Rechtsextreme Influencerinnen: Butter Yellow statt Springerstiefel
Roberto Blanco schaut etwas verdutzt zwischen Bildrand und dem Mädchen hin und her, das ihn interviewt. Er sitzt in einem Zelt am Wiener Stephansplatz, wo die FPÖ an einem Samstag im Juni ihr 70-jähriges Bestehen feiert.
Lea hält das Mikrofon des rechtsextremen deutschen Magazins Compact. Kurz darauf interviewt die unter 18-Jährige den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán im Gehen, später die AfD-Vorsitzende Alice Weidel. Rein optisch schreit hier nichts nach Extremismus. Leas Kleid ist in der Trendfarbe Butter Yellow gehalten, die Uhr roségold, die Handyhülle Magenta-Pink. Keine Tracht, keine Flechtfrisur.
Und doch unterscheidet Lea etwas von den meisten Jugendlichen ihres Alters. Während sich Gleichaltrige auf TikTok gegenseitig als „Mäuse“ begrüßen, sagt Lea in Interviews, sie werde vom deutschen Verfassungsschutz beobachtet, weil sie keine Lust auf „Schwulenfilme“ in der Schule habe.
Gemeinsam mit Alice Weidel und Compact-Videochef Paul Klemm veröffentlicht sie in Wien ein Video. Im Hintergrund läuft der virale Song „Du bist genug“, darüber steht in pinken Lettern: „Du bist gut genug! (Auch wenn dich der VS beobachtet).“ VS, das steht für Verfassungsschutz. Mittlerweile haben sich die Produzenten des Songs, KitschKrieg, gegen dessen Nutzung ausgesprochen. Mehr als 400.000 Menschen haben das Video dennoch angesehen.
Lea passt nicht zu dem Bild, das viele noch immer von Rechtsextremismus haben. Genau darin liege aber ihre Stärke, sagt die Politikwissenschaftlerin und Extremismusforscherin Judith Goetz von der Universität Innsbruck.
„Rechte Frauen hat es grundsätzlich immer gegeben. Sie haben immer sehr stark vom gesellschaftlichen Sexismus profitiert, weil Frauen oftmals als politische Subjekte nicht so ernst oder nicht so gefährlich wahrgenommen werden.“ Dass rechte Frauen lange kaum sichtbar waren, liege auch an einem gesellschaftlichen Missverständnis. Social Media habe rechtsextreme Influencerinnen sichtbarer gemacht. Neu sei das Phänomen deshalb nicht.
Das neue Frauenbild der extremen Rechten
Frauen würden nach wie vor oft nicht sofort als extremistisch wahrgenommen. Das werde auch gezielt eingesetzt, so Goetz. Gerade junge Frauen wie Lea seien deshalb für rechtsextreme Bewegungen besonders interessant.
Dabei gehe es nicht einfach um eine Rückkehr in die Vergangenheit. „Was wir im modernisierten Rechtsextremismus sehr stark erleben, ist eigentlich ein auf die Gegenwart ausgerichteter Entwurf von Weiblichkeit. Eine konservative, traditionelle Weiblichkeit in der modernen Gesellschaft.“
Auch die Ästhetik sei Teil dieser Strategie. Sie greifen aktuelle Trends auf, etwa Polkadots, die Trendfarbe Butter Yellow, Dupattas, Business-Casual-Kleider – kein Schwarz, nichts, das die Influencerinnen optisch von einer modebewussten Konfirmantin unterscheiden würde.
„Es geht vor allem darum, ästhetisch ansprechende Bilder zu produzieren. Schönheit, Natur, Familie, Weiblichkeit, Heimat. Und diese scheinbar unpolitischen Bilder können dann sehr schnell mit politischen Botschaften aufgeladen werden“, so Goetz.
Lea ist kein Einzelfall
Lea ist eine besonders junge Vertreterin dieses Frauenbildes. Über Lea ist öffentlich kaum mehr bekannt als ihr Instagram-Account „maedelmitmeinung“. Das Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg bestätigt ihre Beobachtung nicht und verweist darauf, grundsätzlich keine Angaben zu Minderjährigen oder Einzelpersonen zu machen.
Seit August 2025 produziert die Schülerin Inhalte für Compact. Begonnen haben dürfte die Zusammenarbeit mit einem zweiwöchigen Praktikum. Heute interviewt sie AfD-Politiker, Viktor Orbán oder rechte Influencer. In einem Video nennt Compact-Videochef Paul Klemm sie die „jüngste Rechtsextremistin Deutschlands“. Begründet wird das unter anderem damit, dass sie Inhalte der Identitären Bewegung Bayern teile. Sie selbst sagt, sie fühle sich nicht ausgenutzt.
„Sie wird so ein bisschen als authentische Sprecherin und als besorgte Jugend inszeniert“, sagt Goetz. „Und gleichzeitig steckt dahinter eine klare rechtsextreme Agenda.“
Damit ist sie nicht allein. Lea ist für Goetz Ausdruck eines größeren Trends.
Das Netzwerk Lukreta
Rund um die AfD ist in den vergangenen Jahren ein Netzwerk rechter Influencerinnen entstanden. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Frauengruppe Lukreta. Auch Lea teilt deren Inhalte und kooperiert mit Akteurinnen aus dem Umfeld.
Die Gruppe wirbt für den neurechten Kampfbegriff der Remigration und stellt Gewalt gegen Frauen fast ausschließlich als importiertes Problem dar.
Goetz sieht darin eine politische Strategie. Gewalt gegen Frauen werde auf Migration reduziert. Dass der gefährlichste Ort für Frauen statistisch nach wie vor das eigene Zuhause sei, spiele in diesen Erzählungen kaum eine Rolle.
Die Internationale
Eva Vlaardingerbroek ist eines der internationalen Gesichter dieser Szene. Zunächst war die 29-jährige Niederländerin Mitglied der rechtsnationalen Partei Forum voor Democratie. Nach dem Bruch mit der Partei arbeitet sie heute als Influencerin und Rednerin. Bekannt wurde sie während der europäischen Bauernproteste 2023. Heute tritt sie bei rechtsextremen Networking-Events auf, verbreitet den Kampfbegriff des „Großen Austauschs“ und bewegt sich im Umfeld des österreichischen Rechtsextremisten Martin Sellner. Im Jänner war sie zu Gast bei Nationalratspräsident Walter Rosenkranz (FPÖ), im selben Monat verweigerten ihr die britischen Behörden die Einreise.
Der Widerspruch in Vlaardingerbroeks Aktivismus: Sie wirbt für eine Bewegung, in der führende Akteure grundlegende politische Rechte von Frauen infrage stellen.Beim Treffen der portugiesischen ultranationalistischen Gruppe Reconquista erklärte deren Gründer Afonso Gonçalves etwa, das Frauenwahlrecht sei „das Schlimmste“, das der westlichen Zivilisation in den vergangenen hundert Jahren passiert sei.
Gonçalves zählt gleichzeitig zu den Mitinitiatoren des „Save Europe Act“, einer sogenannten Europäischen Bürgerinitiative. Hinter der Kampagne steht ein Netzwerk rechtsextremer Aktivistinnen und Aktivisten. Neben Martin Sellner wird auch Eva Vlaardingerbroek regelmäßig als prominentes Gesicht der Initiative beworben.
Warum das funktioniert
„Jugendliche bekommen sehr früh mit: Um diese Welt ist es nicht gut bestellt. Es gibt Kriege, Klimakrise, ökonomische Krise, Krise am Wohnungsmarkt. Für bestimmte junge Frauen wird dann der Wunsch nach einem starken Ernährer zu einem Ausweg“, sagt Goetz.
Auch der feministische Backlash – die Vereinten Nationen sprechen von einem „Backlash gegen Geschlechtergerechtigkeit“ – habe auch vor rechten und rechtsextremen Bewegungen nicht Halt gemacht. Gleichzeitig dürfe das Bedürfnis nach Familie oder einem anderen Lebensmodell nicht vorschnell als rechtsextrem abgetan werden.
„Man muss ernst nehmen, dass viele sich einfach mehr Zeit für Kinder, Familie und soziale Beziehungen wünschen und nicht die ganze Zeit nur arbeiten, arbeiten, arbeiten und erschöpft sein wollen“, sagt Goetz.
Genau dort setzen rechtsextreme Influencerinnen an. Sie verbinden diese Sehnsucht mit einer politischen Erzählung.
Österreich
In Österreich funktioniere das rechtsextreme Spektrum anders als in Deutschland. Hier brauche es weniger außerparlamentarische Influencerinnen, denn viele Akteurinnen und Akteure würden direkt innerhalb der parlamentarischen Rechten, der FPÖ, Platz finden.
„Durch diese starke Verankerung der FPÖ gibt es dort politische Jobs und Posten. Aus rechtsextremer Sicht ist es heute attraktiver, zur FPÖ zu gehen“, so Goetz.
Das weiß jetzt auch Roberto Blanco.