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12/22/2020

Von "Freitesten" und anderen Unworten

Guten Morgen!

von Siobhán Geets

Manuel Parada wollte nur eines: Seinen Kunden zu vollerem Haar verhelfen. Doch die Sache ging ordentlich schief.

Anfang Dezember war der Frisör aus einem Dorf im spanischen Extremadura mit 17 seiner Kunden in die Türkei geflogen, um sich dort Haarimplantate setzen zu lassen. Als die Gruppe zurückkam, wurden fast alle positiv auf das Coronavirus getestet. Die Reiserückkehrer waren sogenannte Super-Spreader: Hunderte Kontaktpersonen mussten isoliert werden, mittlerweile hat auch die Volksschule in dem Dorf geschlossen.

„Super-Spreader“, „Cluster“, „Lockdown“ – das sind alles Begriffe, die vor 2020 selten, heuer aber umso inflationärer genutzt wurden. Haben Sie sich schon einmal überlegt, ob und bei welcher Gelegenheit Sie vor der Pandemie Worte wie „Herdenimmunität“ oder „Aerosole“ in den Mund genommen haben?

 

Genug Auswahl an Unworten

In Neuseeland wurden soeben die Worte des Jahres gewählt. „Doomscrolling“ hat es auf den ersten Platz geschafft. Der Begriff meint das Scrollen am Handy über katastrophale Nachrichten – eine Beschäftigung, die wohl die Meisten von uns nur allzu gut kennen. „Bubble“ ist zweitplatziert, auch „Covidiot“ und „Lockdown“ waren unter den ersten zehn.

Für die Gesellschaft für deutsche Sprache ist „Corona-Pandemie“ das Wort des Jahres. Besonders einfallsreich ist das nicht. Dabei gibt es genug Auswahl vor allem an Unworten, also unsympathischen Begriffen, die nicht mehr wegzukriegen sind.

Warn-App ist so eines, Mindestabstand und systemrelevant. Alte Menschen und solche mit chronischen Krankheiten sind plötzlich „vulnerabel“. Der Begriff Geisterspiel (für Fußballmatches in leeren Stadien) schaffte es bei den Deutschen zumindest auf Platz 8.

In Österreich ist „Babyelefant“ das Wort des Jahres 2020. Der arme Elefant. Eigentlich sind Elefantenkälber ja etwas Entzückendes. Jetzt assoziieren wir damit Mindestabstand und missglückte Pressekonferenzen mit schlechtgelaunten Kleinkindern im Elefantenkostüm. Werden wir je wieder „Babyelefant“ sagen können, ohne dabei an Viren denken zu müssen?

Sprache ist eben nichts Statisches, werden die Linguisten jetzt sagen, sie entwickelt sich ständig weiter und passt sich an unsere Erfahrungen an. Für die Corona-Pandemie bedeutet das nichts Gutes. Das Unwort des Jahres in Österreich ist übrigens „Corona-Party“. Schon wieder wird uns ein an sich positiver Begriff madig gemacht. Das gilt auch für den „Hotspot“ – schließlich gibt es Hotspots auch für schöne Dinge, Kultur etwa. Im Krisenjahr sind sie uns abhanden gekommen. Selbst das Wort Corona hat eigentlich eine positive Konnotation. „Strahlenkranz der Sonne“ heißt es, aber an Himmelskörper wird dabei niemand mehr denken.

 

Pandemie-Monopoly

Mein persönliches Unwort des Jahres ist übrigens „Freitesten“, ich musste dabei sofort an Gefängnisse denken. Freitesten, das hat etwas Totalitäres, das klingt eher nach Gulag als nach Freibier oder Gratistests.

Und so ist es ja auch gemeint: Wer ab dem 18. Jänner wieder in Restaurants oder Museen gehen will, muss einen negativen Corona-Test vorweisen. Eines muss man der österreichischen Regierung schon lassen: In den Lockdown- und Corona-Bestimmungen lässt sie sich einiges einfallen. Der Lockdown-Herbst, der nun in den Lockdown-Winter übergeht, fühlt sich an wie eine Mischung aus Hürdenlauf, Escape-Spiel und Pandemie-Monopoly („Sie waren mit einem Infizierten im Kaffeehaus. Ab in die Quarantäne! In fünf Runden haben Sie die Möglichkeit, sich freizutesten.“).

Die Deutschen sind da weniger originell.

Dem Frisör aus Extremadura geht es übrigens gut, wahrscheinlich hatte er einen „milden Krankheitsverlauf“ oder war gar „asymptomatisch“. Der Frisör und seine Kunden fühlen sich ungerecht behandelt, weil alle den Ausbruch in ihrem Dorf auf sie zurückführen. Es sei alles sehr belastend, sagte der Barbier zu einer spanischen Zeitung. Er hoffe, dass der ganze Stress nicht dazu führe, „dass uns die Haare ausfallen“. Dann wäre der Trip in die Türkei umsonst gewesen. 

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