ÖBB-Chef Christian Kern: „Kultur des Verhinderns“

ÖBB-Chef Christian Kern: „Kultur des Verhinderns“

ÖBB-Chef Christian Kern über die Probleme beim Ausbau der Südbahn.

Interview: Herbert Lackner

profil: Herr Vorstandsvorsitzender, der Semmeringtunnel wird zur unendlichen Geschichte. Sind solche Großprojekte heute nicht mehr verwirklichbar?
Christian Kern: Den Tunnel wird es geben, aber es stimmt: Der entsprechende Akt füllt schon mein halbes Büro. Ich bin dennoch der Meinung, dass Großorganisationen wie die ÖBB Demut vor der Umwelt und den Interessen der Anrainer haben müssen. Gleichzeitig habe ich den Verdacht, dass in Österreich die Kultur des Verhinderns zu stark entwickelt ist.

profil: Wie kommt das?
Kern: Wenn große Organisationen oder Unternehmen am Werk sind, entsteht eine Art „David gegen Goliath“-Situation – egal um welches Projekt es sich handelt. Um Bahnstrecken wurde übrigens immer heftig gestritten. Als in den 1840er-Jahren die heute noch bestehende Trasse über den Semmering geplant wurde, waren viele der Meinung, man sollte doch lieber eine Zahnradbahn errichten. Und 30 Jahre später wollte man statt des Arlbergtunnels eine Standseilbahn bauen. Erfreulicherweise haben sich damals in beiden Fällen die zukunftsorientierteren Varianten durchgesetzt.

profil: Seine Gegner behaupten, der Semmeringtunnel brächte nicht viel …
Kern: Das ist falsch. Die Fahrzeit Wien–Graz wird um 50 Minuten verkürzt, Wien–Klagenfurt über Graz um mehr als eine Stunde. Das wird sich auch in den Fahrgastzahlen niederschlagen, wie wir es jetzt schon auf der Westbahn erleben. Und was den Semmering betrifft: Dort brauchen wir für den Güterverkehr jetzt noch drei Loks – zwei, die ziehen, und eine, die schiebt. Künftig wird eine Lok genügen. Der Tunnel wird also auch viel Geld ersparen.