Jahresausgabe

Seelenverwandtschaften: Was verbindet Österreicher und Russen?

Warum wurde – und wird – Wladimir Putin gerade in Wien so hofiert? Geht es vielen Russland-Verstehern gar nicht nur ums Geschäft?

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Es war ein nasskalter Wintertag, als der russische Präsident Wladimir im Jänner 2001 erstmals als Staatsgast in Österreich war. Der erste Eindruck: grau. Ein Apparatschik des KGB, der fließend deutsch spricht und selten lächelt; durchtrainiert, stets nüchtern, obwohl vom ewig besoffenen Boris Jelzin an die Spitze protegiert. Er führe ein bescheidenes Leben, so sagte man, mit harter Hand bringe er Ordnung in das Chaos der Jelzin-Jahre.

Ein Jahr zuvor hatte die österreichische Botschaft in Moskau ein Symposium mit Intellektuellen beider Länder abgehalten. Man sprach über Russlands Identität nach dem Zerfall der Sowjetunion, über Kant, den Putin gern zitierte, und Metaphysik. Ein Geraune über das russische Imperium deutete sich an. Das wirkliche Leben blieb draußen: Hunger und Elend auf den Straßen, sagenhaft reiche Oligarchen, die sich im Westen Villen kauften und ihre Kinder in Eliteinternaten einschrieben. „Was ist mit dem Tschetschenienkrieg?" war eine einsame Frage aus dem Publikum. Ein Referent hielt anklagend ein russisches Massenblatt in die Höhe, Schlagzeile: „Machen wir Europa süchtig - nach unserem Gas.“

Die Konferenz hinterließ keine Spur, nur einen Tagungsband.

Putins Konvoi, der am 9.1.2001 über den Wiener Ring raste, umfasste 28 Wagen mit Köchen, Vorkostern, Ärzten, Beratern und 800 Kilogramm russischen Lebensmitteln. Putin wusste, wie leicht man jemanden vergiften kann.

Die österreichische Regierung war euphorisch. Das vergangene Jahr hatte sie in unfreiwilliger Isolation verbracht. Die EU-Sanktionen wegen der Regierungsbeteiligung der Freiheitlichen waren eben erst ausgelaufen. Und nun: höchster Besuch. Der Ballhausplatz, weiträumig gesperrt, lag da in Grabesruhe, während in Moskau zur selben Zeit lautstark gegen die Zerschlagung eines unabhängigen Medienkonzerns protestiert wurde.

Im Vorfeld waren Bundespräsident Thomas Klestil und Bundeskanzler Wolfgang Schüssel eifersüchtig um Putin bemüht gewesen, doch das Zeremoniell sprach für die Hofburg. Schüssel ließ sich beim Staatsbankett mit kaiserlichem Tafelgeschirr und Silberbesteck gar nicht erst blicken. Er wusste, beim Skifahren am Arlberg würde er Putin nahekommen wie kein anderer. Da konnte Klestil nicht mithalten.

Das Dinner verlief launiger als erwartet. Putins Tischrede, von Journalisten als „feinsinnig“ beschrieben, bestand aus historischen Reminiszenzen. In einem Trinkspruch sagte er, Russland und Österreich seien beide kulturelle Großmächte, und als solche verstehe man einander. Dabei lächelt er. Aus einer Ecke des Saales erklang Geigenmusik - die alte Stalin-Hymne, die Putin wieder eingeführt hatte.

„Mehr als eine Charme-Offensive“ jubelte die „Kronen-Zeitung“. Geschäftsaufträge im Wert von 3,4 Millionen Euro waren unter Dach und Fach. Als Putin zwei Tage später auf den Arlberg fuhr, bildeten Schaulustige schon ein ordentliches Spalier.

Putin wurde gefeiert. Wie er mit Schüssel über die Hänge wedelte – von Skilegende Karl Schranz mit „der fahrt aber guat“ geadelt. Dass Putin ohne Vorkoster in ein Würstel biss, galt als Liebesbeweis. „Präsident Putin ist eine echte Hoffnung. Er hat Russland die Würde zurückgegeben“, erklärte Schüssel.

Putin muss sich vorgekommen sein wie zu Kaisers Zeiten. Heute sieht er sich in einer Reihe mit Peter dem Großen, Katharina der Großen und Stalin. Das wurde Ex-Kanzler Alfred Gusenbauer, der mittlerweile an Putins mentaler Gesundheit zweifelt, von dem ehemaligen polnischen Präsidenten Aleksander Kwasniewski hinterbracht. Dem gelernten Österreicher ist Hochmut auch nicht fremd – eine Nation, die einst glaubte, vom Ballhausplatz aus werde die Welt regiert, „ein Land zwischen rührseliger Unterschätzung und grenzenlosen Grandiositätsgefühlen“, so der Psychiater Erwin Ringel in seiner bahnbrechenden Analyse der „österreichischen Seele“. Ringl erkannte Gehorsam, Höflichkeit und Sparsamkeit als die wichtigsten Erziehungsziele der Österreicher. Die vielgerühmte Höflichkeit – nichts anderes als vorauseilender Gehorsam; Befehle, noch ehe sie ausgesprochen werden, zu erahnen und zu erfüllen?

Ringl fand noch eine weitere österreichische Besonderheit, die man auch Putins Russland nachsagt: „Jeder fürchtet jeden, hält ihn für einen Konkurrenten, einen potentiellen Feind, man beobachtet einander, stellt gleichsam schon weit draußen, im Vorfeld der Begegnung Horchposten aus, jedes Gerücht über angeblich böse Absichten des anderen, und sei es auch noch so abstrus, wird geglaubt.“

Der Österreicher ist auch leicht entflammbar. Man denke nur an die ersten Monate des Jahres 1938. Polizeifilme aus der Nacht des Umbruchs, Hitler war noch nicht einmal da, aber am Weg, zeigen aufgerissene Münder und entgleiste Gesichter, hysterisch den Namen ihres Führers rufend. Menschen, die noch wenige Stunden zuvor als Angestellte, Verkäuferinnen und Greissler gehorsam ihren Pflichten nachgegangen waren. Ein Land mit großer Geschichte hatte sich innerhalb von Stunden in einen Sumpf verwandelt, in dem Brutalität, Niedertracht und Unmenschlichkeit ihre giftigen Blasen warfen. Wofür die Deutschen fünf Jahre gebraucht hatten, war in Österreich in ein paar Monaten geschafft.

Von 600.000 österreichischen NSDAP-Mitgliedern liebte ein Gutteil ihren Hitler mindestens wie die Russen ihren Stalin. Man weiß heute ziemlich genau, wie sich Deutsche und Österreicher im Russlandfeldzug aufführten. Ist es eine unterbewusste Sühnereaktion, dass Putin in Österreich immer beliebter wurde?

Vor kurzem ging eine schockierende Grafik über die Opfer des zweiten Weltkriegs viral. Die sowjetische Führung hatte den Blutzoll jahrzehntelang hinunterlizitiert, erst unter Michail Gorbatschow wurden 27 Millionen Sowjetbürger als Opfer des Kriegs zugegeben. Deutsche und Österreicher hatten in den ersten Kriegsjahren wenig Verluste, erst der Überfall auf die Sowjetunion lässt ihre Säule ansteigen, doch die der Roten Armee wächst und wächst und wächst - über den Bildschirmrand hinaus, wenn sie könnte.

Die Rote Armee hatte zwar viele, aber nicht die besten Panzer, mehr rollende Eisenkisten; ohne amerikanische Lieferungen von Flugzeugen, Lebensmitteln und Stahl wäre sie verloren gewesen. Ihr Beitrag war die Masse an Menschen, sie gewann den Krieg, weil sie Menschen verfeuerte, immer neue Reservisten an die Front warf. Der Historiker Richard Overy meint, die „Vergeudung von Menschenleben“ – wie das jetzt auch im Ukraine-Krieg zu beobachten ist – liege „in der Tradition russischer Heere“.

Dazu kam der Stalinistische Terror. Kein Verhalten konnte einen schützen. Er herrschte absolute Willkür und versetzte eine ganze Gesellschaft in Angst. Ein Wort, eine Andeutung von einem, dem Stalin gerade sein Ohr schenkte, war das Ende.

Die Schauprozesse taten weh. Prominente Revolutionäre gestanden, zermürbt von Folter, ausländische Spione zu sein. Einige gestanden, weil sie glaubten, damit ihren revolutionären Idealen zu dienen. Wenn die Partei auch irrte, der Glaube an die Weltrevolution sollte keinen Schaden erleiden.

Die russische Seele ist leidensfähig und bereit zu einer Hingabe, die man sonst nur aus religiösen Märtyrergeschichten kennt. Der britische Historiker Orlando Figes beschreibt in der vor kurzem erschienenen „Geschichte Russlands“ ein von Mythen, Glauben, Leiden und Sehnsucht nach vergangener Größe geschundenes russisches Selbstverständnis. Die Verwestlichung Russlands, eine Zeitlang von oben forciert, sei nie gelungen. Der Zarenkult und seine Schicht loyaler Vollstrecker – die gefürchteten „opritschniki“ – finden heute einen Widerschein in Putins engstem Kreis.

Aus Studien mit Überlebenden des Holocaust weiß man, dass Traumata über mehrere Generationen weitergegeben werden. Das könnte auch auf die vom Stalin-Terror Geschädigten zutreffen. Eingeübte Verhaltensweisen, immer neu getriggert – im Fall Russlands die Angst vor der Willkür von oben und der Wunsch, von einer Autorität beschützt zu werden.

Die Menschenorganisation „Memorial", 1989 in der Aufbruchszeit unter Gorbatschow gegründet, dokumentierte die Opfer des Stalin-Terrors. In der russischen Gesellschaft fand das wenig Widerhall. 2017 rechtfertigte der Chef des Inlandsgeheimdiensts, Alexander Bortnikow, den Terror damit, dass man Menschen nicht grundlos verfolgt habe. Es sei immer etwas Reales dahintergestanden. Und wie über den „Großen Vaterländische Krieg“ geredet werden darf, ist in Russland gesetzlich geregelt. Erlaubt sind Erzählungen von Heldenmut und vom Opfertod, der in der russischen Seele gründe. Oder in den Worten Putins (2014): „Für sein Vaterland zu sterben – darin liegen die tiefen Wurzeln unseres Patriotismus." In Umfragen wurde Stalin in den vergangenen Jahren bei den Russen immer beliebter.

„Memorial" wurde im Dezember 2021 verboten. Nikita Petrov, einer ihrer Sprecher, ist nach kurzem Auslandsaufenthalt wieder nach Moskau heimgekehrt. Werde er verhaftet, sei das ein schöner Endpunkt seiner Biografie, soll er gesagt haben. Der Oppositionspolitiker Alexej Nawalny kehrte nach einem Mordanschlag, den er wie durch ein Wunder überlebte, nach Russland zurück. Er befindet sich in einem Lager in Sibirien, ohne Kontakt zu Familie und Anwalt. Auch das ist die russische Seele.

Wie tut eine Gesellschaft, die jahrelang in Angst lebt? Sie vertraut nur allerengsten Freunden. Sie flüstert.

In der Nachkriegszeit flüsterten auch die Österreicher. Doch da waren Stammtische, Kameradschaftsverbände und politische Zirkel, in denen ganz anders geredet werden durfte. In Vereinsblättern wurden gesuchte Kriegsverbrecher in Inseraten davor gewarnt, nach Österreich zurückzukommen. Das hatte Simon Wiesenthal aufgedeckt.

Trotz seiner Nazi-Vergangenheit galt Österreich nach 1945 als „erstes Opfer Hitlers“. Das ging zum Teil auf die Initiative der Sowjets zurück. Der Historiker Peter Ruggenthaler fand Dokumente im Staatsarchiv, in denen die russischen Besatzer in Wien sich gegenüber dem Außenamt verwundert zeigten, dass sich Österreich nicht stärker als Opfer präsentiere. Für Stalin war das Machtkalkül.

Für Österreich war billiges Erdgas und Erdöl der Stoff, auf dem die eigene Nachkriegsgeschichte gebaut werden konnte. Die österreichische Mineralölverwaltung schloss 1968 einen Liefervertrag mit der Sowjetunion für eine Laufzeit von 23 Jahren. Als am 21. August 1968 die Reformbewegung in der CSSR von Moskau niedergeschlagen wurde, stand die Politik plötzlich auf dem moralischen Prüfstand – und sie versagte. Österreich verurteilte den Einmarsch nicht. Man fürchtete um das Gas, das in jenem September eintreffen sollte.

Man ließ zwar 200.000 tschechische Flüchtlinge ins Land, doch das war der Courage des Botschafters in Prag, des späteren Bundespräsidenten Rudolf

Kirchschläger, zu verdanken. Der damalige Außenminister Kurt Waldheim hatte dagegen ein Visa-Verbot angeordnet. Waldheim gab dem sowjetischen Botschafter in Wien vertraulich zu verstehen, dass er Zeitungsredakteure darauf hingewiesen habe, „bei der Beleuchtung der Ereignisse sei von einer neutralen Position der Regierung auszugehen.“ Kanzler Klaus wirkte auf den ORF ein. Die Russen waren zufrieden. Das Erdgas traf pünktlich ein. Die Voest lieferte wie vereinbart Rohre für den Bau einer sibirischen Pipeline. Die Grundlage für den Osthandel war gelegt. Als in den 1980er-Jahren das NATO-Embargo gegenüber den Oststaaten Hochtechnologie und Mikrochips auf die Verbotsliste setzte, wurde vieles über Österreich und Zwischenhändler abgewickelt. Aus Sicht des Pentagon war Österreich damals ein „Sicherheitsrisiko für den Westen“.

Fortwährende Putin-Festspiele verfestigten das Bild von Österreich als einem unsicheren Kantonisten.

In Österreich glaubte man, Putin habe Humor. Dabei waren seine angeblich so schlagfertigen Bemerkungen eher eine Verhöhnung des Gegenübers. So ließ er bei einem Staatsbesuch der deutschen Kanzlerin seinen Jagdhund los, der schnüffelnd auf Angela Merkel zusprang. „Ich habe gehört, du hast ein Problem mit Hunden“, hatte er zuvor einmal erwähnt.

Krass verlief auch Putins Auftritt in Wien 2014, drei Monate nach der gewaltsamen Besetzung der Krim. Stehende Ovationen, als Putin den Festsaal in der Wirtschaftskammer betrat. Geschmunzel und Gelächter, als Kammerpräsident Christoph Leitl über seine eigene Dauerpräsidentschaft scherzte – so lange kenne man sich also schon – und Staatsgast Putin, an der Seite eines amüsiert wirkenden Bundespräsidenten Heinz Fischer, einwarf: „ein Diktator, aber ein guter".

Auch 2007 war ein Putin-Besuch in Wien angesagt. Der ehemalige russische Energieminister Wladimir Milow (2002 abgesetzt) warnte damals öffentlich: Europa solle sich nicht durch Gas und Öl erpressbar machen. Putins Widersacher Alexander Litwinenko war in London an einer Polonium-Vergiftung elend zugrunde gegangen; die russische Journalistin Anna Politkowskaja war im Treppenhaus ihrer Wohnung erschossen aufgefunden worden. Ihr letzter Appell an den Westen: „Ich gebe zu, dass mich Depressionen befallen, wenn ich sehe, wie Europa sich Putins Russland gegenüber verhält. (…) Es soll Tyrannei herrschen, solange wir uns nur heraushalten können und davon unbeschadet bleiben, solange Erdöl und Erdgas nur schön weiter zu uns fließen.“

Der Politikwissenschafter Martin Malek schrieb in einer Abhandlung zur Österreichischen Energiepolitik, er verstehe nicht, weshalb Russland als verlässlicher Partner gelte. Unbotmäßigen Ländern habe es bereits dutzende Male den Gashahn zugedreht. Und er frage sich, „warum das Selbstbewusstsein der Kreml-Führung immer größer werde, während die Regierungschefs wirkten". 2010 wurde Kanzler Werner Faymann bei einem Putin-Besuch von seinem Gast wie ein Schulbub gerügt, weil er das „Nabucco“-Pipeline-Projekt durch Aserbaidschan unterstützte.

Noch immer dachten österreichische Politiker, sie hätten zu Putin eine besondere Beziehung. In der ÖMV kamen Putin-affine Manager zum Zug. Im Jahr 2018 – das bisher letzte Mal, dass Putin in Wien war – wurde der Gazprom-Vertrag auf weitere 40 Jahre verlängert.

Catrin Kahlweit, Osteuropaexpertin und Korrespondentin der „Süddeutschen Zeitung“, hat den Eindruck, österreichische Politiker seien „nicht in der Lage oder nicht willens, das System Putin intellektuell zu durchdringen.“ Es herrsche eine Schlampigkeit und Trägheit, seine eigenen Fehler und Versäumnisse aufzuarbeiten. „Irgendwie typisch österreichisch.“

Christa   Zöchling

Christa Zöchling

war bis 2023 in der profil-Innenpolitik