NS-Sammellager: "Der Todesengel kommt"

Video: Zeitzeuge, Journalist und Historiker Rudolf Gelbard über seine Erinnerungen an die NS-Zeit

Mehr als 46.000 österreichische Juden wurden einst in offenen Lastwägen zu den Deportationszügen gekarrt. Eine Ausstellung widmet sich einem weitgehend unbekannten Kapitel der Zeitgeschichte: den Sammellagern.

Sage keiner, man habe nichts gewusst, nichts gehört und nichts gesehen. Die Deportation der österreichischen Juden ging in aller Öffentlichkeit vor sich: In den Jahren 1941, 1942 und 1943 fuhren Lastwägen durch Wien, auf deren Ladeflächen Männer und Frauen, Greise und Kinder dicht gedrängt standen. Jeder hatte vorschriftsmäßig auf der linken Seite über dem Herz den gelb leuchtenden Judenstern auf den Mantel aufgenäht und eine Bettrolle unter dem Arm. Koffer und Binkel, die einzige Habe, die ihnen erlaubt war, und die sie meist nie wieder sahen, wurden auf eigenen Wägen transportiert. Die Kolonnen fuhren am helllichten Tag. Von Sammellagern in der Leopoldstadt gingen die Transporte zum Aspangbahnhof in den 3. Wiener Gemeindebezirk, nahe dem damaligen Südbahnhof, später dann auch zu anderen Bahnhöfen.

Jedesmal, wenn die SS eine Deportation durchführen ließ, standen etwa 1000 Namen auf der Liste. Die NS-Bürokratie war da sehr penibel. Fiel einer aus, weil er sich vor Verzweiflung im Sammellager Sperlgasse 2a von einem Fenster im dritten Stockwerk in den Lichthof gestürzt hatte, oder verschwand jemand im Untergrund, rückten zwei andere nach. Das Plansoll musste erfüllt werden. Gelegentlich fuhren mehrere Lastwägen hintereinander durch die Straßen, ein Todeskonvoi, über den Schwedenplatz, hinter dem Ring über die Ungargasse in den 3. Bezirk hinauf. Standen wenige Wägen zur Verfügung, fuhren sie den ganzen Tag lang hin und her - von den Sammellagern in der Kleinen Sperlgasse 2a und der Castellezgasse 35 oder später von der Malzgasse 7 und der Malzgasse 16 zu den Bahnhöfen und leer zurück. Die Lager befanden sich alle im Karmeliterviertel und waren einmal jüdische Schulen gewesen.


Für Passanten war es ein Spektakel

Für Passanten war es ein Spektakel. Rudolf Gelbard, damals ein Zwölfjähriger auf dem Weg ins Konzentrationslager Theresienstadt, erinnert sich, dass sein LKW bei einem Stopp am Schwedenplatz von einer höhnenden Menschenmenge umringt wurde. "Ah, die Jüdelach! Jetzt führen S’ es.“ Es gab kein Mitleid. Herbert Schrott erlebte in der Ungargasse Ähnliches. ",Schau dir an, die Juden. Schleicht’s euch!‘, haben sie heraufgerufen, und wir standen aufgereiht am LKW, jeder mit dem gelben Stern.“

Rudolf Gelbard: "Wir können nicht über alles reden"

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Ein Team von Historikern der Akademie der Wissenschaften (Heidemarie Uhl, Monika Sommer, Michaela Raggam-Blesch, Dieter Hecht und der Filmemacher Fred Baker) hat sich der in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannten Sammellager angenommen und ein Dutzend Zeitzeugen interviewt.

In Wien hatte einst die größte jüdische Community im deutschsprachigen Raum gelebt. 200.000 Mitglieder zählte die Israelitische Kultusgemeinde in Österreich. Doch in keiner anderen Stadt, in keinem anderen Land entlud sich mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten im März 1938 der Hass der Bevölkerung so brutal und gemein wie hier. Schon in den ersten Tagen wurden Juden auf der Straße zu "Reibepartien“ angehalten, Rabbiner an ihren Bärten gerissen, Auslagen eingeschlagen und Wohnungen gestürmt. Bernhard Morgenstein, ein Auschwitz-Überlebender, erzählt, ein jüdischer Händler sei "mit einer Knackwurst im Mund von einer johlenden Menge durch die Straßen getrieben worden“. Jüdische Schulkinder wurden von ihren Klassenkameraden angestänkert; Lehrer unterrichteten von einem Tag auf den anderen mit Hakenkreuzbinde. Juden waren vogelfrei. Noch ehe sie ihre Wohnungen verloren hatten und in "Judenwohnungen“ im 2. und 9. Wiener Gemeindebezirk auf engstem Raum zusammengepfercht wurden, standen schon die Nachbarn in ihren Zimmern und nahmen sich, was ihnen gefiel.


Zum Abschied ließen sich jene, die auf den Listen standen, in einem Fotostudio vor der Kulisse des Stephansdoms abbilden

Bis 1941 waren 130.000 österreichische Juden ins Ausland geflüchtet, mehr oder weniger unter Zurücklassung ihres Vermögens. Noch lebten etwa 61.000 Juden in Wien, arme Leute, die kein Visum bekommen, Traumtänzer, die die Lage falsch eingeschätzt hatten, und Wiener Juden, die einfach "an Wien hingen“ (Morgenstein) und nicht weg wollten. Zum Abschied ließen sich jene, die auf den Listen standen, in einem Fotostudio vor der Kulisse des Stephansdoms abbilden.

Bernhard Morgenstein: Die verdammte Liebe zu Wien

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Die ersten Transporte in großem Stil begannen im Februar 1941. 5000 Wiener Juden wurden in armseligen polnischen Dörfern ausgeladen. Unter dem Vorwand der SS, es gehe um Lebensmittelkarten, hatte sich die Israelitische Kultusgemeinde gezwungen gesehen, die Adressen ihrer Mitglieder herauszurücken.

Das jüdische Leben in Wien war zu diesem Zeitpunkt bereits erstickt. Juden durften sich nicht in Parks aufhalten, auf Bänke setzen, ins Kino oder in ein Bad gehen. Der Prater, Schönbrunn, der Wienerwald, die Straßenbahnen - alles war verboten, selbst das Gehen auf dem Trottoir. Ein paar Stunden in der Woche durften sie in ausgewählten Geschäften einkaufen.


Vor Mitleid wurde ausdrücklich gewarnt

Ab September 1941 musste jeder Jude einen Stern tragen. Der "Völkische Beobachter“ machte Stimmung und veröffentlichte Fotos von alten Juden mit Stern mit dem Bildtext: "Keine Zier für unsere Stadt.“ Vor Mitleid wurde ausdrücklich gewarnt.

Der Stern musste aufgenäht sein. Manche brachten Häkchen an, um ihn rasch wieder herunternehmen zu können. Das war verboten. Man presste Mappen an den Körper, um den Stern zu verdecken. Auch das wurde geahndet. Manche verdunkelten den gelben Stoff mit Schuhcreme, damit er nicht so auffiel. Man schämte sich. Man fühlte sich gebrandmarkt, und man war es ja auch. Oft wurden Sternträger von marodierenden HJ-Gruppen oder hasserfüllten Erwachsenen schikaniert. Es gab auch mitleidige Seelen, die Juden etwas zusteckten. Nach Berichten von Zeitzeugen war das jedoch eher selten.

Herbert Schrott: Das goldene Wienerherz

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Ab Oktober 1941 waren die Grenzen geschlossen, und die Deportationen gingen zügig voran. Wer sich nach Benachrichtigung nicht im Sammellager einfand, wurde ausgeforscht, auch mithilfe jüdischer Ausheber und Ordner. Das System war so niederträchtig organisiert, dass die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) dafür verantwortlich gemacht wurde, dass die Züge voll waren. Die SS hatte gedroht, sie könne auch andere Saiten aufziehen. Rabbiner Benjamin Murmelstein, Funktionär der IKG in diesen Jahren, sagte einmal voll Bitterkeit: "Es sah aus, als ob sich die Juden selbst deportierten.“

Es gab auch "Aushebungen“. Eine Straße wurde abgesperrt, ein Haus umstellt. Je ein SSler und ein Ordner betraten die Wohnung. Vermögenserklärungen mussten unterschrieben werden. Zwei Stunden wurden einem zugestanden, um die Koffer zu packen. Name und Anschrift waren mit weißer Farbe auf das Gepäck zu pinseln, die Schlüssel abzugeben.


Jeder wusste, was es bedeutete, wenn er auf der Transportliste stand - es war ja nie jemand von dort zurückgekommen

Natürlich wussten Mitarbeiter der IKG (unter Kuratel der SS) etwas mehr als die Familien, die unter größter Angst auf die "Aushebung“ warteten, in ihren Massenquartieren auf das Motorengeräusch von schweren Fahrzeugen vor dem Haus horchten oder auf das Gepolter von Stiefeln im Stiegenhaus. Die Nerven unter den Verbliebenen waren zum Zerreißen gespannt. Jeder wusste, was es bedeutete, wenn er auf der Transportliste stand - es war ja nie jemand von dort zurückgekommen. Es gab Gerüchte über Vergasungen, erzählt der Maler und Sänger Arik Brauer, doch man dachte, das betreffe Behinderte und unheilbar Kranke und sei auf Protest der Bevölkerung eingestellt worden. Brauer hatte sich 1943 aus einem Sammellager davongemacht und in einem Schrebergarten versteckt.

Die Familie von Helga P. hatte über tschechische Flüchtlinge von Vergasungen in Auschwitz gehört, es aber nicht glauben wollen. Bernhard Morgenstein sagt: "Wenn wir gewusst hätten, was geschieht, hätten wir uns nicht in der Sperlgasse eingefunden.“

Die ehemalige Sperl-Schule war das größte Sammellager. Die Menschen lagen Körper an Körper auf nacktem Boden, auf Matratzen oder Strohsäcken. Das hing offensichtlich von der Belegung ab. "Wir wurden hineingetrieben wie Vieh, es herrschte ein Durcheinander, ein Chaos“, sagt Herbert Schwarz.

Herbert Schwarz: Eine Fotografie, ein Leben

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Es stank. Manche verbrachten Tage dort, andere Wochen, ehe sie auf die Lastwägen gestoßen wurden. Rosa R. erinnert sich an die langen Schlangen vor den Toiletten. Viele Frauen hatten bei der Aushebung Schmuckstücke und Münzen verschluckt und hofften nun, auf dem Weg der Verdauung an das heranzukommen, was sie noch besaßen. Es gab viele Selbstmorde.

Der Tag der "Kommissionierung“ war der Schicksalstag. Wenn der als "eiskalter Sadist“ bekannte SS-Mann Anton Brunner den Stempel "Evakuierung“ auf das Papier drückte, war man nur noch ein Transportstück. Lebensmittelkarte, Identitätsausweis, Reisepass - alles war man los.


Beziehungen, Geld, Körper - alles wird angepriesen, um sich aus der Hölle zu retten

Der Überlebende Otto Kalwo beschrieb im Jahr 1946, wie es unter Todesangst in den Sammellagern zuging: "Die Sperlschule summt. Ein Geflüster geht durch die Eingeweihten: Brunner kommt! Der Name des Gefürchteten legt sich wie ein Alpdruck auf die Juden. Der Todesengel kommt. Er bestimmt, ob du oder du morgen ins Elend fährst. Das letzte Stadium. Die Entscheidung. (…) Nervosität macht die Insassen einander unleidlich. Zerfahren und gereizt flegeln sich Menschen bester Erziehung in den gröbsten Worten an. Der gute Ton bröckelt schon ab. Immer mehr wird das Individuum in die Enge getrieben, die Ellbogen werden rücksichtslos gebraucht. Beziehungen, Geld, Körper - alles wird angepriesen, um sich aus der Hölle zu retten. Gibt es eine Rückstellung?“

Rund 5500 Juden haben die NS-Zeit in Wien überlebt. Die meisten von ihnen waren nach dem kranken Geist der Nürnberger Rassegesetze "Halbjuden“ oder "Mischlinge ersten Grades“ oder "zweiten Grades“, in "privilegierten Mischehen“ mit oder ohne Kinder. Knapp 1000 Menschen überlebten als sogenannte U-Boote.

Die überlebt hatten, waren 1945 nicht willkommen. Dieselben Leute, die ihnen ihre Wohnungen und Möbel genommen hatten, sahen keinen Anlass, sich zu schämen. Antisemitismus im Jahre 1945 war kein Randphänomen. Exemplarisch ist die Geschichte des gefürchteten Josef Weiszl, eines SS-Mannes, der in der Sperlgasse eingesetzt war. Die einzigen überlieferten Fotos von den Transporten finden sich in seinem Dienstalbum. Weiszl wurde 1947 nach Frankreich ausgeliefert und zu lebenslanger Haftstrafe verurteilt. 1955 wurde Weiszl nach Wien überstellt, als "Spätheimkehrer“ anerkannt und in die Heimkehrerfürsorge aufgenommen.

Ausstellung im äusseren Burgtor, Heldenplatz, vom 9.11.2016-30.6.2017

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