MONI, 14, MIT IHRER MUTTER SUSANNA R. „Wie ein Waisenkind, das bei fremden Leuten
wohnen muss, obwohl es noch Eltern hat.“

© Luca Faccio

Österreich
05/17/2021

Obsorge: Kampf ums Kind

Im Rosenkrieg rüsten Väter und Mütter auf. Nur die Kinder nicht. Schreitet das Jugendamt ein, wird es für sie manchmal nur noch schlimmer. Drei verstörende Fälle und ein Plädoyer.

von Edith Meinhart

Sommer, Ferien, ein See in Kärnten. Moni* verbringt ein paar Tage bei ihrer besten Freundin. Plötzlich ein Anruf. Aufregung. "Polizei" habe sie verstanden, kurz darauf kamen die Beamten. "Sie haben Uniformen und Waffen gehabt", sagt Moni. Ihre Freundin sei mit ihr ins Polizeiauto gestiegen, bis nach Klagenfurt hätten sie "nur geweint". "Ich war elf. Ich hatte total Angst."Man habe sie in ein Krisenzentrum gebracht. "Alle Türen waren verschlossen." Nur durch ein Fenster habe sie ihre Mutter Susanna sehen dürfen. Später habe man ihr den Koffer voller Süßigkeiten gegeben, den diese mitgebracht habe. "Da habe ich wieder geweint."

Drei Jahre später lebt Moni* wieder bei ihrer Mutter. profil traf Susanna R., 47, und ihre Tochter vor einigen Wochen in der Redaktion. Der Alptraum sei vorüber, ihr Leben "fast normal", sagte die heute 14-jährige Moni. Ihren Vater will sie nicht mehr sehen. Drei Jahre haben beide Eltern um die Obsorge für das Mädchen gekämpft.

Eine Frau. Ein Mann. Und Moni - eine von 12.785 Minderjährigen, die 2019 in Österreich in Fremdunterbringung lebten. Mehr als die Hälfte von ihnen in einer sozialpädagogischen Einrichtung - "im Heim", wie es früher hieß. Der Rest kam bei Pflegeeltern unter. Jeder Fall ist einzigartig, jeder ist dramatisch.

Im Kampf ums Kind rüsten Väter und Mütter immer mehr auf, und mitunter gehen sie dabei bis zum Äußersten. Anwälte, Gutachten, Klagen, Lügen, alles wird zur Munition. "Oft hast du nur noch schlechte Optionen am Tisch. Es ist dein Job, dafür zu sorgen, dass das Kind nicht mit der allerschlechtesten übrig bleibt": Nichts habe ihr so geholfen wie die Worte eines erfahrenen Kollegen, erzählt Christine Miklau, Familienrichterin am Bezirksgericht Wien-Meidling und Vorstandsmitglied der Fachgruppe Familienrecht in der Richtervereinigung.

Dreh- und Angelpunkt ist das Wohl des Kindes. Wer wacht darüber? Wenn die Schwächsten auf der Strecke zu bleiben drohen, schreitet das Jugendamt ein. Zu ihrem Besten? "Ich habe noch kein Kind im Krisenzentrum erlebt, das die Abnahme nicht als Schock erlebt hätte, vor allem, wenn die Polizei im Spiel ist", erzählt die Rechtsanwältin Andrea Posch. Im profil-Interview fordert sie für Kinder "eine unabhängige rechtliche Vertretung, analog dem Patientenanwalt in der Psychiatrie".

Unerträglich finden Familienrechts-Expertinnen wie Posch, wie lange es dauert, bis Kindesabnahmen erstmals extern überprüft werden. Zum Vergleich: Bei Zwangseinweisungen in die Psychiatrie müssen innerhalb von vier Tagen ein Richter und ein Gutachter auftauchen. Von der Polizei festgenommene Personen werden innerhalb von 48 Stunden einem Haftrichter vorgeführt. Bei den Kindern dauert es Wochen und Monate, bis ein Gericht darüber befunden hat, ob eine Fremdunterbringung gerechtfertigt war. Im Leben eines Kindes ist das eine Ewigkeit. Lesen Sie die Geschichte von Moni*, Serena und Lisa* im neuen profil (hier auch als E-Paper).

*Name von der Redaktion geändert

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