profil-Morgenpost: Gedächtnistraining

Eine weiße Rose liegt am Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin.

Eine weiße Rose liegt am Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin.

Guten Morgen!

Das Ritual des Gedenkens gilt zu recht als noble zivilisatorische Errungenschaft. Sich an wichtige Ereignisse oder Personen der Vergangenheit zu erinnern, schärft das Bewusstsein für Geschichte – was aus vielen Gründen ausnahmslos niemandem schaden kann. Gestern wurde der Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust begangen; historischer Hintergrund ist die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau am 27. Januar 1945. Aus gegebenem Anlass besuchte Christa Zöchling zwölf Überlebende in Israel und sprach mit ihnen über die Shoah und ihre verlorene Heimat Österreich.

Doch die skrupulöse Aufarbeitung der Vergangenheit ruft auch Kritiker auf den Plan, den FPÖ-nahen Historiker Lothar Höbelt zum Beispiel. „Ich halte Erinnerungskultur für prinzipiell schlecht“, sagt er im Interview mit Thomas Hoisl und Christina Pausackl : „Jeder muss selbst wissen, woran er sich erinnern möchte.“ Das ist nicht weniger als ein Offenbarungseid, zumal aus dem Mund eines Historikers, der eigentlich sehr genau wissen müsste, dass die Bestimmung des Menschen unter anderem darin besteht, aus der Geschichte zu lernen. Aber Österreichs Freiheitliche ziehen im Zweifelsfall bekanntlich die Kultur des Vergessens vor – nicht erst seit Ibiza.

Das kollektive Gedächtnis versagt übrigens nicht immer nur bei länger zurückliegenden Ereignissen, wie der heute veröffentlichte Care-Report (ab 10 Uhr auf profil.at zu finden) über die vergessenen Krisen des Jahres 2019 belegt.

Man kann nicht früh genug damit beginnen, die Erinnerung aufzufrischen – und sollte niemals damit aufhören.

Sven Gächter

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