<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Die Anstandsdame

<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Die Anstandsdame

Monika Lindner, die wildeste Abgeordnete seit Erfindung der Politikverdrossenheit, bricht im nie geführten Interview endlich ihr Schweigen!

profil: Frau Abgeordnete …, darf man Sie eigentlich schon so ansprechen?
Lindner: Man muss!

profil: Verstehe. Also, Frau Abgeordnete, zuerst einmal möchte ich mich bedanken, dass Sie profil dieses Exklusiv-interview geben. Noch dazu in Ihrem wirklich wunderschönen Penthouse.
Lindner: Das ist nicht mein Penthouse.

profil: Was dann?
Lindner: Mein Hochstand.

profil: Ah! Deshalb ist es wohl auch so kühl hier.
Lindner: Das liegt sicher am Hauch der Macht, der mich umgibt. Setzen S’ Ihnen da her, da wird Ihnen gleich wärmer.

profil: Das ist ein … Elefantenfuß?
Lindner: Den hab ich mir im Zuge einer hochinteressanten Studienreise zum staatlichen Fernsehen in Simbabwe selbst geschossen. Mit einem Raketenwerfer. Und mein Präparator hat mir dann noch eine Sitzheizung eingebaut.

profil: Schönes Stück. Und haben Sie sich dort auch vom Simbabwe-TV etwas abgeschaut?
Lindner: Wenn Sie meine Amtszeit als ORF-Chefin aufmerksam verfolgt hätten, dann würden Sie diese Frage nicht stellen. Wobei der Erwin ja immer gesagt hat: Das ist ja alles recht gut und schön mit diesem Mugabe – aber man kann es mit dem Pluralismus auch übertreiben.

profil: Nun, Frau Abgeordnete, in Österreich herrscht in Bezug auf Sie gerade flächendeckend die Meinung vor: Das ist der Gipfel!
Lindner: Das ist er auch zweifellos: der Gipfel meiner Karriere.

profil: So kann man es natürlich auch sehen.
Lindner: Man muss! 270.000 Stimmen für das Team Lindner! Jede einzelne davon das papiergewordene, inbrünstige Flehen der mich begreiflicherweise vergötternden Volksmassen: Monika, wir wissen, es ist eine schwere Bürde, die wir dir da aufoktroyieren. Und wir wissen, es ist saumäßig bezahlt. Aber bitte: Tu es für Österreich!

profil: Und dabei haben Sie ja nach Ihrem Rücktritt noch vor Ihrem Antritt überhaupt keinen Wahlkampf gemacht.
Lindner: Wer sagt denn so was? Ich hab bitteschön den besten Wahlkampf von allen Kandidaten gemacht! Exakt auf meine Person zugeschnitten. Meine PR-Beraterin hat gesagt: Monika, halt unter allen Umständen die Goschen! Und Recht hat sie gehabt.

profil: Sehr gewieft! Wenn Frank Stronach das auch gemacht hätte, dann hätte er mehr Erfolg gehabt.
Lindner: So ist halt die ganze Last auf meinen Schultern gelegen.

profil: Aber … haben Sie sich eigentlich selbst gewählt? Oder doch die ÖVP?
Lindner: Das nervt mich total, dass immer alle behaupten, ich sei irgendwie ÖVP-nahe! Woher kommt das nur?

profil: Nun ja … Ihre größte journalistische Tat war „Willkommen Österreich“, dieses lauwarme Vorabend-Fußbad für Stützstrumpfträgerinnen, die auf der Fernbedienung nie mehr als zwei Knöpfe gefunden haben. Aufgrund dieser Höchstleistung sind Sie Intendantin des Landesstudios Niederösterreich geworden – also praktisch des Grals des parteiunabhängigen Fernsehens. Und dann, unter Schwarz-Blau, ORF-Generalin.
Lindner: Und?

profil: Ich wollte damit sagen: Ich habe auch keine Idee, wie da jemand eine ÖVP-Nähe herbeifantasieren kann.
Lindner: Spätestens jetzt, wenn ich dann als wilde Abgeordnete so richtig … wild bin, werden alle Kritiker verstummen müssen.

profil: Was sind denn Ihre Pläne als Abgeordnete? Welche Problemfelder werden Sie zuerst angehen?
Lindner: Die Politikergagen. Die sind ein Skandal!

profil: Ja?
Lindner: Ja! Manche aus dieser unerträglichen, ehrlosen Neidgesellschaft behaupten ja, meine Bezüge dürften nicht die mir mit jedem Recht der Welt zustehenden 19.000 Euro umfassen, sondern müssten bei 13.000 Euro gedeckelt werden. Das regt meine Wähler irrsinnig auf!

profil: Dabei ist es ja schon ein Wahnsinn, dass Sie für Ihre elendslangen fünf Jahre als ORF-Chefin nur 7000 Euro Zusatzpension bekommen.
Lindner: Darum wollte ich ja unbedingt in die Politik: Es läuft so vieles falsch in unserem schönen Land!

profil: Aber als wilde Abgeordnete sitzen Sie in keinem Ausschuss und Sie können eigentlich überhaupt nichts bewegen.
Lindner: Und was, wenn ich das Ganze tatsächlich für die ÖVP täte? Und mir der Erwin gesagt hätte: Nimm’s an, Monika – dann simma eine mehr?

profil: Dann würde ich sagen, dass angesichts der Sympathiewelle, die Sie gerade überschwemmt, selbst der ÖVP selten ein größerer Schuss ins eigene Knie gelungen ist.
Lindner: War eh nur ein Scherz! Ah, da schauen S’ einmal, da draußen: eine Rotte Wildschweine.

profil: Lieb! Aha, jetzt stellen sie sich alle in eine Reihe. Und jetzt … Oje! Jetzt haben sie sich kollektiv angespieben.
Lindner: Keinen Anstand, diese Mistviecher.

rainer.nikowitz@profil.at