Wie die Polizei Burgenland Stimmung gegen Roma macht
Auf einer Gstettn neben dem Outletcenter im Parndorfer Retortendorf mit Stores von Amicis, Gucci und Ferragamo, sitzt Antonio Carlos in seinem weißen Wohnmobil der Marke Puccini. Es ist einer von rund 20 Wägen dieser Art, die im Kreis parken und eine Art Pop-Up-Hof bilden, in dem Mädchen und Buben einem Softball hinterherjagen. Die Frauen, die zwischen den Camping-Anhängern auf Wäscheständern Pullover und Socken zum Trocknen aufhängen, sagen, Carlos sei hier der „Chef“. Ihm selbst, einem Mann von 55 Jahren, ausladendem Bauch und gleichmütigem Blick, entlockt dieser Titel lediglich ein halbes Lächeln. Was ihn jedoch im dämmrigen Innenraum seines Puccinis auf dem Sessel herumrutschen lässt, sind die Bilder, die über sein Handydisplay flimmern: Fernaufnahmen seines Wohnwagenparks in einem Social-Media-Posting der „Kronen Zeitung“: „Vorsicht! Polizei Neusiedl warnt vor ‚fahrenden(sic!) Volk‘. (…) Wenn euch etwas verdächtig vorkommt, Kennzeichen merken und sofort die Polizei kontaktieren“, sagt eine Frauenstimme.
Das „Krone“-Posting vom Beginn der Woche ging viral, an die 660.000 Mal wurde es auf Instagram angeschaut, weitere 350.000 Mal auf Facebook. Lediglich den Beitrag über den Toyota, der in Italien als Ferrari verscherbelt hätte werden sollen, haben mehr User gesehen. „Die Leute in Parndorf schauen uns an, als wären wir die Teufel. Madame, wir sind wenig zufrieden damit. Das ist Diskrimination“, sagt Carlos auf Deutsch im Geiste der französischen Sprache und ebensolchem Akzent. Carlos und jene rund 80 Personen, die ihn begleiten, sind Roma aus dem Elsass und „eine Familie“, wie Carlos sagt.
Wortgleiche Aussendung im Vorjahr
Tatsächlich ist der Bericht der „Kronen Zeitung“ über die Gruppe der Roma über weite Strecken eine Abschrift der Polizeimeldung, die am Wochenende publiziert wurde: Seit kurzem würden sich wieder „Angehörige des ‚Fahrenden Volkes‘ im Bezirk Neusiedl am See“ aufhalten, steht da geschrieben. „Die Polizei möchte Sie Sensibilisieren (sic!): Schließen Sie keine ‚Haustürgeschäfte‘ ab.“ Genauso wie: „Lassen Sie keine fremden Personen in ihr (sic!) Haus oder ihre (sic!) Wohnung. Auch nicht, wenn sie (sic!) nur um ein Glas Wasser gebeten werden.“ Oder: „Notieren Sie sich, wenn möglich eventuelle Fahrzeugkennzeichen und Personenbeschreibungen!“
Die Leute in Parndorf schauen uns an, als wären wir die Teufel.
Emmerich Gärtner-Horvath, Vorsitzender des Volksgruppenbeirats der Roma im Bundeskanzleramt sagt: Die Aussendung der Polizei sei „pauschal verurteilend und diskriminierend gegen Roma und Sinti“. Roma sind eine anerkannte Volksgruppe in Österreich sind. Auch der Verein Romano Centro sieht darin „stereotype Zuschreibungen“, die „gezielt Misstrauen, Verdächtigung und soziale Ausgrenzung“ fördern. Auch ausländische Roma- und Sinti-Gruppen protestieren gegen die österreichischen Zustände: Etwa der Niedersächsische Verband Deutscher Sinti zeigt sich „besorgt über die aktuellen öffentlichen und medialen Diskurse im Zusammenhang mit den Vorfällen in Österreich.“ Ebenso die Gleichbehandlungsanwaltschaft, die das Polizeischreiben als „diskriminierend" kritisiert.
Tatsächlich hatte die Polizei ihre Meldung selbst offline genommen. Es sei bisher nichts darüber bekannt, ob es kriminelle Vorfälle rund um die Gruppe gab, so die Polizei. Und: „Diese Vorgehensweise ist in keiner Weise akzeptabel und wird im Rahmen der Dienstaufsicht durch die Landespolizeidirektion Burgenland auch entsprechend untersucht werden. Insbesondere ist der Prozess zu beleuchten, wie es zur Freigabe und somit zur Veröffentlichung dieser Information in dieser Form kommen konnte.“
Was auf den ersten Blick wie ein einmaliger Fehler ausschaut, ist in Wahrheit aber eine Wiederholung: Bereits vergangenes Jahr im Juni, hatte die Polizei Burgenland eine wortgleiche Aussendung veröffentlicht – sie liegt profil vor, genauso wie ein E-Mail der lokalen Grünen vom 23. Juni 2025 an die Polizei. In diesem hatten sich die Grünen über die „antiziganistische Konnotation“ der Aussendung beschwert - und keine Antwort bekommen, sagt Leon Kusztrich, Geschäftsführer der Grünen im Bezirk Neusiedl am See. Die Gemeinden, auch Parndorf, die die Aussendung im Vorjahr der Polizei automatisch auf ihre Webseiten gestellt hatten, hatten diese wieder gelöscht. Auf profil-Nachfrage heißt es von der Pressestelle der Polizei Burgenland: Man wisse nichts vom Schreiben im Vorjahr, werde der Sache aber nachgehen.
„Keine kriminellen Vorkommnisse“
Vergangenes Jahr waren auf der Gstettn neben dem Outletcenter bereits „Kollegen“ gewesen, sagt Antonio Carlos und meint damit eine andere Roma-Gruppe. Das Grundstück, auf dem die Gruppe seit einigen Tagen verweilt, ist ein Stück Land neben dem Pannonia Tower Hotel Parndorf, von dem nicht einmal die Gemeinde so recht weiß, wem es gehört, sagt Wolfgang Kovacs. Seit nahezu zwei Jahrzehnten ist Kovacs Bürgermeister von Parndorf, er gehört der Bürgerliste „Lipa“ an und war einst Kommunist. „Es ist legitim, wenn die Polizei prinzipiell vor Betrügern warnt, das ist ihre Aufgabe,“ sagt Kovacs. „Doch diese Aussendung ist gelinde gesagt misslungen. Uns sind keinerlei kriminelle Vorkommnisse mit dieser Gruppe oder jener, die vergangenes Jahr da war, bekannt.“
Diese Aussendung ist gelinde gesagt misslungen. Uns sind keinerlei kriminelle Vorkommnisse mit dieser Gruppe oder jener, die vergangenes Jahr da war, bekannt.
Bürgermeister von Parndorf
„Wir bieten einfache Reinigungstätigkeiten rund ums Haus an“, sagt Antonio Carlos. „Auch wir müssen von irgendwas leben.“ Aber offenbar hätten viele „die Vorstellung, dass Zigeuner Hühner klauen. Das tun wir nicht, wir suchen Arbeit.“ Die Kinder seien im Homeschooling, sagt Carlos, an einem Ort blieben sie maximal drei Wochen und was sie zum Leben brauchen, haben sie dabei: Waschmaschinen in den Puccini- und Bellini-Anhängern, Kühlschränke vollgefüllt mit Zitroneneisteeflaschen der Marke Rauch, Stromaggregate, Fernseher. Ihre nächste Station sei Wien, sagt Carlos. Dort hatten sie nie Probleme, ebenso wenig wie in St. Pölten oder in Tulln. Dort wurde auch nicht ohne Not vor ihnen gewarnt.