Norbert Hofers Lieblingsmaler Wiesinger über "minderwertige Kunst"

Odin Wiesinger in seinem Atelier

Odin Wiesinger in seinem Atelier

Odin Wiesinger, Lieblingsmaler des Präsidentschaftskandidaten Norbert Hofer, über Konzentrationslager, Burschenschaften und Aktionskunst.

INTERVIEW: HERBERT LACKNER

profil: Herr Wiesinger, warum nennen Sie sich Odin? Sie heißen doch eigentlich Manfred.
Odin Wiesinger: Ja wissen Sie, bei uns gibt’s viele Wiesingers und auch viele Manfreds. Odin Wiesinger gibt’s nur einen. Ich bin Mitglied der pennalen Burschenschaft Scardonia zu Schärding, und dort bekam ich den Couleurnamen Odin, den ich dann gleich als Künstlernamen behalten habe.

profil: Odin ist gleich Wotan, der germanische Göttervater.
Wiesinger: Weiter nördlich, etwa in Norwegen, heißt er Odin, südlich Wotan.

profil: Sind Sie ein Germane?
Wiesinger: Germanen, Kelten, die gibt’s eigentlich nicht mehr. "Stammesmäßig“ gehöre ich, historisch betrachtet, zu den Bajuwaren, das ist mehr oder minder ein Germanenstamm.

profil: Vielleicht hat sich irgendwann ein Slawenstamm dazugemischt.
Wiesinger: Kann sein, aber in den letzten paar Generationen war nichts Slawisches dabei, dafür sicher einmal etwas Schottisches.

profil: Ist Ihnen das wichtig?
Wiesinger: Nicht so direkt. Ich bin im Innviertel, und damit identifiziere ich mich auch.

profil: Waren Sie überrascht, als Norbert Hofer Sie als seinen Lieblingsmaler bezeichnet hat?
Wiesinger: Ein wenig schon. Ich glaube, ich bin nur einer seiner Lieblingskünstler und bin ihm bei diesem Interview gerade eingefallen.

profil: Vergangene Woche besuchte er Sie in Ihrem Atelier. Haben Sie über die Neuaustragung der Bundespräsidentenwahl gesprochen?
Wiesinger: Miteinander haben wir über andere Dinge gesprochen, eher Familiäres - und über einige meiner Bilder. Aber bei seinen Grußworten an die geladenen Gäste wurde die Wahl schon erwähnt.

profil: Sie haben im FPÖ-Landtagsklub Oberösterreich ausgestellt, bei der FPÖ-Liesing und im Büro des damaligen 3. Nationalratspräsidenten Martin Graf von der FPÖ. Wiens FPÖ-Vizebürgermeister Johann Gudenus hat kürzlich dem Bürgermeister von Minsk eine Wiesinger-Radierung überreicht. Sie sind eine große Nummer bei den Freiheitlichen.
Wiesinger: Schaut so aus.

profil: Wie ist es dazu gekommen?
Wiesinger: Das ist eine weit zurückliegende Geschichte. Es hat in der Burschenschaft begonnen. Mein Leibbursch - eine Art väterlicher Freund - ist der ehemalige oberösterreichische FPÖ-Obmann Lutz Weinzinger. Durch ihn habe ich viele Leute in der FPÖ kennengelernt.

profil: Haben Sie bei Ihrer Burschenschaft auch gefochten?
Wiesinger: Ja, drei Mensuren.

profil: Sieht man gar nicht.
Wiesinger: Ich war immer gut eingepaukt, das heißt gut trainiert.


Der Zeitgeist und die Moden ändern sich. Ich hab schon während meines Studiums gegenständlich, realistisch gemalt, mich haben die Moden nicht interessiert.

profil: Jörg Haider hat bei einer Mensur einem Gegner das Ohrläppchen abgeschlagen. Warum tut man das?
Wiesinger: Die Mensur ist Tradition und ein Ritual. Wenn die Maori ihren Traditionen nachgehen, zum Beispiel schmerzhafte Tätowierungen, oder irgendein afrikanischer Stamm ein blutiges Ritual durchführt, zücken alle die Fotoapparate und schwärmen, wie toll das ist, auch wenn die den Kindern mit Ameisen gefüllte Fäustlinge überziehen. Das hab ich kürzlich in einer Dokumentation gesehen. Aber bei unseren Mensuren stöhnt man entsetzt auf: "Um Gottes willen, wie fürchterlich!“

profil: Die Rechtsaußen-Website unzensuriert.at schreibt über Sie: "Abseits aller Moden schwimmt er gegen den Strom des Zeitgeistes.“ Was ist denn der Zeitgeist?
Wiesinger: Der Zeitgeist und die Moden ändern sich. Ich hab schon während meines Studiums gegenständlich, realistisch gemalt, mich haben die Moden nicht interessiert.

profil: Ist das Gegenständliche Ihr Widerstand gegen den Zeitgeist.
Wiesinger: Durchaus nicht. Übrigens arbeitet etwa auch Gerhard Richter oft gegenständlich, fotorealistisch - Gottfried Helnwein sowieso. Der dominierende Zeitgeist war das sogenannte Abstrakte, eine Zeit lang jedenfalls.

profil: Sie sagten 1998 in einem Interview mit einer rechten deutschen Zeitschrift: "Die offizielle Kunstszene ist für mich die Diktatur des Hässlichen, Minderwertigen, Würde- und Maßlosen, verschüttete und verschmierte Farbe in der Art der Primaten.“
Wiesinger: Dem kann ich zum Teil noch zustimmen. Ich wurde, künstlerisch gesehen, in die Zeit hineingeboren, als gerade die gegenständliche Kunst auf die Aktionskunst prallte. Mein Professor in Linz hat sich immer sehr gegen den Aktionismus gewehrt, und da ist bei mir wohl auch etwas hängen geblieben.

profil: "Diktatur des Hässlichen und Minderwertigen“, das klingt stark nach "entarteter Kunst“.
Wiesinger: Nein. "Würde- und maßlos“ hat nichts mit dem Begriff "entartet“ zu tun.


Für mich hat Kunst ursprünglich nie mit Politik zu tun gehabt. Die Erfahrung, dass sie durchaus damit zu tun haben kann, habe ich erst später im Studium gemacht.

profil: Sie waren Atelierassistent bei Arnulf Rainer. Macht er nicht genau die Kunst, die Sie ablehnen?
Wiesinger: Nein, durchaus nicht. Manche seiner Übermalungen sind genial, viele andere waren leider Massenproduktion, da ging es eher nur ums Geld.

profil: Marina Abramovic, VALIE EXPORT, Hermann Nitsch - Aktionskunst ist in der Kunstwelt heute sehr gefragt.
Wiesinger: Es kann in der Kunstwelt ja viel akzeptiert sein, ohne dass es der Einzelne akzeptieren muss.

profil: Hat Kunst für Sie etwas mit Politik zu tun?
Wiesinger: Für mich hat Kunst ursprünglich nie mit Politik zu tun gehabt. Die Erfahrung, dass sie durchaus damit zu tun haben kann, habe ich erst später im Studium gemacht.

profil: Sie zeichnen oft vorrückende Soldaten im Pulverdampf, markige Landser, Burschenschafter. Das ist doch nicht unpolitisch.
Wiesinger: Soldaten- und Burschenschafterbilder empfinde ich eher als Genre. Aber das ist nur ein kleiner Teil meines Werkes, wie Sie hier im Atelier sehen können. Eigenartigerweise wirft man mir deshalb vor, deutschnational zu sein. Anders gedacht: Bin ich jetzt ein Türkischnationaler, wenn ich Kemal Atatürk male?

profil: Bei einer deutschen Burschenschaft gab es großen Streit, weil ein Chinese aufgenommen wurde. Sie haben daraufhin ein Bild mit drei Burschenschaftern gemacht: einen Europäer, einen Asiaten, einen Afrikaner …
Wiesinger: … farblich gesehen einen Weißen, einen Gelben und einen Schwarzen eben.

profil: Was wollten Sie uns damit sagen?
Wiesinger: So könnten "Chargierte“ eventuell in ein paar Jahren aussehen.

profil: Wollten Sie damit sagen: Schaut her, so lächerlich ist es, wenn Asiaten oder Afrikaner unsere Burschenschafter-Montur tragen?
Wiesinger: Nein, ich wollte einfach zeigen, wie es aussieht. Keiner war blöder dargestellt als der andere, alle waren gleich.

profil: Wären Sie dafür, dass ein Asiate in Ihre Burschenschaft aufgenommen wird?
Wiesinger: Es gibt englische Herrenclubs, in denen keine Frauen aufgenommen werden. Ich würde dem jungen Mann sagen: "Du bist mein persönlicher Freund, wir können ein Bier trinken gehen. Du kannst an vielen unserer Veranstaltungen teilnehmen, aber du kannst nicht Mitglied werden, da müsste laut den meisten Satzungen von Studentenverbindungen mindestens ein Elternteil ‚deutsch‘ sein.“

profil: Deutsches Blut.
Wiesinger: Wenn Sie so wollen.

profil: Glauben Sie, dass die Burschenschaften in der Öffentlichkeit ungerecht beurteilt werden?
Wiesinger: Sie werden immer wie ein Geheimbund beurteilt, aber da sind oft sie selbst schuld daran. Sie sollten die Kritiker schreien lassen, aber eben selbst mehr Gesicht zeigen.

profil: Die Identitären zeigen durchaus Gesicht.
Wiesinger: Zu denen haben einige Burschenschafter ein Nahverhältnis, aber dieser Aktionismus, das ist nicht mein Ding, weder in der Kunst noch in der Politik.

profil: Ihr vielleicht größter Förderer, der FPÖ-Rechtsaußen Martin Graf, ist Mitglied der Burschenschaft Olympia. Dort traten Leute wie David Irving auf, der wegen nationalsozialistischer Wiederbetätigung in Haft war. Finden Sie das in Ordnung?
Wiesinger: Ich bin der Meinung dass man sich Informationen von verschiedenen Seiten holen darf und soll. Die Informations- und die Meinungsfreiheit sind Grundrechte.

profil: In solchen Kreisen wird gern von der "Auschwitzlüge“ gesprochen. Halten Sie Berichte über Konzentrationslager auch für bloße Propaganda?
Wiesinger: Nein. Die dort geschehenen Gräueltaten verurteile ich zutiefst. Aber bei dieser Frage muss ein Historiker her, es ist nicht die Aufgabe eines Künstlers, zu unterscheiden, was Propaganda ist und was nicht.

profil: Waren Sie schon einmal in der Gedenkstätte des ehemaligen KZ Mauthausen?
Wiesinger: Ich war noch nie dort.

profil: Warum nicht? Sie wohnen ja sogar im selben Bundesland.
Wiesinger: Es hat sich nie ergeben. Mit der Schule sollten wir einmal hingehen, aber da war dann gesperrt. Abgesehen davon: Oberösterreich hat viele geschichtsträchtige Orte, an denen ich auch noch nicht war.

profil: In Ihrer Bibliothek stehen Bände über die Aktfotografie der 1930er- und 1940-Jahre. Haben Sie sich auch politisch mit dieser Zeit auseinandergesetzt?
Wiesinger: Die Politik dieser Zeit hat nichts mit meiner Arbeit zu tun.

profil: Sie zeichnen doch ständig Soldatenfiguren im Krieg.
Wiesinger: Das ist falsch! Mein Hauptwerk sind Landschaften, Stillleben und Porträts. Worauf Sie anspielen, diese Soldaten, gehören zu einem Zyklus zur Erinnerung an den Ersten Weltkrieg. Ich habe anlässlich des Jugoslawienkrieges Antikriegsbilder gezeichnet: eine Hand, die versucht das Victory-Zeichen zu machen und der es dabei immer die Finger zerfetzt. Sozusagen: Der Krieg lässt keinen Sieg zu, sondern zerstört die "Werkzeuge“, mit denen man etwas aufbauen könnte. Mir unterstellt man ja ständig auch, ich würde den "Führer“ auf Bestellung malen.


Aus dem Sebastian Kurz könnte noch ein vertrauenswürdiger Politiker mit Charisma werden.

profil: Haben Sie den "Führer“ auf Bestellung gemalt?
Wiesinger: Nie! Und auch so nicht!

profil: Haben Sie schon einmal eine andere Partei gewählt als die FPÖ?
Wiesinger: Ja, ein Mal. Aber das war eher ein Scherz.

profil: Was gefällt Ihnen an der FPÖ?
Wiesinger: Ich kenne dort viele Leute und habe viele Freunde. Während des Studiums wollte man mich in Linz für die SPÖ anheuern. Die haben gesagt: "Sie malen so anders, wir machen aus Ihnen den großen Künstler Oberösterreichs.“ Auf meine Frage, warum ich deshalb zur SPÖ gehen sollte, meinte man: "Wissen Sie nicht, dass das Kunststudium ein linkes Studium ist?“ Das und einige andere Vorkommnisse waren mir dann so zuwider, dass ich aus Protest der FPÖ beigetreten bin.

profil: Waren Sie bei der Parteispaltung 2005 Anhänger von Jörg Haider oder von Heinz-Christian Strache?
Wiesinger: Ich hab mich da rausgehalten, ich war dem Lutz Weinzinger gegenüber loyal. Die oberösterreichische FPÖ hat sich an die Seite Straches gestellt, als Haider eine eigene Partei gründete. Als Haider Landeshauptmann war, habe ich einmal in Klagenfurt ausgestellt. Andreas Mölzer war damals Kulturreferent. Haider hat ein kleines Bild gekauft. Das war’s dann auch schon.

profil: Gibt es einen Politiker außerhalb der FPÖ, der Ihnen gefällt?
Wiesinger: Vom Typus her zum Beispiel der Werner Kogler von den Grünen, den finde ich ganz nett und witzig. In der SPÖ hat mir der Joschi Ackerl ganz gut gefallen, der frühere Parteichef in Oberösterreich, aber vor allem der frühere Linzer Bürgermeister Schanovsky, das war ein feiner Mensch. Und bei der ÖVP könnte vielleicht aus dem Sebastian Kurz noch ein vertrauenswürdiger Politiker mit Charisma werden.

profil: Nach dem Brexit gibt es jetzt ja auch bei uns die Diskussion über eine mögliche Volksabstimmung zu einem Öxit. Sind Sie für eine solche Abstimmung?
Wiesinger: Ja. Wenn ich über einen Beitritt abstimmen konnte, will ich auch über einen Austritt abstimmen können.

profil: Sind Sie für einen Austritt Österreichs?
Wiesinger: Das muss nicht gleich sein. Aber es gehört viel geändert in der EU, und wenn sich in ein, zwei Jahren nichts ändert, dann sollten wir uns schon fragen, ob wir noch dabeibleiben wollen. Das ist wie in einer Ehe: Wenn es nicht mehr passt, muss man sich überlegen, ob man auseinandergeht. Und wir haben mit der EU zur Zeit eine schlechte Ehe.

profil: Wenn wir austreten, brauchen Sie wieder einen Reisepass, wenn Sie in Schärding über die Innbrücke gehen.
Wiesinger: Ich hab früher auch immer den Personalausweis dabeigehabt, wenn ich hinübergegangen bin. Das waren wir hier in der Grenzregion so gewohnt, das hat uns nichts ausgemacht.

profil: Die EU hat uns doch auch einiges gebracht.
Wiesinger: Da wurde vieles hochgespielt, vor allem die angeblichen Vorteile, gerade bei der Einführung des Euro. Es ist mir letztlich egal, ob ich beim Urlaub in Griechenland in Euro bezahlen kann oder Drachmen wechseln muss.

profil: Ihren Förderer, den damaligen 3. Nationalratspräsidenten Martin Graf, haben Sie in den Farben Schwarz, Rot und Gold porträtiert. Warum eigentlich?
Wiesinger: Na, gehen Sie einmal ins Parlament, da ist sehr vieles in Schwarz, Rot und Gold.

profil: Ist mir noch gar nicht aufgefallen, obwohl ich oft dort bin.
Wiesinger: Da müssen Sie einmal genau schauen.

profil: Mit den Farben der deutschen Fahne hat das nichts zu tun?
Wiesinger (lächelt) : Na ja, in dem Fall trifft vielleicht beides zu.

Odin Wiesinger, 55,
Der gebürtige Innviertler trat schon als Schüler einer schlagenden Burschenschaft bei und besuchte später die Meisterklasse der Hochschule für Gestaltung in Linz. Im Wahlkampf bezeichnete ihn Norbert Hofer als seinen Lieblingsmaler.