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Bauer sucht Politik: Staffel III, Folge 2
05/15/2022

Reportage vom ÖVP-Parteitag: Alles neu macht der Mai?

Türkiser Wechsel-Parteitag in Graz. Sebastian Kurz hat glasige Augen, die Volkspartei hat einen Karl.

von Gernot Bauer

Der erste Witz war etwas schräg. Zu Beginn des ÖVP-Bundesparteitags am Samstag in Graz griff Karl Nehammer zum Mikrofon und verlieh seiner Freude über die verstopfte Helmut-List-Halle Ausdruck: „So viele in so einem kleinen Raum heißt auch so viele Viren, aber jetzt kümmert es uns nicht mehr – schön, dass ihr da seid.“ Vor zwei Jahren wollte Nehammer die Corona-Infektionsketten noch „mit der Flex“ durchschneiden. Da war er Innenminister. Als Kanzler ist er softer. Ob sich die Viren ihrerseits nicht um den Parteitag kümmerten, wird sich in den kommenden Tagen weisen.

Ob mit oder ohne Corona: Die tausend Delegierten, Funktionäre und Gäste des ÖVP-Bundesparteitags waren bester Stimmung, darunter auch ein älterer und ein jüngerer Altkanzler. Peter Madlberger, Moderator des Parteitags, Typ begeisterungsfähiger Hüttenwirt aus dem Ennstal, bat beide zum gemeinsamen Interview auf die Bühne. Der Parteitagsregie gelang dabei ein Move vom Feinsten. Nicht der jüngere Altkanzler, Sebastian Kurz, attackierte in wilder Frische die Justiz, sondern der ältere, Wolfgang Schüssel, der dazu auch einen typischen Schüssel-Spruch aus dem Jungschar-Kalender lieferte: „Pessimist ist der einzige Mist, auf dem nichts wächst.“ Der profil-Reporter würde anfügen: Kompost ist die einzige Post, die nicht allen was bringt.

Karl bleiben, Kanzler bleiben

Sebastian Kurz plauderte nur über Privates, etwa über die Herausforderung, bei Geschäftsreisen – der Ex-Kanzler verbringt 20 Tage pro Monat im Ausland – ein Baby dabei zu haben. Wer einmal Chef der Familienpartei ÖVP war, schafft auch das. Dann gab es Standing Ovations. Wenn sich der profil-Reporter nicht ganz täuschte, hatte der abgehende ÖVP-Chef glasige Augen. Der Moderator wünschte ihm „Gottes Segen für die Zukunft“, was bei Geschäftsreisen nie schaden kann. Seinem Nachfolger gab Kurz nur einen Rat mit: „Der Karl soll so bleiben, wie er ist.“ Die ÖVP hofft, dass der Karl bleibt, was er ist, nämlich Bundeskanzler.

Nehammer selbst sprach insgesamt eine Stunde, doppelt so lang wie geplant. Vielleicht wollte er seinen Auftritt auskosten. Oft hat ein durchschnittlicher Obmann ja nicht die Gelegenheit, bei Parteitagen zu sprechen, da die ÖVP ihre Chefs regelmäßig vor dem eigentlichen Ablaufdatum verschleißt, insgesamt fünf in den vergangenen zehn Jahren. Die Inhalte von Nehammers Rede kannte man aus Nehammers Interviews: Krieg, Pandemie, Teuerung, Pflege, Freiheit, Solidarität, Wirtschaft, Sicherheit, … Alles kam vor, nur nichts Neues. Der langjährige ÖVP-Kommunikationstrainer Nehammer durfte mit dem Bundesparteiobmann Nehammer dennoch zufrieden sein: Die Rede war rund, stellenweise witzig, im Vortrag durchaus gewandt. Den eigentlichen Grund für den Parteitag streifte Nehammer bloß. „Korruption“ sei zwar ernst, aber es gäbe keine Organisation, die von sich behaupten könnte, fehlerlos zu sein, "nicht einmal der Vatikan". Nach seinem Besuch bei Putin legt sich der Kanzler jetzt auch mit dem Papst an.

Krötentunnelblick

Zuvor hatte Klubobmann August Wöginger seinem Chef ein wenig die Show gestohlen. Das tut der Gust eigentlich bei jedem Parteitag. Der Innviertler ist der begabteste Bierzeltredner der Volkspartei und wird von der Regie gern als Einheizer gebucht. Den vor der Halle demonstrierenden Tierschützern richtete er aus: „Wir sind die Tierfreunde-Partei. Aber wir kennen auch die Unterschiede zwischen Nutztier, Haustier, Wildtier und Plüschtier.“ Krötentunnel findet der Gust gut, aber man müsse Umweltschutz mit Hausverstand betreiben.

Bei der Wahl zum Parteiobmann erhielt Nehammer 100 Prozent der abgegebenen Stimmen. Das bedeutet nicht zwingend, dass er für sich selbst stimmte, er könnte auch auf die Stimmabgabe verzichtet haben. Nach der Verkündung des Ergebnisses schritt der neue ÖVP-Chef – ganz Showman – unter Ovationen die Bühne ab, von links nach rechts und zurück, faltete die Hände, hielt sich die rechte aufs Herz und grüßte seine Schar voller Dankbarkeit. Mit dieser Performance hätte er auch den Song Contest gewonnen.

Sebastian Kurz wurde nicht mehr gesehen. Wahrscheinlich war er bereits zur nächsten Geschäftsreise aufgebrochen.

 

Sie lesen Folge 2 aus der dritten Staffel einer Serie von Gernot Bauer über die heimische Innenpolitik. Alle bisher erschienen Teile von “Bauer sucht Politik” können Sie hier nachlesen.

 

Der profil-Redakteur ergründet seit 20 Jahren Wesen und Unwesen der österreichischen Innenpolitik. 

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