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profil-Morgenpost
10/18/2021

Schallenberg ist Schüssel. Kurz ist Haider.

Nach 22 Jahren griff die profil-Redaktion wieder in die Trickkiste. Und will damit die Zukunft voraussagen.

von Christian Rainer

Hat profil in dieser Woche Sebastian Kurz oder Alexander Schallenberg auf der Titelseite der Print- und E-Paper-Ausgabe? Der Physiker Werner Heisenberg würde – für Laien gnädig formulierend – antworten: Das hängt vom Betrachter ab. Sie wissen schon: Unschärferelation und so. Also: Wir haben in die Trickkiste gegriffen und ein Bild des Altkanzlers mit einem Bild des neuen Kanzlers gemorpht. Dabei lässt ein Computerprogramm ein Bild fließend in ein anderes übergehen.

Die Trickkiste ist übrigens recht angestaubt: Gemorphte Bilder waren vor zwei Jahrzehnten en vogue. Das letzte mir erinnerliche, klassisch gemorphte profil-Cover entstand am 3. Oktober 1999, dem Tag der letzten Nationalratswahl des 20. Jahrhunderts. Wir morphten Jörg Haider und Wolfgang Schüssel und texteten „Sieger Haider. Schüssel Kanzler?“ Die ÖVP war Dritter geworden, die FPÖ Zweiter, die SPÖ hatte gewonnen. Entsprechend kritisiert wurden wir daher auch ob dieser unwahrscheinlichen Prognose. Genau so kam es dann aber im Jänner 2000.

Spaß beim Morphen

Jedenfalls hatten wir zu Redaktionsschluss am vergangenen Freitag durchaus Spaß. Wir saßen gemeinsam vor meinem Bildschirm, während Artdirektor Erich Schillinger in seinem Homeoffice den Regler hin und her drehte, bis wir meinten, die richtige Mischung der beiden Personen gefunden zu haben. Urteilen Sie bitte selbst!

Das Thema ist jedoch ernst, betrifft die Zukunft dieser von Regierungskrisen gebeutelten Republik, wird wie kein anderes allüberall diskutiert und eben auch bei profil in Print und auf profil.at. Wer regiert dieses Land wirklich? Der ÖVP-Parteiobmann, der den Koalitionspakt unterschrieben hat und daher der Ansprechpartner seines Gegenübers Werner Kogler bei den Grünen bleibt, der zudem als Klubobmann im Nationalrat, die Legislative repräsentiert. Oder doch der Bundeskanzler, der ja als Regierungschef eigentlich nur ein ausführendes Organ ist? (Über die Stellung der Regierung im Dreieck der Gewaltenteilung lässt sich übrigens trefflich streiten, die Interpretation hat sich über die Zeiten auch etwas verändert.)

Telefonat mit einem Landeshauptmann

Eine zynische Antwort darauf wäre: Weder noch, denn das Land wird föderalistisch von den Landeshauptleuten regiert; sie bleiben, während Kanzler und Vizekanzler wie auch die Parteichefs kommen und gehen. Weniger zynisch formulierte es einer der Landesfürsten (generisches Maskulinum) in einem Telefonat mit dem Autor dieser Morgenpost am Wochenende: „Wenn es Alexander Schallenberg nicht gelingt, sich zu emanzipieren, wird die Koalition zerbrechen. Einerseits wird es Sebastian Kurz den Grünen nicht verzeihen, dass sie ihn zum Rücktritt genötigt haben. Andererseits ist eine Neuwahl rein logisch die einzige Chance für ihn, ins Kanzleramt zurückzukehren.“

Wird 2022 gewählt?

Wird 2022 also gewählt werden? Das ist die Frage, nicht minder heftig diskutiert, die sich daher aus der Frage nach dem wahren Machthaber im Land ergibt. Was denken Journalistinnen und Journalisten? Die Meinungen sind geteilt. In der Sendung „Politik live“ auf ORF 3 am 7.10. – vor dem Kurz-Rücktritt – bejahten meine Chefredakteurskollegen – im Gegensatz zu mir – die Frage. Auch im „Club 3“, der gemeinsamen Talk-Sendung von profil, „Kurier“ und „Kronen Zeitung“ tippten Martina Salomon und Klaus Herrmann auf Wahlen 2022. In der Runde der Chefredakteure am vergangenen Sonntag auf ORF 2 waren die Meinungen dann eher geteilt.

Sicher ist: 2023 werden vier Landtagswahlen geschlagen. Sicher ist auch: Deren Ergebnis wird maßgeblich davon abhängen, ob 2022 Nationalratswahlen stattfinden. Und wer daraus als Sieger hervorgeht.

Eine schöne weitere Woche wünscht Ihnen

Christian Rainer

Herausgeber und Chefredakteur

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