<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Kleines Profil des profil-Gründers

Ein subjektiver Nachtrag zum Jubiläumsheft: das dauerhafte Erbe des Oscar Bronner.

Als Kolumnist des profil ist man am Wochenende dessen ganz gewöhnlicher Leser. Als ich die Jubiläumsausgabe zum 40. Geburtstag von profil durchgeblättert habe, ist mir aufgefallen, dass ein Name darin zwar besonders häufig vorkommt – doch ohne, dass er sich mit einem Menschen verbände: Oscar Bronner wurde nur noch von einem der heutigen profil-Redakteure kurz als „Eigentümer“ erlebt.

Ich bin zwar auch nicht mehr sein Freund, aber ich kenne ihn doch, seit er 15 war, und will daher versuchen, den profil-Gründer etwas plastischer zu machen.

So hätte ich schon damals nicht sagen können, ob er „rechts“ oder „links“ war, obwohl wir endlos politisierten, wenn hübsche Mädchen uns zuhörten. Außenpolitisch war er wie ich ein kalter Krieger, innenpolitisch einte uns die ­Abneigung gegen „Verstaatlichung“, die die SPÖ mit „Vergesellschaftung“ verwechselte – aber wir saßen lieber mit ­sozialistischen Mittelschülern als mit Kartellbrüdern zu­sammen.

Irgendwann landeten wir beide beim „Kurier“: ich als Gerichtssaalberichterstatter, er eher kurz und als Außenseiter. „Unten steht ein Lastwagen und lädt Bücher ab – der Bronner schreibt einen Einspalter“, spotteten die Kollegen über seine Neigung, auch 10-Zeilen-Storys akribisch zu ­recherchieren. profil konnte nur eine Zeitschrift werden, in der Recherche die entscheidende Rolle spielte.

Doch vorerst wollte Bronner mit einer Werbeagentur Geld verdienen. Sie hatte gerade ihren ersten größeren Auftrag erhalten, als er mir vorschlug, zu ihm zu wechseln: „Du könntest unsere deutsche Filiale leiten.“

Es ist dies Bronners wahrscheinlich wichtigste Qualität als Gründer: Er zweifelt keine Sekunde am durchschlagenden Erfolg seines Projekts. Im Kleinen kann er sich als Kaufmann erstaunlich ungeschickt verhalten – im Großen trifft er präzise ins Schwarze. „Die Wirtschaft braucht für ihre Inserate eine Hochglanzzeitschrift, die von Wirtschaftstreibenden gelesen wird“, analysierte er den Medienmarkt, nahm eine Hypothek auf sein Haus auf und gründete den „trend“.

„Du könntest mein Chefredakteur sein“, bot er mir an, aber mir fehlte sein Mut. „Ich habe gerade geheiratet – mir ist das zu viel Risiko“, gab ich zur Antwort und empfahl ihm Jens Tschebull. „Der ist gerade wegen Unfähigkeit gekündigt worden – ein wirklich guter Mann.“

Tschebull wurde statt mir Chefredakteur des „trend“, und der machte von der ersten Nummer weg Gewinn – den Bronner sofort zur Gründung des profil nützte: „Jetzt machen wir richtig Zeitung.“

Macht er sie heute im „Standard“ tatsächlich selbst, so ließ er „trend“ und profil von Tschebull und mir machen. Nur wir bestimmten, was zum Druck befördert wurde. Als wir für die Umschlagseite einen ersten Jahresauftrag für Farb­inserate des Milchwirtschaftsfonds erhielten, rückten wir eine 4-Zeilen-Meldung über einen Protektionsjob für den Sohn seines damaligen Leiters ins Blatt, und der Jahresauftrag war weg. Bronner zuckte nicht mit den Wimpern.

Dass profil die „trend“-Gewinne ständig aufzehrte, war ihm restlos egal. Er gründete Medien nicht, um reich zu werden. „Österreich braucht ein unabhängiges Nachrichtenmagazin, das Packe­leien aufdeckt“, hatte er gesagt, und obwohl es seit Jahrzehnten die „Wochenpresse“ gab, ging er davon aus, dass profil das österreichische Nachrichtenmagazin sein würde – und demnächst das wichtigste Magazin des deutschen Sprachraums.

Leider war er nicht mehr an Bord, als sich diese Chance tatsächlich bot: Ich hatte eine Kooperation mit dem „Economist“ ausgehandelt, die uns erlaubt hätte, für ganze 30.000 Euro im Jahr jeden beliebigen „Economist“-Text zeitgleich in einer Übersetzung zu veröffentlichen – aber Redaktion und Geschäftsführung hatten für so viel Internationalität nichts übrig. (Mein Frust darüber war der eigentliche Hintergrund meines Abschieds.) Bronner – das unterschied ihn von allen heimischen Zeitungszaren – dachte grundsätzlich international: An „Time“ und „Spiegel“, nicht an der „Wochenpresse“ sollten wir uns messen.

Auf einem 30- bis zehnmal kleineren Markt ist das nicht so leicht, denn auch die Erlöse sind 30- bis zehnmal kleiner. Das wöchentliche profil hatte zu meiner Zeit 17 Angestellte – der Spiegel 300.

Aber Bronner hatte die Fähigkeit, seine Mitarbeiter maximal zu motivieren: Sie „mussten“ nicht, sie „durften“ für ihn arbeiten. In meinem Fall in den ersten Jahren nie unter 80 Wochenstunden. Zum Ausgleich hatte er uns eine Beteiligung in Aussicht gestellt, aber immer wieder hinausgeschoben. Das rächte sich, denn plötzlich beschloss die „Kronen Zeitung“, in Kooperation mit der „Zeit“ ein Gegen-profil her­auszubringen, und im „Kurier“ gab es mit „Ecco“ bereits ein wöchentliches Wirtschaftsmagazin. Beide Großverlage boten profil- und „trend“-Redakteuren Handgelder für einen Wechsel, und erstaunlich viele wollten ihn vollziehen.

Jetzt erst bot Bronner Tschebull und mir als eisernen Getreuen 50 Prozent des Verlags an, die wir an die Kollegen weiterverteilten, um sie an Bord zu halten. Denn gleichzeitig hatte ich über Gerd Bacher Kontakt zur Industriellenvereinigung hergestellt, die anbot, den ganzen Verlag durch den „Kurier“ zu kaufen und die Unabhängigkeit seiner Magazine durch ein Statut zu garantieren.

Aber Bronner hatte genug von Journalisten, „die bereit sind, die größte journalistische Freiheit gegen ein Handgeld zu tauschen“, und zog sich als Maler nach New York zurück. Bis zur Gründung des „Standard“.

peter.lingens@profil.at