Bauer sucht Politik

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Bauer sucht Politik: Staffel II, Folge 9
04/16/2022

ÖVP: Message-Power statt Message-Control

Die Volkspartei erfindet sich neu. Deswegen nennt sie sich bald nicht mehr „Neue Volkspartei“.

von Gernot Bauer

Von professionellen Politikberatern ist eines zu erwarten: Sie sollten sich diskret im Hintergrund halten. Kai Diekmann ist eine richtige Rampensau und Selbstvermarkter auf allen Kanälen. Nach seinem Besuch in Kiew postete er ein Foto mit Karl Nehammer und den Klitschko-Brüdern. Zum klassischen Politikberater ist er daher nur bedingt geeignet. Wer ihn engagiert, weiß das. Als Miteigentümer der Berliner Kommunikationsagentur StoryMachine ist Diekmann eine große Nummer, quasi ein Spezialist der gesamten PR-Kunde. Früher war er Chefredakteur der „Bild“ und der „Bild am Sonntag“ („BamS“). Ex-Kanzler Gerhard Schröder, SPD, meinte einmal, er brauche für seine Öffentlichkeitsarbeit nur „Glotze, Bild und BamS“. Auch Schröder war eine Rampensau.

Karl Nehammer hätte offenbar gern größere Bühnenwirkung. Wie nun bekannt wurde, hat der Bundeskanzler Diekmann als Berater engagiert – und als Flugbegleiter. Der PR-Mann reiste mit nach Moskau zu Wladimir Putin, was insofern bemerkenswert ist, als der Kanzler abgesehen von Diekmann nur seine außenpolitische Beraterin und seinen Pressesprecher mitnahm. Die Beraterin hätte er eigentlich auch in Wien lassen können. Denn aus dem Kanzleramt heißt es, Diekmann verfüge über viel „Erfahrung und Expertise“ in Russland und habe Wladimir Putin schon mehrfach getroffen. Daher sei er „in der Vorbereitung für diesen Termin eine große Unterstützung“ gewesen.

Diese Argumentation ist durchaus nachvollzieh- und erweiterbar. Der „Bauer-sucht-Politik“-Reporter hat alle Landeshauptleute schon mehrfach getroffen, verfügt also auf diesem Gebiet über viel Erfahrung und Expertise. Ich biete dem Bundeskanzler daher gern an, ihn in der Vorbereitung auf seinen nächsten Termin bei der Landeshauptleute-Konferenz zu unterstützen.

"Wir sind Unschuld!"

Für sein Putin-Briefing hat Diekmann kein Honorar erhalten. Er arbeitete pro bono, also für das Gemeinwohl der Republik Österreich. Anzunehmen ist, dass ihm die ÖVP, mit der Diekmann einen Beratervertrag hat, eine umso höhere Gage bezahlt. Auch der türkise Parlamentsklub greift auf seine Dienstleistungen zurück. Diekmanns Agentur, die „StoryMachine“, wirbt auf ihrer Website mit einem rampensaumäßigen Slogan: „We power your Message“. Wir erinnern uns: Sebastian Kurz setzte in seiner politischen Kommunikation auf „Message-Control“. Es gelang ihm, jede politische Botschaft in seinem Sinn zu steuern. Bei den Chats glückte ihm das weniger. Vielleicht hätte er auf „Message Power“ setzen sollen.

Der ÖVP-Parlamentsklub wird von Georg Streiter beraten. Dieser kümmert sich um strategische Fragen in Zusammenhang mit dem ÖVP-Korruptions-U-Ausschuss. An sich wäre dort in Person des Abgeordneten Andreas Hanger genug Energie vorhanden. Ein bisschen zusätzliche Piefke-Power kann aber nicht schaden. Streiter war früher Politikchef der „Bild“-Zeitung. Angeblich stammt von ihm die legendäre Schlagzeile zur Wahl von Benedikt XVI.: „Wir sind Papst!“ Interessant wäre, welche Schlagzeilen Streiter zum ÖVP-U-Ausschuss einfallen würden. Naheliegend wäre: „Wir sind Unschuld!“ Oder: „Wir bleiben Kanzler!“

Gschichtl-Druckerei

Abseits seiner Kanzler-Tätigkeit muss Karl Nehammer an der Auferstehung seiner Partei arbeiten. Wahrscheinlich powert ihn auch dabei Kai Diekmann. Eine Runderneuerung hat Nehammer nicht im Sinn. Kosmetische Eingriffe im äußeren Erscheinungsbild der ÖVP soll es aber geben. Wie die „Oberösterreichischen Nachrichten“ vermelden, wird die Volkspartei wieder „Die Volkspartei“ heißen. Derzeit heißt sie bekanntlich „Die Neue Volkspartei“. Es wäre eine schöne „Bild“-Schlagzeile: „Wahnsinn! Ganz neue Volkspartei heißt nicht mehr ,Neue Volkspartei‘, sondern ,Die Volkspartei‘!“ Mit dem Namen ließ Sebastian Kurz 2017 auch die Parteifarbe von schwarz auf türkis ändern. Auch hier sind Anpassungen zu erwarten. Kommt Smaragd? Jade? Spinat? Mitnichten. Das Türkis soll bloß dunkler werden – falls Kai Diekmann nicht widerspricht.

Angesichts der guten Buchungslage sollte der PR-Berater überlegen, in Wien ein zweites Standbein für seine Agentur zu schaffen. Als Profi weiß Diekmann, dass er den Firmennamen für den Ösi-Markt adaptieren müsste. Ein Pro-bono-Vorschlag des profil-Reporters: „StoryMachine“ würde sich ins Österreichische wohl am besten mit „Gschichtl-Druckerei“ übertragen lassen.

Sie lesen Folge 9, Staffel II einer Serie von Gernot Bauer über die heimische Innenpolitik. Alle bisher erschienen Teile von “Bauer sucht Politik” können Sie hier nachlesen.

 

Der profil-Redakteur ergründet seit 20 Jahren Wesen und Unwesen der österreichischen Innenpolitik. 

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