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profil-Morgenpost
07/20/2022

Prinzip Hoffnung

Wir sind verloren!, sagt der Pessimist. Wieso wir ihm nicht glauben dürfen.

von Siobhán Geets

Fühlen Sie sich auch manchmal erdrückt von der Flut an schlechten Nachrichten? Mir geht es ehrlich gesagt oft so, aber ich kann es nicht lassen – und schaue trotzdem weiter. Der exzessive Konsum negativer Nachrichten im Internet hat einen eigenen Namen: Doomscrolling. Wenig überraschend kann sich das negativ auf die Psyche auswirken.

Die meisten Journalisten sind sich dieses Problems bewusst. Nur leben wir leider in einer Welt, in der die schlechten Neuigkeiten überwiegen. Nicht darüber zu berichten ist auch keine Option. Deswegen versuchen viele, in ihren Artikeln und Analysen lösungsorientierte Ansätze zu finden.

Das macht auch Edith Meinhart im aktuellen profil. Ihr Essay „Was uns stark macht“ ist ein Aufruf, endlich mit der klugen Krisenbewältigung anzufangen. Da geht es nicht etwa darum, im Sinne des Kampfes gegen den Klimawandel auf den Flug in den Urlaub zu verzichten, sondern darum, wie wir an Krisen wachsen können – und im besten Fall gestärkt aus ihnen herauskommen. Es geht um nicht weniger als die Widerstandskraft der Gesellschaft, also aller Bürgerinnen und Bürger. Dafür braucht es die Aufrichtigkeit der Politik: Wer wie ein Kind behandelt wird, wird sich auch wie eines verhalten. Wer über wichtige Prozesse im Dunklen gelassen wird, glaubt eher an Verschwörungstheorien.

Welche Zukunft wollen wir?

Ich höre dieser Tage immer wieder, dass es schon zu spät sei. Die Pessimisten in meinem Umfeld glauben nicht mehr daran, dass wir das alles überhaupt noch schaffen können. Sie sehen, wie rasch sich das Klima verändert und haben keine Hoffnung mehr für die Zukunft.
Ich finde das traurig und verantwortungslos. Der Pessimist wird die Welt in 30 oder 50 Jahren nicht mehr erleben. Seinen Kindern und Enkelkindern zuliebe sollte er die Hoffnung nicht aufgeben. Ohne sie sind wir tatsächlich verloren.

Die Widerstandsfähigkeit der Menschen müsse unterstützt werden, schreibt Meinhart. Dazu gehört ein empathischer Umgang miteinander. Das fällt umso schwerer, je mehr wir selbst unter Druck stehen. Pandemie, Klimawandel, Teuerung, Krieg – von den Krisen der Gegenwart sind alle Menschen betroffen, wenn auch nicht in gleichem Maß. Individuelle Maßnahmen wie der Verzicht auf Fleisch und Hilfe für ukrainische Flüchtlinge leisten einen wichtigen Beitrag, eine ganzheitliche Lösung können wir aber nur gemeinsam finden. Die Zukunft entscheidet sich nicht an der Urlaubsplanung oder am Esstisch daheim im Bobo-Viertel. Für echte Veränderungen braucht es politische Maßnahmen.

Daran sollten wir arbeiten.

Haben Sie einen schönen Tag,

Siobhán Geets