Stadt Wien und Novomatic: Verhältnis am Tiefpunkt

Brot und Spiele: Automatenhallen eröffnen, Wettlokale schließen

Brot und Spiele: Automatenhallen eröffnen, Wettlokale schließen

Nach einer Razzia schränkte die Novomatic-Tochter Admiral Live-Wetten drastisch ein. Der Spielerschutz wurde inzwischen verstärkt.

"So mancher Fußgänger hat sich wohl gedacht, da ist ein Anti-Terror-Einsatz im Gange." Im Kreise des Sportwetten-Anbieters Admiral ist der Ärger über die Razzia, die am Nachmittag des 10. März in Wien-Ottakring über die Bühne ging, nach wie vor groß. Beamte der Magistratsabteilung 36 rückten, von mehreren Polizisten begleitet, an und beschlagnahmten alle 14 Wett-Terminals. Das Lokal selbst wurde dichtgemacht. Wenige Stunden zuvor war eine profil-Meldung über den News-Ticker gegangen. Inhalt: Die Wiener Grünen hatten Admiral, die 100-Prozent-Tochter des Automaten- Riesen Novomatic, angezeigt. Verdacht: Verbotene Live-Wetten. "Es war ein Routine-Einsatz. Aufgrund des offenkundigen Verdachts waren wir gezwungen, unverzüglich Zwangsmaßnahmen zu setzen", rechtfertigt der Chef der MA 36, Dietmar Klose, die Aktion. Die Behörde ist für Wetten zuständig und untersteht SPÖ-Stadträtin Ulli Sima.

Wien und die Glücksspielindustrie, auf eine baldige Freundschaft werden keine Wetten angenommen. 2015 machte die rot-grüne Stadtregierung die Bundeshauptstadt zur Verbotszone für Zockerautomaten außerhalb von Casinos -nach Vorarlberg, Tirol, Salzburg. Novomatic verlor seither Hunderte Millionen an Umsatz. 2016 traf ein Verbot der meisten "Live"- Sportwetten die Tochterfirma Admiral. Live-Wetten ähneln dem Glücksspiel und weisen erhöhtes Suchtpotenzial auf. Das Verbot exekutiert Sima so streng, dass es nach 26 kleineren, illegalen Wettlokalen samt 460 Automaten nun selbst eine Filiale des Marktführers traf. Eine neue Eskalationsstufe.

Das Match geht vorerst an Sima und die Grünen. Obwohl Admiral via Anwalt nach wie vor darauf pocht, nur erlaubte Wetten angeboten zu haben und von einem Sieg im Rechtsstreit ausgeht, schaltete die Firma in Wien vorläufig alle "Restzeitwetten" ab. Dabei konnte man darauf setzen, wer "die restliche Spielzeit" gewinnt, selbst wenn das Spiel bald endet. Nach Eigenangaben ebenfalls deaktiviert hat Admiral die von den Grünen inkriminierten Wetten auf Tennis-Games.

Die Reaktion zeigt: Auf dem Feld des Glücksspiels und der Wetten wird jeder Spielraum maximal ausgereizt, juristisch um jeden Millimeter gerungen. So groß sind die möglichen Profite. Parallel dazu bleibt nichts unversucht, das Image zu polieren, siehe die neue "Verantwortungsmanagerin" bei Novomatic, Eva Glawischnig. Die Ex-Chefin der Grünen wird sich in dieser Rolle vor allem um Spielerschutz kümmern müssen. Der klappe bei Novomatic aber schon jetzt "bestens", streute sie dem neuen Arbeitgeber Rosen.

Ein gewisser K. ist anderer Meinung. Im Mai 2017 unterzeichnete er bei Admiral eine freiwillige Selbstsperre (sie liegt profil vor)."Ich wusste, ich kann von allein nicht mehr aufhören." Wett-Terminals und die Online-Seite waren für den Mann fortan gesperrt. An der Kasse konnte der Mit-Dreißiger jedoch weiter Wetten platzieren -und viel Geld verlieren. Danach will er Mitarbeiter immer wieder zerknirscht gefragt haben: "Ich will nicht mehr spielen. Warum lasst ihr mich?"

Der Anwalt von Admiral, Walter Schwartz, sagt: "Die anonyme Wettabgabe an Kassen ist gesetzlich zwar nach wie vor erlaubt. Weil sie es aber schwierig macht, Selbst-und Fremdsperren sicher umzusetzen, hat Admiral diese Möglichkeit von sich aus abgeschafft." Seit Anfang 2018 dürfen nur noch registrierte Kunden bei Admiral wetten. Nach Bekanntwerden des Falles K. habe man den Spieler bei einem Treffen auf Therapiemöglichkeiten hingewiesen, und ihm dafür eine "Entschädigung" zukommen lassen.

Alles begann mit Andre Agassi

K. zeigt, wie süchtig selbst reguläre Wetten machen können. Bei ihm begann alles mit Andre Agassi. "Der war lustig, deswegen habe ich auf ihn gesetzt." Beide gewannen. Agassis Ergebnisse von vor zehn Jahren kann K. heute noch aufzählen. Als Kellner huschte er, während Kollegen eine Zigarette rauchten, in ein Admiral-Lokal und platzierte eine neue Wette. Flüchtige Blicke auf den Spielverlauf versüßten ihm den Arbeitstag. Die Folgen waren bitter. Er verlor für seine Verhältnisse ein Vermögen.

Durch Selbstbeschränkungen und strenge Gesetze haben Wettfirmen in Wien an Terrain eingebüßt. Bei den Glücksspielautomaten außerhalb von Casinos macht die Industrie hingegen wieder Boden gut. Anfang Februar stellten die Lotterien 50 WINWIN-Geräte in der Admiral-Halle im Wiener Prater auf. Bis Juni folgen 50 Automaten im Böhmischen Prater und bis Jahresende 50 weitere in einer neuen Location im großen Prater - damit steigt der Automateneinsatz in Wien in nur einem Jahr wieder von 0 auf 150. SPÖ und Grüne zürnen -doch ihr Verbot greift in diesem Fall nicht. Warum?

Die Lotterien sind eine Tochterfirma der teilstaatlichen Casinos Austria (Novomatic ist sowohl an den Casinos als auch den Lotterien direkt beteiligt und liefert Geräte). Da die Lotterien über eine eigene Automatenlizenz für das gesamte Staatsgebiet verfügen, können sie ihre Geräte auch gegen den Willen eines Verbots-Bundeslandes aufstellen. Doch die Casinos-Tochter verzichtete bis heuer freiwillig auf diese Option. Grundlage war ein Agreement aus dem Jahr 2011, wonach Geräte nur in Abstimmung mit der Stadt aufgestellt werden. Durch die 50 neuen Geräte im Prater fühlte sich Sima überrumpelt und sprach von "Wortbruch", die Lotterien wollen ihren Plan sehr wohl in der Stadt deponiert haben. Wie auch immer: Nach profil-Informationen haben die Lotterien einen neuen Brief nun direkt an die Stadträtin gesandt. Inhalt: Jenseits der beschlossenen 150 Automaten sollen in Wien weitere Geräte nur noch nach Absprache mit Sima persönlich aufgestellt werden. Die Stadträtin nimmt das Friedensangebot an. "Ich bin froh, dass es gelungen ist, das Schlimmste zu verhindern. Denn bis zu 3000 Automaten wären möglich." Sie sieht den Brief als Zusage an die Stadt und nicht nur an sie persönlich, schränkt aber ein: "Wir haben schon einmal so einen Brief bekommen, mal sehen, was dieser nun wert ist."

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