Österreich und die Russen: Die Gefahr aus dem Osten

Österreich und die Russen: Die Gefahr aus dem Osten

1945 wurden sie nicht als Befreier von den Nazis, sondern als Eroberer empfunden. Heutesieht man sie nicht als Geschäfts­partner und Devisenbringer, sondern als großkotzige Radaubrüder. Das Verhältnis der Österreicher zu den Russen ist nicht erst seit der Krim-Krise von Misstrauen und Vorurteilen geprägt.

„Auf kleinen Pferdchen saßen Kalmücken und Mongolen und preschten durch die Gassen. Plötzlich hörten wir fremdländische Schreie. Sie waren da. Oh Gott!“ Die Schilderung der Bewohnerin eines Hauses in Wien-Landstraße von der Ankunft der Roten Armee in Wien ist fast 70 Jahre alt. Die Urangst, die daraus spricht,lebt fort – auch wenn man sich heute nicht mehr vor berittenen Mongolen fürchtet.

Das Bild, das sich die Bewohner Mitteleuropas von „den Russen“ machten, hat sich im Lauf der Jahrhunderte oft verändert – aber es ist immer negativ geblieben: unterentwickelte Wilde, reaktionäre Rückschrittler, kommunistische Eroberer, großkotzige Oligarchen –und jetzt noch die Krim. Aus dem Osten kam in den Augen der Resteuropäer, zumal der geographisch besonders exponierten Österreicher, selten etwas Gutes.
Trotz Dostojewski, Tolstoi und Pasternak, Tschaikowski, Mussorgsky und Schostakowitsch, trotz Chagall, Kandinsky und Malewitsch – als Kulturnation wurde Russland im Westen nie wirklich anerkannt. Das Bild vom vergewaltigenden, „Ura, Ura“ fordernden Be­satzungssoldaten und von dem im Winterurlaub kübelweise Wodka und Kaviar verschlingenden Oligarchen hat den Blick auf die Errungenschaften des Großreichs im Osten für die überwiegende Mehrheit flächendeckend verstellt.

In dieser Weltgegend darf einfach nichts funktionieren. Obwohl bei den Bauarbeiten für die Olympischen Spiele in Sotschi dutzende österreichische Unternehmen beschäftigt waren, einigten sich die meisten Zeitungen schon Monate vor der Eröffnung darauf, dass diese Spiele nur ein Fiasko werden können. Die als Vorhut eingeflogenen Sportreporter bestätigten die düsteren Vermutungen und berichteten erschüttert von unfertigen Badezimmern und tropfenden Wasserhähnen, als seien sie nicht in einem Wintersport-Hotel, sondern in einem sibirischen Gulag einquartiert.

Listig auf den Punkt brachte das der in Sotschi akkreditierte „Wiener Zeitung“-Journalist Simon Rosner. Rosner postete ein Foto einer ungepflasterten, mit Trümmern und Kabeln übersäten Zufahrt vor einem Bürogebäude auf Twitter und versah es mit dem Bildtext „On the way to the Media Center. The street is not quite ready yet.“ 350 User teilten das Bild sofort. CNN fragte bei Rosner ohne jede weitere Recherche um die Fotorechte an, die US-Tageszeitung „USA Today“ berichtete ausführlich.

Wenige Stunden nach dem Posting klärte der Österreicher den Hoax auf: Es handelte sich tatsächlich um die Zufahrt zu einem Media Center, freilich zu jenem in Wien-Sankt Marx, wo die Redaktion der „Wiener Zeitung“ ihren Sitz hat. Rosner wollte bloß die Bereitschaft der Westler vorführen, im Osten nur Ungutes zu vermuten: „Wären die Shuttle-Busse in Sotschi dieselben wie jene bei den Spielen in Vancouver 2010 – man würde sie sicher als Relikte aus der Sowjetunion bezeichnen. Dabei waren es nur uralte kanadische Busse“, schrieb Rosner.

Russland muss so sein, wie wir es uns vorstellen. Selbst bei dem der Fremdenangst völlig unverdächtigen Grissemann-und-Stermann-Talk „Willkommen Österreich“ steuert die Band Russkaja einschlägigen Sound bei: bärig, laut und ein wenig aggressiv. Russisch halt.

Lesen Sie die Titelgeschichte von Herbert Lackner und Rosemarie Schwaiger in der aktuellen Printausgabe oder als E-Paper ( www.profil.at/epaper )!