjektive „unauffällig“ und „bieder“ angezweifelt werden, auch wenn das den Anschlag nicht erklärlich macht. Denn hinter N. steckt ein Geflecht an Gesellschaften, eine Reihe von Pleiten und seltsamen Geschäftsbeziehungen, die so gar nicht in jene Fassade passen, die Zlatko N. bis zuletzt aufrechthielt.

In den an merkwürdigen Details nicht armen Mordfall ist mittlerweile auch die Wirtschaftsabteilung des Landeskriminalamtes Wien eingeschaltet. Sie geht Fahndern in der Bundeshauptstadt, Salzburg und Deutschland zur Hand – vorerst ohne Aussicht auf raschen Erfolg.

Unumstößlich sind nur wenige Fakten. In der Nacht auf Samstag, den 11. Jänner, fielen in einem BMW X5 mit bulgarischem Kennzeichen, der in der Odoakergasse in Wien-Ottakring parkte, Schüsse. Wenig später explodierte im Inneren des Wagens eine Handgranate. Zwei Männer starben: der aus Mondsee stammende SPÖ-Politiker Zlatko N. (45) an Schussverletzungen, der deutsche Geschäftsmann Horst Waldemar W. (57) an den Folgen der Detonation. Am Tatort wurden weder eine Waffe noch Patronenhülsen gefunden.

Davon abgesehen: kein Täter, keine Zeugen, kein offenkundiges Motiv.
Entsprechend Raum blieb für mediale Spekulationen. Sie reichten von Frauenhandel (Firmengeflecht) über Schlepperei (Speditionsgewerbe) und Drogen (Plastikkanister) bis hin zu Machenschaften der Ost-Mafia (Handgranate).

Umzug nach Mondsee
Für nichts davon gibt es Hinweise, geschweige denn Beweise.
Tatsache ist weiters: Beide Männer waren strafrechtlich nie aufgefallen. Zlatko N. hatte zwar immer wieder finanzielle Schwierigkeiten und somit zwangsläufig Kontakt mit dem Gerichtsvollzieher, galt aber als unbescholten. Über Waldemar W. wissen sowohl die ­österreichischen als auch die deutschen Behörden so gut wie nichts. In Hoyerswerda, Bundesland Sachsen, existiert ein Telefonanschluss auf einen gleichlautenden Namen. Im nahegelegenen Görtlitz an der polnischen Grenze hat er Verwandte. Zu DDR-Zeiten machte W. nach Recherchen der „Kronen Zeitung“ Dienst beim Grenzschutz, nach der Wende soll er in den Raum Nürnberg umgezogen sein.

Dort dürfte auch seine Freundschaft mit Zlatko N. wurzeln, über den man alles zu wissen glaubte und in Wahrheit doch so wenig wusste.
Zlatko N. stand für das, was gemeinhin als gelungene Integration bezeichnet wird. Aufgewachsen in der bosnischen Industriestadt Derventa, verließ der Serbe Ende der 1980er-Jahre sein Heimatland, das damals noch Jugoslawien hieß. Der gelernte Maschinenschlosser wollte sich, 20 Jahre jung, als Gastarbeiter in Deutschland versuchen.

1992 verschlug es ihn von Nürnberg nach Mondsee, wo er mit seiner Frau, ebenfalls gebürtige Bosnierin, ansässig wurde. Der Migrantenanteil in der Salzkammergut-Gemeinde Mondsee ist verschwindend gering, gerade einmal 15 Prozent – darunter jeder Zweite ein deutscher Staatsbürger. N. fasste rasch Fuß. Er arbeitete in einer Schlosserei, seine Frau jobbte als Reinigungskraft. Die Kinder wurden in Mondsee geboren. Um die Jahrtausendwende beantragte das Ehepaar die österreichische Staatsbürgerschaft, bald darauf kauften die N.s eine Eigentumswohnung.
Über Vermittlung eines befreundeten Mondseers kam Zlatko N. mit der örtlichen SPÖ in Kontakt. 2009 zog er für die Partei in den Gemeinderat ein. Offiziell zuständig für Umweltagenden, sollte er den Kontakt zu den Zuwanderern halten.

Zu dieser Zeit hatte Zlatko N. bereits geschäftliche Bruchlandungen hinter sich. Der Versuch, sich 2002 als Mitgesellschafter einer Spedition selbstständig zu machen, war gescheitert. Das Unternehmen war nach vier Jahren pleite, Investitionen von 26.000 Euro – so hoch war N.s Stammeinlage – waren somit versenkt. Aus einer zweiten Transportfirma zog er sich rechtzeitig vor der Pleite zurück. 2005 gründete er das dritte Beförderungsunternehmen, die Danex Transport GmbH. Auch hier hinterlegte er 8600 Euro Gesellschaftereinlage.
Fest steht, dass die wirtschaftlichen Abenteuer Geld gekostet haben. Ob sie auch etwas abwarfen, ist nicht überliefert. Bilanzen wurden laut Firmenbuch nie offengelegt.
War N. zu Beginn seiner SPÖ-Tätigkeit politisch hoch aktiv gewesen, so ließ dieses Engagement ab 2011 merklich nach. Er wirkte gestresst, abgehetzt, sagte Sitzungen öfter kurzfristig aus Termingründen ab. Was ihn umtrieb, wusste niemand – auch seine Frau nicht, die Freunden gegenüber klagte, dass ihr Mann kaum noch zu Hause sei.

Dokumentiert ist jedenfalls, dass 2011 die nächste geschäftliche Pleite ihren Lauf nahm: Die Danex Transport GmbH. wurde zahlungsunfähig.
Dennoch drehte N. das Rad unverdrossen weiter – und immer schneller. Er gründete in rascher Folge die PCM KG, Geschäftszweck: „Gastgewerbe, Fahrzeughandel, Transport, Gebäudereinigung“ in Bergheim; die Personal Company Management KG in Salzburg, die nur zwei Monate überdauerte; die Norix KG in Wals; und die Trans Norix KG an derselben Adresse. Mehr als ein Briefkasten und ein kleines, kaum benutztes Büro steckten freilich nicht hinter den Namen.

Letztere, die Trans Norix KG, hatte als eingetragene Mitgesellschafter einen gewissen Predrac I. an Bord, mit dem N. weitere Geschäfte verbanden – und eben Waldemar W., den deutschen Geschäftsmann.
Beiden organisierte N. eine Wohnmöglichkeit in einer Pension in Eugendorf, nahe seines Heimatortes. Waldemar W., der die Adresse der Pension auch als Geschäftsanschrift angab, blieb von November 2012 bis Juni 2013; Predrac I., der sich als N.s Angestellter ausgab, von Jänner bis März 2013. Nachdem die Männer keine Miete zahlten, wollte sie die Wirtin vor die Tür setzen, doch sie weigerten sich standhaft, das Quartier zu verlassen, vertrösteten die Frau ein ums andere Mal und blieben am Ende mehr als 1700 Euro schuldig.

Letztes Geschäft
Im November 2013 startete Zlatko N. sein letztes Geschäft. Gemeinsam mit einem Bulgaren setzte er die Peno KEG für „Musik und Apparate Aufstellung“ auf und mietete dafür einen Raum in einem Salzburger Bürokomplex an. Als Vermittler trat der Betreiber eines Spielautomatenvertriebs in Neumarkt am Wallersee auf, der für N. auch die Kaution vorstreckte. Und wieder – Zahlungsschwierigkeiten. N. blieb die Miete schuldig.

Was sich die letzten 72 Stunden vor dem Tod von Zlatko N. und Waldemar W. abgespielt hat, ist nur rudimentär bekannt. Am Donnerstag, den 9. Jänner, taucht Waldemar W. gegen 21.30 Uhr wieder in der Pension in Eugendorf auf. Er wisse nicht wohin und wolle sein ehemaliges Zimmer beziehen, erklärt er der mäßig erfreuten Wirtin.
Am Freitag, 10. Jänner nachmittags, leiht sich Zlatko N. den BMW seines bulgarischen Angestellten Georgi S. und kauft in einem Salzburger Großfachhandel mehrere Plastikkanister und Marmeladegläser. Letztere bringt er seiner Frau vorbei, ehe er nach Wien aufbricht.
Am Freitag gegen 21 Uhr platzt Waldemar W. in den TV-Abend seiner Wirtin und verlangt nach einem Haustorschlüssel, weil er dringend noch einmal wegmüsse. Er wirkt aufgeregt und hat es eilig.

Sind die beiden gemeinsam nach Wien unterwegs? Man weiß es nicht.
Um 2.50 Uhr finden beide in Wien-Ottakring den Tod. Ein bisher unbekannter Täter feuert vom Rücksitz des Wagens drei Mal auf Zlatko N. – Waldemar W. war es offenkundig nicht. Ein ebenso unbekannter Täter zündet die Granate, die in W.s Hand explodiert, wobei nicht klar ist, wer den Sicherungssplint herausgezogen hat.

Worum ging es bei der Auseinandersetzung, die dem Blutbad vorausgegangen sein muss? Wer hat wen bedroht? Wie konnte der dritte Mann das Fahrzeug rechtzeitig verlassen? Und vor allem: Wer war er? Auf all diese Fragen gibt es derzeit keine Antworten. Und die Verwüstungen durch die Explosion taten ihr Übriges, um Spuren zu verwischen. Die Granate dürfte ein Fabrikat aus Osteuropa gewesen sein. Die Schusswaffe ein Revolver.

Die Plastikkanister jedenfalls werden mit der Tat nicht mehr in Verbindung gebracht.