Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) am Samstag, 09. Oktober 2021, anl. eines Statements im Bundeskanzleramt in Wien.

Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) am Samstag, 09. Oktober 2021, anl. eines Statements im Bundeskanzleramt in Wien.

© APA/GEORG HOCHMUTH

profil-Morgenpost
10/11/2021

Schrödingers Kurz

Sebastian Kurz ist nicht mehr Bundeskanzler, wirklich weg ist er aber auch nicht. Was nun?

von Siobhán Geets

Es war ein nervenzerfetzendes Wochenende. Am Freitag sah es ganz danach aus, als würde Sebastian Kurz Kanzler bleiben, die ÖVP-Landeshauptleute standen geschlossen hinter ihm. Das könnte auch daran liegen, dass sie die 104 Seiten mit den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft gegen Kurz und seine Vertrauten nicht gelesen hatten. Dann aber scheinen einige von ihnen doch einen Blick in die Durchsuchungsanordnung der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) mit den belastenden Handychats geworfen zu haben.

Am Samstag war die Situation jedenfalls eine ganz andere. Am Abend trat Kurz vor die Presse und verkündete... nun ja, was eigentlich?

Es war ein sehr österreichischer Rücktritt. Eigentlich war es gar keiner. Kurz ist vielmehr – vielleicht sollte man es in seinen eigenen Worten formulieren – zur Seite getreten. Außenminister Alexander Schallenberg wird Kanzler, Kurz bleibt Parteiobmann und wird Fraktionschef der ÖVP im Parlament.

Es ist wie mit Schrödingers Katze: Im Gedankenexperiment des berühmten österreichischen Physikers ist das Tier sowohl tot als auch lebendig, bis jemand die Kiste öffnet und nachsieht.

Was bedeutet das alles für Österreich und wie geht es nun weiter? Im aktuellen profil-Podcast werfen profil-Herausgeber Christian Rainer und Vize-Chefredakteurin Eva Linsinger ein Licht auf diese Fragen.  

Mit absoluter Sicherheit können aber auch die Polit-Profis nicht sagen, was als nächstes kommt. Abzuwarten bleibt etwa, was sich mit einem Kanzler Schallenberg ändert. Wird er als Kurz' verlängerte Hand agieren? Schallenberg ist zwar erst seit wenigen Jahren ÖVP-Mitglied, Bürgerlicher ist er aber „seit Geburt“, wie er im Interview mit profil verraten hat.

Der 52-Jährige gehört schon länger zum engsten Kreis um Sebastian Kurz. Als seine Marionette scheint der Karrierediplomat aber nicht geeignet.

Es geht, wie immer, um ihn

Der Tiroler Landeshauptmann Günther Platter sprach am Sonntag übrigens von einer „schwarz-grünen Koalition“. Das war ein ziemlich deutliches Zeichen dafür, dass das Türkise System auch innerhalb der Partei schwer angeschlagen ist. Immerhin werden Kurz und seine drei engsten Berater der Bestechlichkeit verdächtigt.

Kurz hat, auch das zeigen die Chats, Reinhold Mitterlehner zu Fall gebracht und die Partei übernommen. Aus der ÖVP wurde die „Liste Sebastian Kurz“. Österreichs Konservative ließen das mit sich machen, weil Kurz die richtigen Umfragewerte brachte. Hat sich das nun geändert? Immerhin hat Kurz' Team sie zumindest teilweise gefälscht. So vermutet es die Staatsanwaltschaft und legen es Dutzende Chats aus dem Türkisen Zirkel nahe.

Es wird spannend zu sehen, ob Kurz' Opferrhetorik zieht und die ÖVP ihn womöglich vor den nächsten Wahlen wieder als Kanzlerkandidaten aufstellt. In Schrödingers Gedankenexperiment wird erst mit der Untersuchung klar, welches Schicksal die Katze erleidet. Wie „weg“ Kurz wirklich ist, werden die kommenden Monate zeigen. Die Entscheidung darüber liegt in den Händen der ÖVP.

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