Eine Demonstration anl. der Räumung des Protestcamps von Umweltschützern auf der geplanten Baustelle der Wiener Stadtstraße

Eine Demonstration anl. der Räumung des Protestcamps von Umweltschützern auf der geplanten Baustelle der Wiener Stadtstraße

© APA - Austria Presse Agentur

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02/02/2022

Aufräumarbeiten im Lobau-Camp

Das Protestcamp in Wien-Donaustadt ist weg. Nicht aber die Sorge der Umweltschützer um das Klima und die Zukunft. Die Kirche plagt sich derweil mit ihrer Vergangenheit.

von Edith Meinhart

Waren Sie schon einmal in einem aufgelösten Protestcamp? Ich auch nicht. Aber mein Kollege Thomas Hoisl ist gerade vor Ort, um seine Reporternase in den scharfen Schluss mit Lustig-Wind zu halten. Ich stelle es mir wie die Location nach einer Party vor, die aus dem Ruder gelaufen ist, nur dass geselliges Zusammensein normalerweise nicht mit 48 Verhaftungen endet. So geschehen am Dienstag in Wien-Donaustadt. Die Polizei hatte stundenlang zu tun, auch weil sich zwei Männer an einem Eisenrohr angekettet hatten – sie wurden unfallfrei geborgen –, und weil Protestierende auf Bäume kletterten, um sie vor den Holzfällern zu retten.

Einige Bäume mussten bereits dran glauben. In Summe will die Stadt Wien – Eigentümerin des umkämpften Grund und Bodens – 380 davon einer lange geplanten, durch alle Instanzen genehmigten Stadtstraße opfern. Wie es aussieht, werden sich die „LobauBleibt“-Aktivistinnen und Aktivisten nicht so schnell geschlagen geben. Mein Kollege wird berichten, wie es mit ihrem Protest weitergeht, bei dem es um nicht weniger als ihre Zukunft geht, die sie durch den Klimawandel bedroht sehen. Straßen zu bauen, also weiter zu machen wie bisher, ist für sie schlicht nicht die richtige Antwort. Was aber sonst? Das Protestcamp könnte sich als Auftaktveranstaltung einer heftiger werdenden Auseinandersetzung erweisen. Denn der Verkehr sorgt für fast 30 Prozent der gesamten CO2-Emissionen der EU; 72 Prozent davon entfallen auf den Straßenverkehr.

Auch die Kirche hat mit dem „Weitermachen wie bisher“ ihre liebe Not. Und das nicht erst seit gestern. Gut möglich, dass hohe Würdenträger liebend gerne sich zur Abwechslung einmal Sorgen um ihre Zukunft machen würden. Doch in der von Papst Franziskus angeführten „einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche“ gehen die Uhren anders – „rückwärts“ böte sich an dieser Stelle an, hat man doch immer noch alle Hände voll mit der Vergangenheit zu tun. „Jetzt, langsam auch am Ende meines Lebens, frage ich mich: Schweigt man und nimmt man alles mit ins Grab? Oder gilt der Satz der Heiligen Schrift: 'Die Wahrheit wird euch freimachen?'“, fragte der deutsche Pfarrer Michael Imlau, als ich ihn vergangene Woche in Hamburg besuchte.

In seinen privaten vier Wänden offenbarte er jene bisher unveröffentlichte Korrespondenz, die er Anfang der 1980er-Jahre mit dem damaligen Kardinal Joseph Ratzinger und späteren Papst Benedikt XVI. hatte. Er sei, sagt Imlau, vom einstigen Sekretär des Kardinals sexuell bedrängt worden, habe das gemeldet und dafür mit beruflichen Nachteilen bezahlt. Der heute 70-Jährige las nicht nur aus den Ratzinger-Briefen vor, sondern gewährte ziemlich seltene Einblicke in das Innenleben der Kirche. Und weil er unterhaltsam zu erzählen weiß, gibt es das Gespräch nun als Podcast zum Nachhören.

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche,

Edith Meinhart

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