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03/01/2022

Putins monomanische Schlacht: Das Schreien der Kühe

Putins Lehrmeister war, so Heinz Fischer, Stalin. Wo die Ursprünge seiner Grausamkeit liegen könnten.

von Angelika Hager

Guten Morgen!

„Das Leben ist eine einfache und grausame Sache,“ betitelte Wladimir Putin einen für seine Verhältnisse sehr persönlichen Aufsatz über sein Heranwachsen in der Zeitschrift „Russkij pioner“ aus dem Jahr 2015, den unter anderen die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ in der Übersetzung nachdruckte. Dort beschwört er die Tragödien seiner Familie während der Leningrader Blockade wie Kriegsverletzungen und einen Hungerstod, dem seine Mutter nur knapp entging. Die Erzählung diente auch dazu, der DNA, der er entstammt, das sowjetische Gütesiegel von Heldentaten und Leidensfähigkeit zu verpassen. Dieser Artikel mit all seiner geschönten und verlogenen Offenheit erzählt von einer Charaktereigenschaft, die Wladimir Putin zum Status des gegenwärtig brutalsten Teflon-Typen dieses Planeten verholfen hat: Pseudologie nennt man jene Störung, die Menschen so symbiotisch mit ihren Lügen werden lässt, dass sie die ihrem gesamten Umfeld als Wahrheit aufzwingen wollen. Man könnte diese Methode auch unter dem Begriff Propaganda zusammenfassen.

Was Putins Fake-Kindheitslegende betrifft, war er, wie er konsequent verschweigt, der uneheliche Sohn  einer jungen Technikstudentin und eines anderwertig verheirateten Mannes und wurde mit neun Jahren (als seine Mutter eine neue Familie gründete) in Pflege gegeben. Ein Journalist, der nahe dran war, Putins Märchen-Version zu enttarnen und den Ursprung dessen Minderwertigkeitskomplexes (nämlich das ungeliebte, belastende Kind einer Frau zu sein, die ihn so bald wie möglich los werden wollte) offen zu legen, lebt heute nicht mehr.

Wahrscheinlich ein Unfall.

„Putin hat ordentlich von Stalin gelernt, erklärt Alt-Bundespräsident Heinz Fischer in einem Interview mit Christa Zöchling in der aktuellen Ausgabe, die sich in 32 Seiten in Reportagen, Analysen, Gesprächen und Kommentaren mit dem - alle Medien und all unsere Ängste dominierenden - Thema auseinandersetzt. Fischer hat Putin insgesamt acht Mal getroffen und attestiert ihm einen Persönlichkeitswandel: „Er hat kaltblütig die Unwahrheit gesagt... Ich glaube, Putin hat sich verändert. Seine Ziele setzt er, das höre ich, allein und autoritär fest.“

Dabei hatten alle den Mann mit der Poker-Grimasse zwar schon als ein bisschen schaurig, aber auch als ziemlich glamourös empfunden. Der Hofknicks der damaligen Außenministerin Karin Kneissl bei ihrer Hochzeitsfeier vor ihrem Stargast Putin war der auch schon damals beschämende Tiefpunkt dieser Faszination gewesen. Zöchling analysiert in ihrem Essay „Was für ein Irrtum“ auch das Putin-Versteher-Land-Österreich und die Beweggründe für den quer durch alle Lager praktizierten Kuschelkurs mit dem Diktator.

Robert Treichler analysiert in seinem Leitartikel „Der Kampf um die freie Welt“, wie wir die Schlacht gegen die Autokratie schlagen können, und warnt: „Es wird mühsam, kostspielig und opferreich.“

Das perfekte Stichwort, um den Amerikaner Bill Browder, den Erfinder der personengebundenen Sanktionen, die von der EU gegen Putins Umfeld verhängt werden, per Interview zu Wort kommen zu lassen. Unserer London-Korrespondentin Tessa Syszkowitz erzählte der Unternehmer und scharfe Putin-Kritiker: „Wenn wir Putin treffen wollen, dann müssen wir sein persönliches Vermögen aufspüren.“

Dass das Leben „eine einfache und grausame Sache ist”, müssen jetzt auch die ukrainischen Kinder erfahren.

Wenn in der Morgendämmerung die ersten Warnsirenen dröhnen, sagen manche zu ihren Müttern: „Mama, die Kühe schreien schon wieder.“ Das macht weniger Angst als die Wahrheit. Dann gibt es oft kein Frühstück, sondern es geht direkt in die Bunker, Keller oder U-Bahnstationen.

Wie Sie Ihren Kindern und Enkeln den Krieg erklären, ohne zu lügen und traumatisieren, wird eines der vielen Themen werden, die Sie in unserer nächsten Ausgabe lesen können.

Eine Möglichkeit, mit diesem Krieg fertig zu werden, ist die, darüber zu schreiben.

Eine andere, so hoffen wir zumindest, darüber zu lesen.

Ihre

Angelika Hager

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