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Österreich
04/21/2020

Notruf für Täter: Neue Hotline für gewalttätige Männer

Anti-Gewalttrainer Alexander Haydn über eine neue Hotline für gewalttätige Männer und alle, die es nicht werden wollen.

von Edith Meinhart

profil: Sie haben einen österreichweiten Notruf für Männer für vorgestellt. Wer soll sich hier melden? Haydn: Jeder Mann, der entweder gewalttätig war oder das Gefühl hat, es nicht mehr auszuhalten.

profil: Gibt es Männer, die das rechtzeitig merken? Haydn: Das kommt vor; aber auch wenn die Gewalt schon passiert ist und der Mann weggewiesen wurde, helfen ihm hier Mitarbeiter weiter, die in der Gewaltarbeit und Krisenintervention erfahren sind. Sie versuchen zunächst, die Situation zu deeskalisieren und verweisen ihn anschließend an eine Männerberatungsstelle in seinem regionalen Umfeld, die fallbezogen und vernetzt mit Opferschutzeinrichtungen zusammenarbeitet...

profil: ... wo seine Frau vielleicht Hilfe gesucht hat. Haydn: Genau, der Mann absolviert vielleicht ein Anti-Gewalttraining, die Frau wird von einem Gewaltschutzzentrum betreut, und beide Einrichtungen tauschen sich aus. Dieser Ansatz entwickelte sich aus der Erfahrung heraus, dass die Gewalt weiter geht, wenn die Stellen nicht miteinander sprechen.

Psychische Gewalt kann genauso verletzend und kränkend sein wie eine Watsche

profil: Was machen Sie in der Männerberatung mit der Rückmeldung, dass zu Hause immer noch die Teller fliegen? Haydn: Damit konfrontieren wir den betreffenden Mann in der nächsten Sitzung, weil es unser Ziel ist, den Finger drauf zu halten und sein Gewaltverhalten zu ändern. Wobei wir den Begriff weit fassen. Es geht nicht nur um Männer, die jemandem die Knochen brechen. Psychische Gewalt kann genauso verletzend und kränkend sein wie eine Watsche.

profil: Viele Männer kommen nie in ein Anti-Gewalttraining, sondern werden aus der Wohnung gewiesen, kehren zurück und schlagen wieder zu. Haydn: Hier klaffte lange eine Lücke, die im vergangenen Herbst mit der dritten Novelle zum Gewaltschutzgesetz allerdings geschlossen wurde. Ab Anfang nächsten Jahres ist Täterarbeit im Sicherheitspolizeigesetz verankert; Gewaltpräventionszentren werden beauftragt, Männer, die eine Wegweisung erhalten haben, zu betreuen. Sonst dreht sich die Spirale tatsächlich weiter: Der Mann entschuldigt sich, die Frau bleibt, vielleicht aus Rücksicht auf die Kinder, in drei Wochen gibt es die ersten Reibereien, in sechs Wochen einen heftigen Streit und in acht Wochen die nächste Gewalteskalation.

Gewalttätiges Verhalten verlernt man nicht an einem Wochenende

profil: In manchen Familien geht das über Jahre. Haydn: Deshalb ist es so wichtig, dass es nun eine Plattform gibt, wo die Männer ab der ersten Kontaktaufnahme bis zum Ende der Gewalt betreut werden. Der Prozess braucht Zeit. Gewalttätiges Verhalten verlernt man nicht an einem Wochenende. Gefährder, die wir in der Männerberatung betreuen, kommen ein Jahr lang jede Woche in eine Gruppe.

profil:Derzeit sind viele Eltern mit ihren Kindern zuhause, Spielplätze, Schulen, Sportplätze, Gasthäuser haben geschlossen. Noch mehr Risikofaktoren für häusliche Gewalt sind kaum denkbar. Trotzdem stieg sie nicht so stark wie befürchtet. Haben Sie dafür eine Erklärung? Haydn: Es gab Berichte aus China und Italien, dass die Ausgangsbeschränkungen zu einem massiven Anstieg führen. Wir sind davon ausgegangen, dass sich das auch bei uns zeigen wird. Die Kurve geht nach oben, aber nicht so steil wie erwartet. Vielleicht kommt das noch. Klar ist, dass wir im Vorfeld viel abfangen, wenn Angebote für Männer und Opfer ausgebaut werden.

profil: Sie müssen auch angenommen werden. Aus welchen Gründen rufen Männer bei Ihnen an? Haydn: Der total reflektierten Mann ist eher die Ausnahme. Meistens haben Männer Druck. Entweder von der Polizei, die ein Betretungsverbot ausgesprochen, ihm den Schlüssel weggenommen und die Nummer der Männerberatung in die Hand gedrückt hat. Oder die Partnerin hat klipp und klar gesagt: Wenn das noch einmal passiert, ist unsere Ehe Geschichte. Oder der beste Freund, der Vater, der Bruder hat ihm ins Gewissen geredet, dass es so nicht weiter gehen kann. Einige kommen nach einer gerichtlichen Verurteilung oder über die Kinder- und Jugendhilfe zu uns.

profil: Persönliche Therapien sind derzeit nicht möglich. Ihre Arbeit spielt sich am Computer und am Telefon ab. Was erleben Sie hier? Haydn: Unsere Anti-Gewalttrainings und die Gruppe für Väter, die ihre Kinder schlagen, laufen über Videokonferenzen weiter. Ich bin selbst überrascht, wie gut das angenommen wird. Teilweise sitzen die Männer mit ihrem Handy im Auto, weil sie zuhause nicht ungestört reden können. Meine Erfahrung ist, dass es für manche leichter ist, am Telefon zu erzählen, was sie ihrer Frau oder ihren Kindern angetan haben. Das ist ja sehr schambesetzt. Erst kürzlich hat jemand am Ende des Gesprächs gesagt, er hätte nicht so offen sein können, wäre er mir gegenüber gesessen.

profil: Wie beginnt ein klassisches Erstgespräch? Haydn: Meistens redet jemand um den heißen Brei herum: 'Es hat einen Vorfall gegeben. Jemand hat mir Ihre Nummer gegeben.' Wir haken dann nach, versuchen herauszufinden, wie das Familiensystem funktioniert, ob es Kinder gibt, wie alt sie sind, wiederholen in möglichst klaren Worten, was vorgefallen ist und verfolgen dabei einen Ansatz aus der Suchttherapie, Motivational Interviewing. Wir verurteilen jedenfalls sehr konsequent die Tat, aber nicht den Täter.

profil: Eine ungeschminkte Version bekommen Sie von Tätern eher nicht zu hören, oder? Haydn: Am Ende des Tages ergibt sich durchaus ein realistisches Bild. Außerdem haben wir den Vergleich mit den Informationen des Gewaltschutzzentrums. Wenn der Mann sagt, er habe seine Frau in den vergangenen drei Monaten zwei Mal geschlagen und seine Frau auf dieselbe Frage antwortet, es sei zwei Mal in der Woche vorgekommen, gehen wir dem Widerspruch nach.

profil: Sie lernen soeben Telefon und Videokonferenzen zu schätzen. Wird der persönliche Kontakt in der Gewaltarbeit verzichtbar? Haydn: Online-Sitzungen funktionieren bei Klienten, die wir schon persönlich erlebt haben und gut einschätzen können. Man weiß, dass der eine mit dem Fuß wippt, wenn er nervös ist, und der andere die Fäuste ballt. Therapeutische Erstkontakte aber sind über Telefon und Video schwierig, weil wesentliche Informationen über das Gegenüber verloren gehen.

Alexander Haydn leitet die Anti-Gewaltarbeit in der Männerberatung Wien. Die neue Hotline ist österreichweit unter 0720 704 400 zum Ortstarif erreichbar. Online ist die Plattform unter https://www.maennerinfo.at zu finden.

Mehr dazu:

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