Die vierte Ohnmacht: Warum die Wien-Wahl keine Werbung für den Journalismus war

Angekündigte Duelle finden selten statt: Michael Häupl (SPÖ) und Heinz-Christian Strache (FPÖ)

Angekündigte Duelle finden selten statt: Michael Häupl (SPÖ) und Heinz-Christian Strache (FPÖ)

Medien sind wichtig, weil sie die Flut an Informationen filtern und dem Bürger helfen, Realität und Fiktion zu unterscheiden. So weit die Theorie. Zuletzt hat das leider nicht gut funktioniert, findet Rosemarie Schwaiger.

Es gibt einen neuen Fachbegriff, und man wird ihn sich merken müssen. Der Begriff lautet „Recall-Gewichtung“ – und eben diese war angeblich schuld an ein paar denkwürdigen Fernsehmomenten. Am Wiener Wahlsonntag stand der Meinungsforscher Günther Ogris, Chef des Sora-Instituts, um 17 Uhr im ORF-Studio und präsentierte ein Wahlergebnis, das es in sich hatte: Laut seinen Berechnungen lagen SPÖ und FPÖ in Wien dicht an dicht, nicht einmal eine Schwankungsbreite voneinander entfernt. Hochspannung für den Rest des Abends schien garantiert. Eine Stunde später war klar, dass Sora weit daneben lag – und die SPÖ weit vor der FPÖ. Seine Umfrage sei misslungen, weil eine sonst treffsichere Methodik, eben die „Recall-Gewichtung“, nicht funktioniert habe, erklärte Ogris am Tag darauf. Es könne vorkommen, dass klassische Wechselwähler nicht mehr wissen, für welche Partei sie bei der letzten Wahl gestimmt haben, so der Experte. Ist die Erinnerung (also der Recall) falsch, kann ein darauf basierendes Rechenmodell natürlich nicht richtig sein.

Okay, vielleicht war es so. Aber vielleicht sollten Ogris und seine Branchenkollegen einfach zugeben, dass ihre Profession keine exakte Wissenschaft ist. Gäbe es ein zuverlässiges Rechenmodell, kämen alle Umfragen zum gleichen Ergebnis und hätten immer recht. In Wirklichkeit bleibt bei jeder Befragung ein großer Rest Unwägbarkeit. Vor der Wien-Wahl entschied das Gros der Meinungsforscher, lieber mit der Mehrheit zu irren als am Schluss womöglich ganz alleine dazustehen. Das ist feig, aber verständlich. Andere tun das auch.


Gezeigt haben wir bloß, wie gut wir aus einer Mücke einen Elefanten machen können.

Als Journalist sollte man sich billige Häme über die Fehler der Meinungsforscher jedenfalls gut überlegen. Sonderlich ruhmreich waren die vergangenen Wochen und Monate auch für uns Fachleute von der vierten Macht nicht. Angeblich sind Medien heute wichtiger denn je, weil sie die Informationsflut im Internet filtern und mit ihrer Expertise dem Publikum helfen, zwischen Wahrheit und Fiktion, Aufklärung und Propaganda zu unterscheiden. So weit die Theorie. Doch dabei ging zuletzt allerhand schief. Gezeigt haben wir bloß, wie gut wir aus einer Mücke einen Elefanten machen können.

„Über die abgrundtiefe Dummheit des österreichischen Journalismus“: Das ist der Titel eines Textes, den der grüne Wiener Landtagsab­geordnete Christoph Chorherr Anfang Juli in seinem Blog veröffentlicht hatte. Im Beitrag prognostiziert er präzise das Ergebnis der Wahl („Die SPÖ wird stark verlieren, aber deutlich die Nummer 1 bleiben. Freiheitliche werden ein paar Prozentpunkte gewinnen, aber deutlich hinter der SPÖ bleiben.“) und macht sich Gedanken über den bevorstehenden Wahlkampf. Wieder einmal würden die Medien „die Schlacht um Wien“ ausrufen, obwohl doch allen klar sein müsste, dass der nächste Bürgermeister Michael Häupl heißen werde. „Massenmedien geben vor, über Politik und Wahlkampf nur zu berichten, in Wirklichkeit konstruieren sie ihn nach ihren Bedürfnissen.“

Christoph Chorherr hat beileibe nicht immer recht. Aber um diesen Beitrag kann man ihn nachträglich nur beneiden. Solche Weissagungen hätten die meisten Journalisten Österreichs jetzt auch gerne in ihrem persönlichen Archiv, die Autorin dieser Zeilen inklusive. Stattdessen rief der mediale Mainstream den politischen Notstand aus und genoss die Angstlust vor einer Machtübernahme der FPÖ. Auch profil war dabei. Am Montag vor der Wahl coverten wir mit einem Foto von Michael Häupl, darunter die Worte „Adieu? Besser nicht!“ Das war, ganz gegen unsere Tradition, eine recht eindeutige Wahlempfehlung für die SPÖ.


Jetzt bleibt alles beim Alten, und die Journalisten hängen ermattet in den Seilen. Puh, war das wieder spannend.

Eigentlich musste jeder wissen, dass weder Heinz-Christian Strache noch Johann Gudenus oder sonst wer aus der blauen Riege realistische Chancen hatte, Bürgermeister zu werden. Dennoch wurde mit größtmöglichem Einsatz eine ernsthafte Bedrohungslage konstruiert, an die wir irgendwann auch selber glaubten. Jetzt bleibt alles beim Alten, und die Journalisten hängen ermattet in den Seilen. Puh, war das wieder spannend.

Auf dem Zeitungsboulevard ist die Aufregung noch am leichtesten erklärt. Die Wien-Wahl hat für die Anzeigenleiter von „Heute“, „Österreich“ und „Kronen Zeitung“ etwa dieselbe Bedeutung wie fünfmal Muttertag für die Blumenhändler. Endlich kommt richtig Geld ins Haus. Laut Berechnungen der Recherche-Plattform „Dossier“ wurden zwischen Anfang August und dem 11. Oktober öffentliche Inserate für insgesamt 17,1 Millionen Euro gebucht. Der Großteil dieser Summe floss in Richtung Boulevard. Am meisten inserierten die SPÖ und die FPÖ. Zufall oder nicht: Die von den Massenblättern publizierten Meinungsumfragen sahen SPÖ und FPÖ in der Wählergunst stets besonders nahe beisammen.

Doch es ging nicht bloß um Geld, so simpel ist es dann doch nicht. Auch die Wiener Stadzeitung „Falter“ wurde, gemessen an ihrem Gesamtbudget, großzügig mit SPÖ-Inseraten bedacht. Daran alleine lag es aber wohl nicht, dass ein sonst kritisches Blatt wochenlang wie weichgespült wirkte. Seitenweise wurden die historischen Leistungen der SPÖ Wien gepriesen. In der letzten Ausgabe vor der Wahl lieferte Herausgeber Armin Thurnher eine ausführliche Handlungsanleitung für alle, die es noch immer nicht kapiert hatten: „Die Basis dieser Stadt zu erhalten oder sie abzuschaffen, darum geht es an diesem Sonntag. Das hat europäische Bedeutung.“


Wenn überhaupt, haben wir Rot und Blau in Wien gestärkt. Und beides ist eigentlich nicht unsere Aufgabe.

Selbstverständlich nützte diese extreme Zuspitzung im Wahlkampf nicht nur der SPÖ, sondern auch der FPÖ. Von einem Duell um die politische Vormacht in Wien sprechen die Freiheitlichen ja schon ziemlich lange. Sie freuten sich bestimmt, dass ihre Idee so gut ankam. Die Medien haben den Vormarsch der Rechten also nicht in einem gemeinsamen Kraftakt verhindert. Wenn überhaupt, haben wir Rot und Blau in Wien gestärkt. Und beides ist eigentlich nicht unsere Aufgabe.

Politikjournalisten können, nein: sollten eine politische Überzeugung haben. Aber die professionelle Distanz darf darüber nicht völlig verloren gehen. Sonst ist der Berichterstatter genauso unbrauchbar wie ein Chirurg, der vor lauter Mitgefühl für den Patienten keinen sauberen Schnitt mehr hinbekommt. Es ist der Job von Journalisten, die Realität abzubilden und zu kommentieren. Es läuft etwas falsch, wenn sie selbst zu Aktivisten werden.

Rund um die Wien-Wahl war das leider ziemlich häufig der Fall. Man kann es, nur zum Beispiel, durchaus erstaunlich finden, dass die Bewohner von Gemeindebauten, früher eine zuverlässige rote Bank, seit ein paar Jahren so zahlreich die FPÖ wählen. Dieser Umstand ist eine Analyse wert. Aber die Herablassung, mit der sich manche Kollegen neuerdings dem ungehorsamen, weil blau-affinen Volk nähern, verblüfft dann doch. Die SPÖ müsse den Leuten wohl demnächst erklären, „dass all das, was sie hier um wenig Geld benutzen, in anderen Städten nicht selbstverständlich ist“, war unter anderem zu lesen. Sind jetzt also die Medien dafür zuständig, Dankbarkeit für eine Partei einzufordern? Ist es da ein Wunder, wenn das böse Wort „Systempresse“ die Runde macht?

Über „Berichterstatter als Stimmungsmacher“ empörte sich vor ein paar Wochen ein Kommentator der „Neuen Zürcher Zeitung“. Gemeint waren die deutschen Kollegen, deren Begeisterung über das Flüchtlings- Sommermärchen zur Kampagne geraten sei. „Einseitigkeit war Trumpf. Die Umarmung der fernen Fremden ging einher mit rabiatem Kommunikationsabbruch dem deutschen Nachbarn gegenüber, der sich nicht auf die kommenden gesellschaftlichen Veränderungen freuen wollte.“
Wir sind also in guter Gesellschaft. Ein Trost ist das nicht.