profil-Morgenpost: Sind Sie ein Mastkalb?

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Was Schilifte mit Schlachthäusern zu tun haben und warum Marlene Streeruwitz dem ORF den Literaturnobelpreis gönnen würde.

Martin Staudinger

Guten Morgen!

Sind Sie ein Mastkalb? Ich weiß, falsche Frage, vor allem so knapp nach den Feiertagen. Aber sie war nicht im Entferntesten persönlich gemeint. Nein, es geht um eine Örtlichkeit, an der hunderttausende Österreicherinnen und Österreicher (ja, vielleicht auch Sie) in den kommenden Wochen einige Zeit verbringen werden: Den Schilift.

Der Zusammenhang erschließt sich am besten durch die Lektüre einer Geschichte, die Jochen Stadler in der aktuellen Ausgabe geschrieben hat. Darin wird der Historiker Robert Groß zitiert, der die „Beschleunigung der Berge“ (so der Titel seines Buches) in den vergangenen Jahrzehnten erforscht und dokumentiert hat.

Eine seiner Erkenntnisse: die „Regulierungszonen“, die durch den immer populärer werdenden Schitourismus notwendig wurden, um Menschenmassen zu den Liften zu leiten, gehen auf die Industrialisierung im 19. Jahrhundert zurück. Damals wurden in den Vereinigten Staaten Methoden entwickelt, um die Abläufe in Schlachthöfen effizienter zu gestalten.

Wenn Sie sich also auf den letzten Metern zum Schlepp- oder Sessellift ein bisschen vorkommen wie ein Mastkalb, dann wissen Sie ab jetzt, warum. Wie sich Sebastian Kurz bei seiner jüngst erfolgten Angelobung gefühlt hat, weiß natürlich er sebst. Er wusste zu diesem Zeitpunkt aber auch nicht, dass dem ORF bei der Live-Übertragung die Untertitel einer Telenovela ins Bild gerutscht waren – weshalb es für gehörlose Menschen und tonlose Seher wirkte, als ob ihn Bundespräsident Alexander Van der Bellen folgendermaßen ansprechen würde: „Na? Na … du … Küken? … Okay, ich taufe Dich auf den Namen Isabelle.

Die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz hat das ziemlich amüsiert: „Das kann kein Fehler sein. Das ist schlicht genial. Dafür der Nobelpreis für Literatur. Besser als jeder Handke“, sagt sie im Interview mit Wolfgang Paterno, das in der aktuellen Printausgabe nachzulesen ist.

Ach ja, irgendwie sind wir immer auch ein bisschen das, was andere aus uns machen, Rindviech oder Huhn.

In diesem Sinne bin ich zuversichtlich, dass das Ihr Frühstücksei wohl gelingt, die Kaffeemilch nicht sauer ist. Jetzt muss dieser Mittwoch nur noch die richtigen Untertitel haben.

Martin Staudinger

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